Der Smart-Meter-Rollout gewinnt an Tempo. Nach Jahren der Vorbereitung und Anpassung scheint die Branche auf Kurs: Produktionskapazitäten steigen, Einbauzahlen ziehen an, und die jüngsten Gesetzesänderungen zeigen Wirkung. Gleichzeitig bleibt die Debatte lebendig – über Kommunikationstechnologien, Steuerung nach § 14a EnWG und die Idee eines "Smart Meter light". Anke Hüneburg, Bereichsleiterin Energie im ZVEI, spricht im Interview über Fortschritte, Stolpersteine und den Wunsch nach mehr Transparenz. Sie erklärt, warum technologische Offenheit beim Rollout wichtig ist, wie der Steuerrollout gelingen kann und weshalb ein zweites Messsystem die Energiewende eher bremsen würde.
Frau Hüneburg, die Metering Days in Fulda stehen an. Was läuft gut beim Smart-Meter-Rollout?
Der Rollout ist auf Kurs. Bereits Ende März waren über 15 Prozent der für 2025 angestrebten 20 Prozent an Pflichteinbaufällen erreicht. Damit wurden allein 2025 rund 400.000 intelligente Messsysteme eingebaut. Halten wir dieses Tempo – und das sieht gut aus – werden damit allein im Jahr 2025 mehr intelligente Messsysteme eingebaut worden sein als seit Start des Rollouts insgesamt. Kurz zusammengefasst: Der Rollout skaliert, und die Gesetzesanpassungen, unter anderem im Messstellenbetriebsgesetz, wirken.
Und was läuft weniger gut?
Was uns immer wieder Bauchschmerzen bereitet, sind die ständigen Diskussionen über vermeintlich schnellere oder einfachere Alternativen. Es muss jetzt heißen "Commitment statt Zick-Zack-Kurs". Wir haben endlich stabile Rahmenbedingungen. Wir haben uns nach intensiven Diskussionen und einer gründlichen Festlegungszeit der technischen Anforderungen auf den Weg gemacht. Die Hersteller haben ihre Produktionskapazitäten hochgefahren, die Messstellen- und Netzbetreiber bringen die Lösungen in die Fläche. So ein Infrastrukturwechsel braucht ein gewisses Durchhaltevermögen – das sollten wir aufbringen, statt durch Kehrtwendungen massive Verzögerungen zu verursachen.
Wie beurteilt der ZVEI die Diskussion rund um Mobilfunk, Breitband-Powerline (BPL) oder 450 MHz?
Alle drei Technologieansätze bieten Vorteile und haben ihre Stärken. Daher wird es bevorzugte Anwendungen für Mobilfunk geben, wie auch für 450 MHz und BPL. Wo sie zum Einsatz kommen, hängt stark vom Einsatzkontext, den Zielsetzungen, Anforderungen und den spezifischen Rahmenbedingungen ab. Grundsätzlich aber ist es so, dass alle Technologien hohe Anforderungen an Datenschutz und Verschlüsselung erfüllen müssen, wenn sie beim Smart Metering zum Einsatz kommen.
Ein technologieoffener und strategisch abgestimmter Ansatz ermöglicht bei der Auswahl einer geeigneten Kommunikationstechnologie, die jeweiligen Stärken der verschiedenen Lösungen zu nutzen. In vielen Fällen kann eine hybride Kommunikationsstrategie – also eine Strategie, die mehrere Technologien kombiniert – dazu beitragen, eine hohe Resilienz, Effizienz und Zukunftsfähigkeit der Infrastruktur sicherzustellen.
Ein ebenfalls wichtiges Thema: Steuern nach § 14a EnWG und § 9 EEG. Welche Herausforderungen sehen Sie hier?
Der Weg in den Steuerrollout ist der logische nächste Schritt im Smart Metering in Europa. Es geht nicht nur um marktdienliches, sondern auch um netzdienliches Verhalten. Die Smart-Meter-Gateway-Hersteller arbeiten allesamt an den Steuerlösungen – wozu auch die Entwicklung und Zertifizierung einer Steuerbox gehört. Acht der Hersteller können bereits zertifizierte Lösungen anbieten. Die Technologie ist also da.
Nun geht es auch hier um Einbau und Skalierung, um Interoperabilität und reibungslose Funktion – und um das Verständnis und die Akzeptanz in der Bevölkerung. Hier liegt sicher noch einer der großen Knackpunkte: Wir brauchen mehr Transparenz für den Rollout. Sprich, wir müssen breitenwirksam erklären, welchen Nutzen der Steuerrollout für Endkunden und letztlich für die sichere Stromversorgung hat. Nur so erreichen wir Verständnis und Akzeptanz. Hier sind von Politik über die Netzbetreiber bis zu den Herstellern alle gefragt.
Zuletzt gab es die Bewegung, eine smarte moderne Messeinrichtung zu entwickeln. Wie denkt der ZVEI darüber?
Hier positioniert sich der ZVEI sehr deutlich: Bitte kein Smart Meter light! Das hat drei Gründe. Erstens ist die Energieversorgung als kritische Infrastruktur besonders schützenswert – hier darf es in Sachen Sicherheit keine Kompromisse geben. Das sieht übrigens auch die Mehrheit der deutschen Bevölkerung so: In einer aktuellen Civey-Umfrage im Auftrag des ZVEI räumten 82 Prozent der Befragten dem Thema IT-Sicherheit und Datenschutz bei intelligenten Messsystemen höchste Priorität ein.
Und zweitens?
Zweitens kann es nicht mehr nur um marktdienliches Steuern gehen. Wir müssen auch auf die Netzinfrastruktur schauen. Ein rein marktlich getriebenes Steuern hinter dem Zähler aus Endkundenperspektive kann im Zweifel zur lokalen Überlast führen: Wenn Preise am überregionalen Strommarkt niedrig sind, bedeutet das nicht automatisch, dass die Netze vor Ort beliebig viel Strom zum Kunden transportieren können. Der Endkunde muss daher nicht nur Marktteilnehmer für variable Stromtarife sein, sondern auch seinen Beitrag zur sicheren Netzintegration leisten. Dazu wurden die zeitvariablen Netzentgelte als Anreiz eingeführt. Allerdings haben wir hier ebenfalls ein Transparenz-Thema: Diese Einspar-Möglichkeit ist noch viel zu wenig bekannt, als dass sie ausgiebig genutzt und verstanden würde.
Was ist der dritte Grund?
Eine zweite parallele technische Lösung inklusive zweitem Backend wird keine Vorteile und Skaleneffekte bei Kosten, Effizienz und Datenqualität bringen. Vielmehr brauchen wir einen bundesweit einheitlichen Rollout als Basis für eine stabile Stromversorgung. Ein Flickenteppich von Smart Metern mit unterschiedlichen Fähigkeiten wird uns auf lange Sicht mehr schaden als nutzen.
Was ist die Rolle des ZVEI beim Smart-Meter-Rollout?
Der ZVEI sieht sich als Vermittler zwischen Herstellern, Messstellenbetreibern, Netzbetreibern und der Politik. All diese Akteure brauchen ein gemeinsames Verständnis über den Weg, den wir beim Rollout gehen wollen. Daher bringen wir, nun schon seit über zehn Jahren auf den Metering Days in Fulda all die Beteiligten zum konstruktiven Austausch und zur Diskussion zusammen – und der Gesprächsstoff geht uns noch lange nicht aus! Das zeigt auch das zweite erfolgreiche Format, das wir im März 2026 zum dritten Mal durchführen werden: Auf der Konferenz "Klimaneutrale Netze" weiten wir den Fokus vom Messwesen auf die gesamte Stromnetzinfrastruktur aus.
Wenn Sie den Verantwortlichen in Politik und Regulierung einen Wunsch mitgeben könnten: Welcher wäre das?
Verlässlichkeit. Diese ist für die Energiewende und für die Unternehmen, die sie umsetzen, unverzichtbar. Nur wenn die politischen und regulatorischen Rahmenbedingungen stabil und planbar sind, können und werden diese Unternehmen – die oft mittelständische und familiengeführte Betriebe sind – mit Vertrauen investieren. Diese Stabilität ist das Fundament für Innovation, Ausbau und langfristige Wertschöpfung in der Energiewirtschaft – und für eine erfolgreiche Energiewende.
Worauf freuen Sie sich besonders bei den Metering Days in Fulda am 28. und 29. Oktober?
Besonders freue ich mich darauf, die Innovationsfähigkeit und die Umsetzungskraft der Branche zu erleben. In Fulda kann man spüren, wie die Energiewende gelingt: mit Mut, Durchhaltevermögen und der Tatkraft der Akteure – und vor allem: gemeinsam. Es gibt viele, die die Metering Days als "Klassentreffen der Meteringbranche" bezeichnen. Das stimmt auch. Deshalb freue ich mich genauso auf den offenen Austausch und die konstruktive Atmosphäre für Diskussionen mit den Stakeholdern dieser vielseitigen Branche. Auch wenn es in diesem Jahr vielleicht etwas unheimlicher wird als sonst: Die Veranstaltung findet kurz vor Halloween statt!
Das Interview führte Stephanie Gust



