"Die Idee, die hinter Smart Cities steckt, ist kein Label, das sich Städte mal eben kurz zu Marketingzwecken auf die Fahnen schreiben können", mahnt Jürgen Germies, Autor der Studie und Partner bei Haselhorst Associates.

"Die Idee, die hinter Smart Cities steckt, ist kein Label, das sich Städte mal eben kurz zu Marketingzwecken auf die Fahnen schreiben können", mahnt Jürgen Germies, Autor der Studie und Partner bei Haselhorst Associates.

Bild: © Haselhorst Associates

Herr Germies, Haselhorst Associates hat die Smart-City-Studie bereits zum fünften Mal erstellt; das Pionier-Ranking wurde 2018 veröffentlicht. Wie fällt heute Ihr Urteil für den Smart-City-Markt in Deutschland aus?
Jürgen Germies: Kurz gesagt: niederschmetternd. Obwohl die Anzahl der Kommunen, die noch gar keine Smart-City-Maßnahmen ergriffen haben, von Jahr zu Jahr gesunken ist, gibt es auf der anderen Seite so gut wie keinen Anstieg an digitalen Vorreiter-Städten. Über drei Viertel der von uns insgesamt 407 untersuchten Kommunen kommt sogar noch nicht einmal über einen Digitalisierungsgrad von 25 Prozent hinaus. Das heißt, ja, Smart City scheint zwar als Thema den meisten Städten bekannt zu sein, aber der tatsächliche Umsetzungsfortschritt geht viel zu langsam voran.

Woher rührt der Handlungsdruck, dass Städte die smarte Entwicklung aus Ihrer Sicht endlich schneller vorantreiben müssten?
Jürgen Germies: Die Idee, die hinter Smart Cities steckt, ist kein Label, das sich Städte mal eben kurz zu Marketingzwecken auf die Fahnen schreiben können. So wie wir von Haselhorst Associates das Konzept Smart City vielmehr verstehen, verbirgt sich dahinter eine ganz grundlegende Auseinandersetzung mit der Frage: Wie können wir unser aller Leben in den Städten so gestalten, dass es langfristig mit einer hohen Lebensqualität einhergeht und nachhaltig ist? Es steht nämlich fest: Machen wir so weiter wie bisher und unternehmen wir nicht genug, um die hohen CO2-Emissionen zu reduzieren, so werden Städte schon bald kein lebenswerter Ort mehr sein. Die aktuelle Energiekrise führt uns die Dringlichkeit des Handlungsdrucks hier natürlich noch einmal mehr vor Augen.

Dann kann Smart City also helfen, die CO2-Emissionen zu reduzieren?
Jürgen Germies: Absolut! Eine ideale Smart City macht sich dazu zunächst einmal Gedanken, für welche Werte sie steht und welche Vision das Stadtleben in Zukunft prägen soll. Ausgehend davon können dann die verschiedenen Handlungsfelder identifiziert werden, die hier das drängendste Verbesserungspotenzial aufweisen. Mit Hilfe einer langfristig gedachten und umfassenden Strategie entsteht schließlich ein konkreter Fahrplan, wie die einzelnen Maßnahmen angegangen werden können. Wichtig ist dabei, dass von Beginn an alle Stakeholder zusammengebracht werden. Denn eine Stadt allein kann die erfolgreiche Transformation hin zur Smart City auf keinen Fall bewältigen. Entscheidend für den Erfolg ist vor allem auch der enge Zusammenschluss mit den Stadtwerken.

Wie genau kann eine solche Zusammenarbeit zwischen Stadt und Stadtwerken im Kontext von Smart City denn aussehen?
Jürgen Germies:  Stadtwerken kommt als städtische Versorger eine ganz zentrale Rolle bei der Smart-City-Transformation zu. So ist es hier nicht nur wichtig, eine Energieversorgung aus regenerativen Energiequellen sicherzustellen und intelligent für die gesamte Stadt zu steuern. Insbesondere die digitale Infrastruktur kann auch ein entscheidendes Geschäftsfeld für Stadtwerke darstellen. Schließlich können innovative und ressourcenschonende Projekte in einer Stadt nur auf Basis eines funktionierenden Glasfasernetzes entwickelt und ausgebaut werden. Geht ein Stadtwerk hier proaktiv voran und etabliert sich als Versorger für die digitale Infrastruktur, öffnet sich damit ein lukratives Geschäftsmodell – und ein Stadtwerk wird so zum buchstäblichen Enabler der Smart City.

Um noch einmal auf das Ranking zurückzukommen: Gibt es umgekehrt denn auch ein Beispiel, wie eine Stadt den Smart-City-Gedanken schon jetzt erfolgreich umsetzt? Obwohl die Mehrheit noch so stark hinterherhinkt?
Jürgen Germies: Natürlich gibt es auch schon einzelne Städte, die auf jeden Fall auf dem richtigen Weg sind. So ist es beispielsweise toll zu sehen, dass Norderstedt in diesem Jahr zum ersten Mal den Sprung unter die Top 10 geschafft hat. Die Stadt im Süden Schleswig-Holsteins ist aus unserer Sicht ein Paradebeispiel dafür, wie fruchtbar der enge Zusammenschluss zwischen Stadt und Stadtwerken sein kann. So haben die Norderstedter Stadtwerke in Form ihres Telekommunikationsanbieters wilhelm.tel beispielsweise schon sehr früh erkannt, welches Potenzial im Ausbau der digitalen Infrastruktur steckt. wilhelm.tel versorgt heute schon über 95 Prozent der Norderstedter Haushalte mit einem Glasfaseranschluss. Damit blickt die Stadt auf eine ideale Ausgangsbasis, um innovative Smart-City-Projekte in die Tat umsetzen zu können.

Was muss aus Ihrer Sicht nun geschehen, damit sich mehr Städte hin zu Smart Cities entwickeln?
Jürgen Germies: Zunächst einmal braucht es noch ein Mehr an Aufklärungsarbeit, damit die Städte und Stadtwerke verstehen: Smart City ist alternativlos. Ist dieser Gedanke erst einmal verankert, sollten sich die Städte aus unserer Sicht aber dennoch die Zeit nehmen, die Transformation strategisch anzugehen. Leider stelle ich bei meiner Arbeit immer wieder fest, dass Städte erst hochmotiviert voranpreschen und erste Digitalisierungsprojekte umsetzen. Danach tut sich aber häufig ein großes Loch auf, sowohl, was die Entwicklung weiterer Ideen angeht, als auch was die Sicherstellung einer Anschlussfinanzierung betrifft. Diesen Fehler gilt es mit einer strategischen Herangehensweise dringend zu vermeiden. Und Stadtwerken wäre es aus meiner Sicht dringend anzuraten, sich zumindest einmal intensiv Gedanken über die digitale Infrastruktur und das dahinterstehende Geschäftsfeld zu machen. Ausgehend von diesen beiden Faktoren wäre die Mehrheit der Städte im Hinblick auf Smart City schon wesentlich besser aufgestellt, als es derzeit der Fall ist. (sg)

Die Studie im Detail

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