Einbau eines intelligenten Messsystems in Dresden.

Einbau eines intelligenten Messsystems in Dresden.

Bild: © Digimeto/Eisenhuth

Aktuell behandeln viele Energieversorger den Bereich Messstellenbetrieb (MSB) eher minimalistisch. Sie erfüllen ihre Pflicht des grundzuständigen Messstellenbetriebs (gMSB) und damit ist das Thema abgehakt. Nur wenige erwägen, zusätzlich in den wettbewerblichen Messstellenbetrieb (wMSB) einzusteigen. Viele scheuen den zusätzlichen Aufwand, den sie – irrtümlicherweise, aber mehr dazu später – in der Abwicklung des wettbewerblichen Messstellenbetriebs vermuten.

Allerdings wird der Wettbewerb um die Kunden in naher Zukunft durch branchenfremde Messstellenbetreiber und durch die neue Marktrolle „Energie-Service-Anbieter“ (siehe Kasten) deutlich steigen. Für Versorger empfiehlt es sich jetzt (!), nicht länger zu warten und sich als Wettbewerblicher bei den Kunden aufzustellen, um sie rechtzeitig zu binden, bevor andere es tun.

Druck durch Energie-Service-Anbieter

Schon längst haben branchenfremde Unternehmen damit begonnen, sich als wettbewerbliche Messstellenbetreiber zu positionieren und den Kunden attraktive Angebote zu machen, zum Beispiel in puncto Energiemanagement, -controlling und -effizienzdienstleistungen, Smart Home, Sub-Metering oder gleich komplette individuelle Full-Service-Pakete rund um die Messwerte. Insbesondere die großen Wohnungsbaugesellschaften sichern sich momentan ein großes Stück vom Kuchen.

In Zukunft wird sich die Situation weiter verschärfen. Denn am 1. April 2022 wird mit einer WiM-Erweiterung (Wechselprozesse im Messwesen – „WiM 2022“) die neue Marktrolle Energie-Service-Anbieter (ESA) geschaffen und damit sozusagen die fehlende Brücke zwischen der rein technischen Erfassung der Messdaten und der vertrieblichen Nutzung am Kunden gelegt (siehe Kasten).

 

Die neue Markrolle Energie-Service-Anbieter ESA

Am 1. April 2022 wird mit einer Erweiterung der WiM (Wechselprozesse im Messwesen – „WiM 2022“) die neue Marktrolle des Energie-Service-Anbieters (ESA) eingeführt. Der vom Anschlussnutzer beauftragte ESA (z.B. Energiedienstleister, Energiedatenmanager) fragt im Auftrag des Anschlussnutzers Messwerte beim Messstellenbetreiber an und verarbeitet diese.

Ablauf des Daten-Bestell- und Übermittlungsprozesses in Kürze:

Der ESA fragt die Übermittlung von Werten und die damit verbundenen Kosten beim MSB an. Sofern die Werte in der bestellten Granularität und dem bestellten Umfang durch den MSB (aus dem Back-End-System oder direkt aus dem iMS) zur Verfügung gestellt werden können, erstellt der MSB dem ESA ein entsprechendes Angebot. Der ESA kann daraufhin die Übermittlung von Werten bestellen. Der MSB bestätigt dem ESA die Annahme der Bestellung oder lehnt diese ab. Im anderen Fall – also falls die angefragte Übermittlung der Werte nicht erbracht werden kann – informiert der MSB den ESA über die Gründe und sie stimmen das weitere Vorgehen bi-lateral ab (z.B. ob ein Gerätewechsel erforderlich ist).

Falls eine Parametrierung der Messeinrichtung für die Erbringung der Übermittlung von Werten notwendig ist, führt der MSB die Parametrierung der Messeinrichtung durch und kann die Aufwände dem ESA in Rechnung stellen.

Nun übermittelt der MSB die bestellten Werte (aus dem Back-End- System oder direkt aus dem iMS) an den ESA und kann diesem die erbrachte Übermittlung in Rechnung stellen (NON-EDIFACT). Die Beendigung der Übermittlung von Werten kann sowohl vom MSB als auch vom ESA anberaumt werden.

Folgen für Versorger

Für EVU hat dies zwei Konsequenzen: Erstens werden die branchenfremden wettbewerblichen Messstellenbetreiber und Energie-Service-Anbieter ihr Handlungsfeld ausdehnen, Schritt für Schritt weiter in den ursprünglichen Zuständigkeitsbereich der Energieversorger eindringen und deren Kunden – sowohl Industrie und Gewerbe als auch private – abwerben. Die Energie-Service-Anbieter werden den wettbewerblichen Messstellenbetrieb als Einfalltor nutzen, um sich ggf. letztlich sogar als Energie-Lieferanten aufzustellen und die Stadtwerke möglicherweise komplett vom Kunden zu verdrängen. Die neuen WiM-Regularien erleichtern ihnen den Einstieg.

Die zweite Konsequenz ist der operative Aufwand auf Seiten der Messstellenbetreiber, der mit Einführung der Energie-Service-Anbieter deutlich steigen wird. Denn mit diesen Anbietern kommen weitere Messdaten-Empfänger an einer Messstelle hinzu und müssen korrekt behandelt bzw. verarbeitet werden. Grob umrissen soll der neue Prozess folgendermaßen ablaufen: Ein Energie-Service-Anbieter fordert ein Angebot zur Datenbereitstellung beim Messstellenbetreiber an. Danach erfolgt ein kompletter Bestellprozess, an dessen Ende der Messstellenbetreiber die Daten an den Energie-Service-Anbieter genauso hochwertig übermitteln muss wie an die anderen Marktteilnehmer.

Wichtiger Hinweis: Energie-Service-Anbieter sind nicht verpflichtet, für ihre Anfragen das am Markt gängige EDIFACT-Format zu nutzen, sondern dürfen das Format beliebig wählen, zum Beispiel ein einfaches Textformat oder eine E-Mail. Das verkompliziert den Ablauf des Prozesses.
Also wird die Abwicklung des aufwändigen ESA-Bestellprozesses ab dem 1. April 2022 entweder eine automatisierte Software-Lösung für Messstellenbetreiber oder viel Personal erfordern.

Wettbewerblicher Messstellenbetrieb als Chance

Angesichts dieses Szenarios stehen die Energieversorger vor der Wahl: Frühzeitig als wettbewerblicher Messstellenbetreiber positionieren und das Feld verteidigen oder das Risiko eingehen, auch in anderen Geschäftsbereichen Einbußen hinnehmen zu müssen?

Verschärfend kommt hinzu: In vielen EVU wurden die Messstellenbetriebs-Prozesse für den Grundzuständigen nachträglich in die IT-Systeme der Verteilnetzbetreiber eingebaut und werden nun dort mitabgewickelt. Das ist meist ineffizient, fehleranfällig, führt zu unzufriedenen Mitarbeitern und mehr: Solche Verteilnetzbetreiber-Systeme eigenen sich weder vernünftig zum Aufbau des wettbewerblichen Messstellenbetriebs noch zur zukünftigen Abwicklung des Bestellprozesses für die Energie-Service-Anbieter.

Zukunftssicherer für die Versorger – auch im Hinblick auf die zu erwartende weitere regulatorische Trennung der Rollen Verteilnetzbetreiber und Messstellenbetreiber – ist es, den Messstellenbetrieb als eigenständige Rolle weiterzuentwickeln und ihn auch mit dem entsprechenden IT-System zu unterstützen. Je frühzeitiger man mit dieser Strategie startet, desto höher die Chance zur frühzeitigen Kundenbindung, und desto eingespielter kann man die Prozesse abwickeln, wenn der Wettbewerb stärker wird.

Die Eingangshürde bzw. der für den wettbewerblichen Messstellenbetrieb einzuplanende Aufwand kann vergleichsweise gering ausfallen, wenn die Mitarbeiter durch eine Messstellenbetriebs-spezifische IT-Lösung unterstützt werden, mit der sie sowohl den grundzuständigen als auch den wettbewerblichen Messstellenbetrieb effizient abwickeln können. Zusätzliches Personal für den Wettbewerblichen ist damit nicht nötig.

Software für grundzuständigen als auch wettbewerblichen Messstellenbetreiber

Mit einer Software, die eigens für aktuelle und künftige Aufgaben für beide Messstellenbetriebe entwickelt worden ist, können Versorger den wettbewerblichen Messstellenbetrieb anbieten und künftig auch die Energie-Service-Anbieter abwickeln:

Solche Cockpits decken sowohl die Prozesse für den grundzuständigen als auch den wettbewerblichen Messstellenbetrieb ab und sind auf die Automatisierung von Standard-Prozessen ausgelegt, so dass wenige Mitarbeiter ohne Zusatzaufwand viele Kunden gleichzeitig bedienen können. So steigt auch die Chance, die Kosten für den grundzuständigen Messstellenbetrieb durch wettbewerbliche Einnahmen zu refinanzieren.

Entkopplung der MSB-Prozesse vom Verteilnetzbetrieb

Ein eigenständiges MSB-Cockpit bedeutet Entkopplung der Messstellenbetriebs-Prozesse von den Verteilnetzbetriebs-Prozessen und somit eine Entlastung der IT-Systeme um marktrollenfremde Funktionalitäten. Das bedeutet stabilere Systeme sowie eine höhere Effizienz und Zufriedenheit der Mitarbeiter. Trennt man die Prozesse der beiden Rollen möglichst früh, hält man erstens den Aufwand hinsichtlich der Datenmigration gering und kann zweitens mit eher überschaubaren Kundenanzahlen und Prozessmengen starten. Sinnvoll ist auch ein Web-Portal für die Anfragen der Energie-Service-Anbieter, das in die Messstellenbetriebs-Lösung integriert ist und für einen einheitlichen und effizienteren Bestellprozess auf beiden Seiten sorgt.

MSB-Cockpits geben den Messstellenbetreibern nicht nur regulatorische Sicherheit, sondern sie sind auch eine Basis für alle (Dienstleistungs-) Geschäftsmodelle und bieten langfristig die Flexibilität, auf neue Anforderungen aus Gesetz und Markt reagieren zu können. Mit einer Cloud-Lösung können die Messstellenbetreiber die Verantwortung für die IT an den Anbieter auslagern und zu überschaubaren monatlichen Betriebskosten am Markt teilnehmen. Denn abwarten ist keine Option: Entscheidet man sich erst später, den wettbewerblichen Messstellenbetrieb anzubieten, haben andere das Feld bereits besetzt.

Die Autoren:
Christoph Braun ist Product Owner & Marktexperte für MSB-Lösungen bei der Kisters AG. Astrid Beckers hat bei Kisters die Leitung Marketing inne. 

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