Das erste Smart-Meter-Gateway mit 450-MHz-Anbindung, das eingebaut wurde: Für den bevorstehenden Rollout-Beginn hat TMZ schon 2.000 Geräte bei PPC bestellt.

Das erste Smart-Meter-Gateway mit 450-MHz-Anbindung, das eingebaut wurde: Für den bevorstehenden Rollout-Beginn hat TMZ schon 2.000 Geräte bei PPC bestellt.

Bild: © Teag

Im Rahmen der Veranstaltungsreihe ZfK im Gespräch "Smart-Meter-Rollout: Hochlauf oder heiße Luft" haben sich parallel zum Gespräch noch einige Fragen ergeben. Die ZfK hat daher nochmals bei den Teilnehmern sowie bei der Kanzlei Becker Büttner Held zu den einzelnen Sachverhalten nachgefragt.

Urteil Verwaltungsgericht Köln

Vor mehr als einem Jahr schlug der Eilbeschluss des Oberverwaltungsgerichts Münster hohe Wellen. 50 Unternehmen wurden damit von dem verpflichtenden Einbau intelligenter Messsysteme befreit. Jetzt wird das abschließende Urteil des Verwaltungsgerichts Köln erwartet.

Wann ist mit diesem zu rechnen?
"Das Urteil kann jederzeit ergehen, da alle Argumente und Schriftsätze ausgetauscht sind. Da sich das Verfahren aber durch eine neue Marktverfügbarkeitserklärung erledigen kann, wird das Gericht gegebenenfalls weiter abwarten", sagt Jost Eder von Becker Büttner Held. Die Kanzlei vertritt einen überwiegenden Teil der Kläger, die sich gegen den verpflichtenden Einbau von "Smart Metern" gewehrt hatten.

Komme es zu einer neuen Allgmeinverfügung müsse diese die bisherige Marktverfügbarkeitserklärung ersetzen, so Eder. Das würde dann die Fristen neu in Gang setzen. "Das wäre auch folgerichtig – Fristen aus einem inhaltlich stark nachgebesserten Gesetz können sinnvollerweise nicht weiter verfolgt werden. Die dadurch neuen Fristenläufe werden den Rollout auch nicht weiter behindern – da sie vor dem Hintergrund der wechselhaften Geschichte des Messtellenbetriebsgesetzes ohnehin kaum ins Gewicht fallen", erklärt Eder

Auch wenn der gesetzlich verordnete Rollout voran gehe, leide der Rollout weiterhin daran, dass zwar extrem detaillierte Vorgaben für Datensicherheit und Datenkommunikation existieren, aber niemand die Funktionalität und Interoperabilität wirklich überwacht und nachhält, so Eders Einschätzung. Und weiter: "Auf einen echten Mehrwert für alle Einbaufälle werden wir noch länger warten müssen."
 

Mehrwerte für Kunden

Wie lassen sich Mehrwerte für Kunden schaffen, die ein "erzeugerfreundliches" Verbrauchsverhalten zeigen, wenn sich das in Tarifen (vorerst) nicht umsetzen lässt?
Ingo Schönberg, Gründer und Vorstandsvorsitzender des Mannheimer Gateway-Herstellers Power Plus Communications, erklärte dazu: "Im Entwurf des Steuerbare-Verbrauchseinrichtungen-Gesetz (SteuVerG) war bereits Anfang 2021 eine angebotsorientiert nutzbare bedingte Leistung vorgesehen, die in einem Tarifmodell dem Endkunden einen reduzierten Grundpreis bietet. Das Smart-Meter-Gateway ermöglicht ja gerade solche Tarife umzusetzen oder auch 15-Minuten-Lastgänge zu erfassen, um flexible bzw. zeitvariable kWh-Tarife zu ermöglichen."

Fritz Wengeler, Geschäftsführer von Smartoptimo erklärte als Mehrwertmodell gebe es den CLS-Kanal, ebenso Lösungen für Prosumer.

Frank Hirschi, Senior Consultant von der Horizonte Group sieht in der Bündelung von Messstellenbetrieb und Submetering einen Kundennutzen. "Auf der einen Seite entfallen durch die automatisierte Fernablesung Besuche der Messdienstleister zum Ablesen in der Wohnung. Auf der anderen Seite können KundInnen ihr Verbrauchsverhalten durch unterjährige Verbrauchsinformationen besser steuern", so Hirschi.

In den nächsten Jahren werde durch den Hochlauf der E-Mobilität und der dazugehörigen Ladeinfrastruktur jedoch eine nennenswerte Anzahl von zusätzlichen sinnvollen Anwendungsfällen im Bereich Steuern und Schalten dazu kommen. KundInnen können perspektivisch durch sogenannte Vehicle-To-Grid-Anwendungen von geringeren Strompreisen profitieren – gleichzeitig können regionale Engpässe im Stromnetz abgefedert werden, so Hirschi.

Gerade der CLS-Kanal ermöglicht auch neue Geschäftsideen und Komfortmöglichkeiten. Wird darüber ausreichend informiert?
Fritz Wengeler: "Wir haben ganz klar vor, CLS einzusetzen und wenden dies in einzelnen Use Cases auch schon an. Hier wäre ein Setzen von fördernden Rahmenbedingungen durch das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik, BSI, sinnvoll.

Apropos Mehrwertdienste: Müsste der Zugang zum CLS-Kanal nicht auch standardisiert werden? Als Wärmemessdienst kann ich zum Beispiel nicht mit jedem Messstellenbetrieb den Zugang klären und projektieren.
Schönberg: "Diese Standardisierung bzw. die Interoperabilität bei der Ankopplung von Systemen an ein Smart Meter Gateway wird mit der gerade in der Verbändeabstimmung befindlichen BSI TR-03109-5 definiert. Damit ist der "Stand der Technik" für Interoperabilität am CLS-Kanal (HAN-Kommunikation-Einheit HKE) festgelegt und CLS-Systeme können in einem einfachen Verfahren zertifiziert werden. PPC bietet hierfür bereits Lösungen mit dem Label "HKE an Bord" an."
 

Kosten-Nutzen-Analyse

Ein stark diskutiertes Thema war auch: Ist ein Anpassen der Kosten-Nutzen-Analyse (KNA) notwendig?
Frank Hirschi von der Horizonte Group erklärte, dass einige der 2013 und 2014 zu Grunde liegenden Annahmen mittlerweile überholt sind. Etwa Vorgaben zu sicheren Prozessen der Steuerung oder der Sicheren Lieferkette (SiLKe) wurden erst weitaus später definiert. "Auf der einen Seite sind die Preisobergrenzen bis 2027 festgelegt und bilden ein enges Korsett für grundzuständige Messstellenbetreiber. Aus heutiger Sicht ist zwar zu attestieren, dass die KNA ohne die netzdienlichen Anwendungsfälle wohl in allen Szenarien negativ ausfallen würde."

Ob eine neue KNA jedoch neue Erkenntnisse für die generelle Ausrichtung des Smart-Meter-Rollouts hervorbringen würde, erscheint Hirschi zufolge in der aktuellen Situation fraglich. Zielführender wäre im nächsten Schritt vor allem die Harmonisierung der Regelungen, beispielsweise zwischen EEG und Messstellenbetriebsgesetz, sodass diese schlüssig aufeinander abgestimmt sind – oder auch die zeitnahe Klärung des §14a EnWG.

Fritz Wengeler von Smartoptimo antwortete dazu: "Ich denke schon, wenngleich das politisch spannend wird, da dabei gegebenenfalls der aufwendig gefundene Weg für den Einbau bestimmter Geräte von Interessengruppen wieder komplett aufgemacht werden könnte. Insofern sollten die bereits definierten Einbaugruppen nicht hinterfragt werden, da die Branche sonst keine Investitionssicherheit hat, aber die Kosten der Messstellenbetreiber sollten sachlich geprüft und tendenziell nach oben angepasst werden."

Lieferengpässe Smart-Meter-Gateways

Auf die Frage nach aktuellen Lieferfristen bzw. Lieferzusagen bei PPC erklärte Ingo Schönberg: "Bisher konnten wir trotz einiger Einschränkungen den Rollout am Laufen halten. In der aktuellen Bauteilkrise ist es jedoch für jeden Hersteller praktisch unmöglich, verlässliche Lieferzeiten vorherzusehen. Im Wettbewerb um die Belieferung mit Chips, unter anderem mit der Automobilindustrie wird die systemkritische Bedeutung der Digitalisierung der Energiewende leider bisher nicht politisch unterstützt."

Haben wir genug intelligente Messsysteme für den Pflichteinbau in Deutschland bis zur Frist?
Schönberg: "Ich glaube, dass die Unternehmen die rechtzeitig begonnen haben, keine Probleme bekommen werden. Wer jetzt erst in Stückzahl loslegt, den könnte natürlich die Bauteilkrise treffen." 

Und weiter: "Nach meiner Einschätzung wird es ohnehin eine neue Allgemeinverfügung mit Restart der Fristen geben. Ich empfehle sich weniger im 10-Prozent-Denken zu verlieren und das Big-Picture mit Blick auf 2030 in den strategischen Fokus zu nehmen. Als Messstellenbetreiber würde ich eher die Frage stellen, ob ich bei 10 Prozent in den ersten drei Jahren für die dann folgenden 90 Prozent in den verbleibenden fünf Jahren plus skalierende Einbaufälle gut aufgestellt bin ... das Bundeswirtschaftsministerium (BMWK) prognostiziert mehr als 15 Mio. Einbaufälle bis 2030, also rechnerisch 1,5 bis 2 Mio. Einbauten pro Jahr oder bis 2030 ist in mehr als 2/3 der Gebäude ein SMGW zu installieren."

Systemfrage

Ist das intelligente Messsystem nicht das Pferd von der falschen Seite aufgezogen? 
Frank Hirschi: "Der deutsche Ansatz, dass das intelligente Messsystem als eine hochsichere Kommunikationsplattform etabliert wird, trägt erst Schritt für Schritt Früchte. Festzuhalten bleibt natürlich, dass der Fortschritt nicht so schnell von Statten geht, wie angenommen oder gewünscht. Dennoch ist Qualität vor Tempo zu priorisieren und einige Anforderungen sind auch erst mit der Zeit dazugekommen und auch die heterogenen Ausprägungen der ERP-Systeme bei den Versorgern oder die Erreichbarkeit der intelligenten Messsysteme konnten nicht von heute auf Morgen gelöst werden."

Durch den gewählten Ansatz zur Digitalisierung der Stromnetze können Hirschi zufolge auf Basis der vorgedachten sicheren Schalt- und Steuerfunktionen Kosten für Netzausbau reduziert werden, was indirekt dann den KundInnen zu Gute kommt. Wer jetzt höhere Preise für intelligente Messsysteme bezahlen muss, kann zukünftig voraussichtlich von weniger stark steigenden Netznutzungsentgelten profitieren.

Akzeptanzprobleme bei Kunden

Fritz Wengeler erklärte auf die Frage, ob er in der Praxis erlebe, dass es Kunden gebe, die keine der neuen Geräte eingebaut haben wollen, dass Smartoptimo bei modernen Messeinrichtungen quasi keine Schwierigkeiten habe; "bei intelligenten Messsystemen sind die Kundenerfahrungen auf Grund noch überschaubarer Kundenzahl nicht objektiv messbar."

Netzstabilität

Inwiefern hilft es dem Netzbetreiber, ob zum Beispiel bei einer 8kWp-PV-Anlage, 8 kWh ins Netz eingespeist werden?
Frank Hirschi erklärte dazu: "Hintergrund ist im Kern die sich verändernde Situation auf Last- und Einspeiseseite. Verbraucher auf Niederspannungsebene haben neben dem weiterhin gut prognostizierbaren Haushaltsstromverbrauch zunehmend eigene Erzeugungsanlagen oder auch Speicher, die bei intelligenter Einbindung in unser Stromnetz Flexibilisierungspotential darstellen. Dies ermöglicht dann Transparenz auf Nieder- und Mittelspannungsebene herzustellen und eben diese kleineren Energieerzeugungs- und Verbrauchseinheiten intelligent zur Vermeidung von Netzengpässen zu steuern. Verbraucher können dabei auch finanziell profitieren."

Fritz Wengeler ergänzte zudem, dass es sich hier um einen Einzelfall handle, "ob dieser generell intelligente Messsysteme in Frage stellt, würde ich hinterfragen."

Rückzug von Dienstleistern

Könnten sich zurückziehende Gateway-Administrations-Dienstleister und Systemanbieter zum Problem werden? Der Business Case einiger Gateway-Administrations-Anbieter (GWA) ist eventuell bei dem zähen Rollout nicht wie erwartet.
Fritz Wengeler:"Der ganze Rollout intelligenter Messsysteme ist für die Dienstleister und Stadtwerke finanziell eine Belastung. Aus diesem Grund und der netzdienlichen Komponenten sehe ich hier zusätzlich zur POG den notwendigen Ansatz auch Einmalaufwände regulativ geltend machen zu können als notwendig an. Eine Verkleinerung des Dienstleiterspektrums verringert sowohl die Leistungsfähigkeit als auch die Wirtschaftlichkeit in der Branche."
 
Frank Hirschi: "Um die Prozesse der Gateway-Administration hat sich ein reger Dienstleistungsmarkt mit 45 zertifizierten Unternehmen entwickelt. Diese nehmen die Aufgaben für sich selbst, bzw. die grundzuständigen Messstellenbetreiber im Markt, dienstleistend wahr. Insbesondere im kommunalen Umfeld sind dabei auch neue Kooperationen entstanden, um Wissen und Ressourcen im Rahmen des intelligenten Messstellenbetriebs zu bündeln. Denn hinter den Gateway-Administratoren stehen mächtige Software-Entwicklungen, die erst ab einer gewissen Anzahl in Betrieb befindlicher Smart-Meter-Gateways wirtschaftlich abgebildet werden können. Weiterhin hat der Markt aktuell aber tatsächlich noch einige Probleme GWA-Wechsel-Prozesse standardisiert und automatisiert durchzuführen. Bei einem GWA-Wechsel wäre es heutzutage deswegen nicht unwahrscheinlich, dass ein Ausbau einiger alten Smart-Meter-Gateways und jeweils Einbauten von neuen Geräten des neuen Dienstleisters notwendig werden.

450 MHz Funkfrequenz

Kritisiert wurde auch, dass man jetzt bei der 450 MHz-Funkfrequenz, wo man mit CDMA alles auf LTE450 ausrichte und die Branche wieder zwei bis drei Jahre warten müsse
Ingo Schönberg: "So lange wird man nicht warten müssen! PPC hat ja bereits zertifizierte LTE450 SMGW bei Kunden installiert und der Ausbau der LTE450 Netze beginnt zeitnah. In 2023 werden wir bereits an vielen Standorten LTE450 SMGW nutzen können. Vor dem Hintergrund dieser Fortschritte verzichten viele auf den CDMA Ausbau."

Warum wurden erst CDMA-SMGW entwickelt und erst dann LTE-450-SMGW?
Ingo Schönberg: "Zunächst waren nur CDMA450 Netzwerke in Deutschland verfügbar und für diese gab es auch die passenden CDMA-Smart-Meter-Gateways von PPC. Jetzt wird die "Physik" von der dritten auf die vierte Generation zu LTE450 migriert, aber das betrieblich Gelernte und Entwickelte wurde natürlich bei den neuen LTE450 SMGW genutzt." (sg)

Sie haben das ZfK im Gespräch "Smart-Meter-Rollout: Hochlauf oder heiße Luft?" verpasst? Hier können Sie auf Youtube die Veranstaltung in voller Länge nochmals verfolgen.

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