Eigene Rechenleistung genügt nur noch den wenigsten: Bereits 74 Prozent der Unternehmen in Deutschland nutzen externe Ressourcen vollumfänglich oder zumindest teilweise für ihre Kernapplikationen. Immerhin 25 Prozent bauen neue Rechenzentren, weitere 35 Prozent modernisieren ihre bestehenden Data Center. Das sind Ergebnisse der aktuellen IDC-Studie "Data Center in Deutschland 2022".
Das US-amerikanische Marktforschungsunternehmen hat branchenübergreifend 150 Unternehmen mit mehr als 500 Mitarbeitern im August 2022 befragt. Dabei kam auch heraus, dass die Nachhaltigkeit für viele eine wichtige Rolle spielt: So wollen 85 Prozent der Unternehmen, die ein Rechenzentrum betreiben, dessen CO2-Emissionen verringern.
Permanent wachsende Cyberattacken
Die IT insgesamt und die IT-Infrastruktur müssten die Unternehmen in einem krisengebeutelten Umfeld dabei mit mehr Agilität und Flexibilität unterstützen, sowohl kurzfristig als auch in langfristig angelegten Projekten, so die Befragten. An erster Stelle der Business-Herausforderungen sahen die IT-Entscheider die Gewährleistung von IT-Sicherheit und Compliance (32 Prozent). Beide Themen sein direkt businessrelevant.
Zur Abwehr der permanent wachsenden Cyberattacken müsse die IT-Infrastruktur zudem robust und resilient sein. Kosten und Produktivität (29 Prozent) werden auch für IT-Entscheider immer wichtiger.
Energiepreise zwingen zum Handeln
Die steigenden Energiepreise würden die Verantwortlichen im Data Center zudem zum sofortigen Handeln zwingen. Die erforderliche Modernisierung (29 Prozent) kann im Data Center sowohl mit dem Austausch der baulichen Anlagen als auch mit neuer IT erreicht werden, heißt es. Das Problem besteht für viele Entscheider offenbar darin, im Data Center sofort Kosten zu senken, als auch gleichzeitig die Rechenzentren langfristig als eine Quelle der digitalen Infrastruktur im Unternehmen zu positionieren.
"Die strategische Position des Data Centers im Unternehmen verschiebt sich“, sagt Matthias Zacher, Senior Consulting Manager bei IDC und Projektleiter der Studie. "Unsere Studie belegt, dass Agilität, Sicherheit, Datenhoheit, Nachhaltigkeit und Kostenflexibilität nur mit einer Kombination aus verschiedenen IT-Infrastruktur Ressourcen sichergestellt werden kann".
Neue Releases nur noch in der Cloud
Bei der Studie stellte sich auch heraus, dass bereits 74 Prozent der Unternehmen externe Ressourcen vollständig oder teilweise für ihre geschäftskritischen Anwendungen nutzen. Diese Entwicklung wird zum Teil von den Anbietern von Standardsoftware getrieben, die neue Releases oder Funktionsbausteine nur noch als Public Cloud Service bereitstellen, so die Studienautoren.
"Allerdings sehen wir nicht, dass sich der Stellenwert der Data Center vollständig wandelt", so IDC-Experte Zacher. "Eigenentwickelte Lösungen, hochgradig modifizierte Standardanwendungen und spezielle Anforderungen wie zum Bespiel High Performance Computing rechtfertigen weiterhin Investitionen in Data Center."
Stromverbrauch senken ist Priorität
Die Befragung zeigt demnach auch, dass es weiterhin die zentrale IT-Ressource ist. Immerhin 35 Prozent der Unternehmen planen eine umfassende Modernisierung ihrer Data Center und weitere 25 Prozent werden neue Data Center errichten.
Die Top-Priorität ist hier die Senkung des Stromverbrauchs wegen der steigenden Energiekosten (47 Prozent). Ebenso steht eine gesteigerte bessere Nachhaltigkeit (41 Prozent) auf der Tagesordnung. Weitere Prioritäten sind die Beschaffung neuer Fläche für den Aufbau oder die Anmietung von Rechenzentrums-Ressourcen zur Unterstützung von Edge Computing (46 Prozent) und eine Verbesserung der Kapazitätsplanung durch Prognose- und Analysetools (34 Prozent).
Anwendungen schneller bereitstellen
An erster Stelle bei den IT-Prioritäten stehen die Verbesserung von Datensicherheit und Compliance (40 Prozent). Ein absolut wichtiger Punkt war für die Entscheider außerdem die schnellere Bereitstellung von Anwendungen (38 Prozent). In vielen Unternehmen genüge die vorhandene Schlagzahl nicht mehr.
Die IT-Infrastruktur, also Rechenpower, Storage und Netze, bilden hierfür die Grundlage, so die Studienautoren. Hohe Leistungen seien möglich, aber nicht um jeden Preis. Das zeige das Bemühen um die Senkung der Netzwerk- und Konnektivitätskosten (36 Prozent). Bei den genannten Prioritäten stelle sich immer die Frage, ob das Data Center oder andere Formen der IT-Infrastruktur-Bereitstellung den größten Nutzen lieferten.
Vollständige Kontrolle nötig
25 Prozent der Unternehmen wollen neue Rechenzentren bauen und weitere 35 Prozent ihre Data Center modernisieren. 49 Prozent dieser Unternehmen müssen die Kontrolle über ihre Daten sicherstellen. 44 Prozent der Entscheider sind der Meinung, dass für die vollständige Kontrolle über alle Betriebsabläufe ein unternehmenseigenes Data Center notwendig ist.
Aus Sicht von IDC lässt sich dieses Ziel jedoch auch mit externen Ressourcen erreichen: Immerhin 41 Prozent der Entscheider, die umfassend auf unternehmenseigene Data Center setzen, erklären, effizienter als ein Cloud-Anbieter arbeiten zu können. 33 Prozent nennen strenge Compliance-Vorgaben als Grund für eigene Data Center.

Nachhaltigkeit ist harter Businessfaktor
21 Prozent der befragten Unternehmen verfügen derzeit über eine unternehmensweite Nachhaltigkeitsstrategie und weitere 46 Prozent haben ein Nachhaltigkeitsprogramm auf den Weg gebracht. Großunternehmen sind hier schon etwas weiter vorangeschritten als Organisationen mit weniger als 1000 Mitarbeitenden. Der IDC erwartet in den kommenden Jahren eine Weiterentwicklung hin zu einem umfassenden unternehmensweiten Ansatz in den meisten Organisationen.
Bei Data- Center sei Nachhaltigkeit zudem ein harter Businessfaktor. 81 Prozent der Unternehmen beziehen der Studie zufolge ganz oder teilweise grüne Energie und 77 Prozent arbeiten an der Reduzierung ihres Stromverbrauchs. Nachhaltigkeit werde sich zukünftig immer stärker neben anderen Business-Faktoren etablieren und Unternehmen langfristig auf einer strategischen Ebene begleiten, so die Studienautoren.
Datensouveränität wird zum kritischen Aspekt
Für 34 Prozent der Entscheider ist die digitale Souveränität eine grundlegende Komponente der IT- und Businessstrategie. Die Befragung zeigt demnach, dass deutlich mehr sehr große Unternehmen das Thema digitale Souveränität auf der Agenda haben als der in Deutschland starke Mittelstand.
Weitere 56 Prozent entwickeln das Thema Datenhoheit schrittweise weiter. Sowohl die Hyperscaler als auch lokale Anbieter gingen derzeit verstärkt mit Angeboten für die souveräne Cloud an den Markt, so die Studienautoren. Das sei vor dem Hintergrund der steigenden Nutzung externer Offerings aus IDC-Sicht auch dringend erforderlich. (jk)



