Die Laborwand für das Mehrsparten-Metering bei Gwadriga.

Die Laborwand für das Mehrsparten-Metering bei Gwadriga.

Bild: © Gwadriga

Von Stephanie Gust

Mit dem Steuerungsrollout wird es ernst: Ab Ende 2026 müssen 90 Prozent der neu-angeschlossenen Leistung regelbar sein. Für Michał Sobótka, Geschäftsführer von Gwadriga, ist das der entscheidende Schritt zum Smart Grid. "Wir sind überzeugt, dass es keinen Sinn macht, zu warten. Die Technik ist da, also muss sie jetzt ins Feld", sagt er im Gespräch mit der ZfK.

Vier Millionen Messsysteme bis 2033

Der Full-Service-Anbieter aus Berlin wurde 2016 von EWE Netz, Rheinenergie und Westfalen Weser Netz gegründet. Zusammen bringen die drei Gesellschafter rund 1,5 Millionen Zählpunkte (Pflichteinbaufälle) ein. Inzwischen hat Gwadriga etwa 200.000 intelligente Messsysteme installiert. Bis 2033 sollen es vier Millionen sein – rund 15 Prozent des deutschen Marktes. "Trotz der Bedeutung unserer Gründungshäuser betreuen wir heute EVU in ganz Deutschland. Mehr als die Hälfte unseres Umsatzes generieren wir inzwischen dort", sagt Sobótka.

Zum Wachstum beigetragen haben auch Wechselbewegungen im Markt: Mehrere Versorger trennten sich von ihren IT-Dienstleistern bei der Smart-Meter-Gateway-Administration. Auch die Thüga SmartService gab ihre Eigenlösung auf. "Viele dieser Häuser haben sich für eine Standardsoftware entschieden. Mehrere Thüga-Versorger wie Mainova, N-Ergie, die ENM Koblenz oder ESWE Wiesbaden sind deshalb zu uns gewechselt", berichtet Sobótka.

CLS ON als Brücke

Herzstück des Steuerungsrollouts ist die Steuerbox. Sie verbindet Verbraucher oder Erzeuger mit dem intelligenten Messsystem. Gwadriga hat dafür das Projekt CLS ON gestartet, an dem neben den drei Gründungshäusern auch N-Ergie beteiligt ist. "Wir haben eine Lösung entwickelt, die uns heute schon die Inbetriebnahme von Steuerboxen erlaubt – auch wenn die ERP-Systeme vieler Versorger noch nicht angepasst sind", erklärt Sobótka.

Die Idee: Ein Softwareroboter simuliert die fehlende Kundenschnittstelle. So können Messstellenbetreiber Steuerboxen in Betrieb nehmen, ohne dass ihre zentralen IT-Systeme sofort ertüchtigt sein müssen. "Natürlich ist das nicht so effizient wie eine komplett integrierte End-to-End-Lösung. Aber man kann damit schon 10.000 bis 15.000 Geräte ins Feld bringen, ohne, dass der Monteur zweimal ausrücken muss", sagt Sobótka. Für den Massenrollout sieht sich Gwadriga gut gerüstet und sieht bis Ende 2025 mehrere hundert produktive Steuerboxen vor. Im nächsten Jahr ist im Rahmen des CLS-ON-Projekts eine mittlere fünfstellige Zahl an Geräten geplant.

Geräte sind verfügbar

Zuletzt hieß es öfters, es gebe noch keine geeigneten Steuerboxen. Sobótka widerspricht: "Die Geräte sind da und sie funktionieren. Mehrere Unternehmen haben zertifizierte Boxen am Markt." Besonders interessant sind Hybridlösungen, die Relais- und EEBus-Schnittstelle in einem Gerät vereinen. Diese Lösungen sollen 2026 verstärkt zum Einsatz kommen. "Das Argument, dass die Hardware fehlt, zieht nicht. Wer jetzt wartet, entscheidet sich bewusst für Verzögerung", so Sobótka. Das größte Zukunftspotenzial sieht der Gwadriga-Geschäftsführer in der EEBus-fähigen Steuerbox. Perspektivisch und sobald zertifiziert werden das Smart-Meter-Gateway und die Steuerbox in einem Gerät vereint sein.

Dass einige große Versorger den Rollout bremsen, sorgt bei ihm für Unverständnis. "Wir erleben gerade eine Elektrifizierungswelle. Anlagen kommen ans Netz und führen insbesondere im Süden und Osten zu zunehmenden Netzengpässen. Gesetze wie § 14a EnWG oder das EEG geben uns klare Spielregeln. Jetzt zu argumentieren, man wolle erst abwarten, ist aus meiner Sicht nicht nachvollziehbar."

Testschaltungen als Knackpunkt

Für Diskussion sorgt zudem der sogenannte Anlagen-TÜV: Jede steuerbare Erzeugungsanlage muss künftig durch Testschaltungen überprüft werden. Bis der Nachweis gelingt, dürfen bei kleinen und mittleren Anlagen nur 60 Prozent der Leistung eingespeist werden. "Das ist hart – und es sorgt bei vielen Betreibern für Ärger", räumt Sobótka ein. Gwadriga bereitet sich auf diese Prozesse vor. "Wir arbeiten daran, die Testschaltung als Standardprozess zu etablieren. Verbrauch messen, Anlage drosseln, erneut messen – und so den Nachweis führen."

Die gesetzliche Vorgabe dazu sei ehrgeizig, aber richtig. "Am Ende geht es darum, Netze stabil zu halten, ohne überall neue Kabel zu verlegen. Dafür brauchen wir Steuerbarkeit im Feld. Wer jetzt zögert, muss später doppelt investieren."

Kommunikation als Schwachstelle

Ein Problem bleibt die Konnektivität. Die meisten Gateways funken über den öffentlichen Mobilfunk. Erfolgsquoten schwanken stark: Bei Rheinenergie liegen sie laut Sobótka bei über 85 Prozent, in ländlichen Regionen wie um Nürnberg nur bei 60 Prozent. "Dort gehen erste Stadtwerke deshalb beispielsweise in einen konsequenten Powerline-Rollout", sagt er.

Sobótka richtet deshalb einen klaren Appell an die Branche: "Es reicht nicht, immer nur die Energieversorger in die Pflicht zu nehmen. Auch die Mobilfunkanbieter müssen liefern. Ohne stabile Kommunikation bleibt das Smart Grid Stückwerk."

Ausblick

Noch befinden sich viele Umsetzungsprojekte zum Steuern in der Niederspannung in der Pilotphase. Netzregler-Systeme von Envelio oder PSI Software sollen in den nächsten zwei bis drei Jahren in die aktive Netzführung integriert werden. Für Sobótka ist das kein Grund, den Rollout zu verschieben. "Wir dürfen nicht darauf warten, dass alles perfekt ist. Die Infrastruktur muss jetzt gelegt werden. Erst wenn die Geräte im Feld sind, kann die Steuerung wachsen und reifen."

Siehe auch:

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