Ein Projekt, das seinesgleichen sucht: Die komplette Migration von Eon in die Cloud. Mehr Details dazu erläutern Harald Freitag, Partner bei Axxcon (links) und Julian Kortmann, Program Manager für Digitalisierungs- und Transformationsprojekte bei Eon.

Ein Projekt, das seinesgleichen sucht: Die komplette Migration von Eon in die Cloud. Mehr Details dazu erläutern Harald Freitag, Partner bei Axxcon (links) und Julian Kortmann, Program Manager für Digitalisierungs- und Transformationsprojekte bei Eon.

Bild: © (Axxcon/Eon)

Herr Kortmann, Eon hat sich entschieden, komplett in die Cloud umzuziehen. Welche Vorteile versprechen Sie sich von diesem Schritt?
Julian Kortmann, Program Manager für Digitalisierungs- und Transformationsprojekte bei Eon: Eon verfolgt konzernweit eine „Cloud only“-Strategie. Das bedeutet: Alle Daten und Anwendungen, die sich aus technischer und regulatorischer Sicht in die Cloud verlagern lassen, werden konsequent verlagert. Die Cloud-Migration, die wir gerade erfolgreich abgeschlossen haben, war daher eine enorme Herausforderung.

Die Cloudifizierung ist die Voraussetzung für weitergehende Digitalisierungsvorhaben, ohne die sich die Herausforderungen der Energiewende und des Ausbaus intelligenter Netze nicht bewältigen lassen. Wir sind ein Großkonzern mit zahlreichen Tochterunternehmen, in dem es zuvor viele Einzellösungen und damit eine diverse und fragmentierte IT-Struktur gab. Digitalisierungsprojekte wurden vor allem auch durch die in den verschiedenen Unternehmen genutzten On-Premise-Rechencenter erheblich erschwert. Sie haben uns daran gehindert, die nötige Geschwindigkeit aufzunehmen.

Die Vision für die Zukunft ist eine stabile, zuverlässige Energieversorgung und ein reibungsloserer Service für die Lieferanten, aber auch die Endkunden, die zum Beispiel den Stromtarif leichter wechseln, eine Solaranlage oder ein Balkonkraftwerk schneller anmelden können. Wichtig ist für uns auch die deutlich erhöhte Flexibilität, mit der wir künftig schneller auf neue Marktanforderungen reagieren können.

Sie sagten, die Migration war eine enorme Herausforderung, was war denn die größte davon?
Kortmann:
Zu den Erfolgsfaktoren des Projekts zählt das starke Empowerment durch den CIO, der für die Migration der Rechencenter in die Cloud die ambitionierte Timeline von drei Jahren vorgegeben hat. Diese war zugleich die größte Herausforderung. Um sie einhalten zu können, wurde unter anderem ein Lift-and-Shift-Ansatz gewählt, bei dem alle Anwendungen und Daten zunächst einmal in die Cloud transferiert wurden. Dann hat man zwar noch keine Transformation, aber doch den ersten wichtigen Schritt gemacht. Im nächsten Schritt erfolgt die Modernisierung der Anwendungen. Ein gleichzeitiger Umbau hätte die Organisation in der kurzen Zeit überfordert.

Bei Eon handelt es sich um das weltweit drittgrößte Energieunternehmen. Mit der Cloud-Transformation der Unternehmensgruppe mit rund 75.000 Mitarbeitenden und 47 Millionen Kunden erfolgte die Migration eines Datenvolumens im Petabyte-Bereich sowie eines der größten SAP-Systeme in der Energiewirtschaft weltweit in die öffentliche Cloud.

Harald Freitag, Partner bei Axxcon

Herr Freitag, Sie sind Partner bei der Unternehmensberatung Axxcon, die Eon bei der Transformation unterstützt hat. Hatte Axxcon schon einmal ein Transformations-Projekt in dieser Größenordnung begleitet?
Harald Freitag: Bei Eon handelt es sich um das weltweit drittgrößte Energieunternehmen. Mit der Cloud-Transformation der Unternehmensgruppe mit rund 75.000 Mitarbeitenden und 47 Millionen Kunden erfolgte die Migration eines Datenvolumens im Petabyte-Bereich sowie eines der größten SAP-Systeme in der Energiewirtschaft weltweit in die öffentliche Cloud. Im Peak waren über 400 Mitarbeitende von Eon und unterschiedlichen Dienstleistern wie dem indischen IT-Dienstleister Wipro und Microsoft involviert. Das ist für uns ein außergewöhnlich großes Projekt, was die Strukturen auf der Kundenseite betrifft und die Tatsache, dass der gesamte Konzern mehr oder weniger involviert ist. Von unserer Seite waren zehn Mitarbeitende über einen Zeitraum von 2,5 Jahren konstant an dem Projekt beteiligt. Dies wiederum ist eine Größenordnung, mit der wir es durchaus häufiger zu tun haben.

Was waren denn für Sie die größten Herausforderungen?
Freitag:
Wir waren unter anderem Sparringspartner bei der Projektsteuerung. Dabei war es aufgrund der Größe und der Laufzeit des Projekts eine der größten Herausforderungen, die Spannung und die Dynamik im Projektteam zu halten. Dazu war es wichtig, dass alle auf Augenhöhe zusammengearbeitet haben, ein regelmäßiger Austausch stattfand und sich ein starkes Teamgefühl und ein gemeinsamer Fokus auf das Ziel eingestellt hat. Herausfordernd war auch die Change-Kommunikation in den Konzern hinein. Dafür brauchten wir an den Schnittstellen nach außen hochqualifizierte Projektmitarbeitende und Multiplikatoren, die das Thema klar kommunizieren konnten und bei Fragen kompetente Ansprechpartner waren. Dass das Projekt sehr international war, hat den Schwierigkeitsgrad weiter erhöht.

Was hat Sie am meisten überrascht?
Freitag
: Positiv überrascht hat mich, wie mutig und klar die Projektvorgaben von Eon waren: die „Cloud only“-Strategie und der ambitionierte Zeitrahmen. Ebenfalls außergewöhnlich war, wie gut Eon und die Dienstleister im Team zusammengearbeitet haben. Wir haben es geschafft, als Team firmenübergreifend sehr gut zu funktionieren. Die Kollaboration, die gegenseitige Wertschätzung, aber auch die Effizienz waren außergewöhnlich.

Was sollten Unternehmen bei einem Umzug in die Cloud beachten?
Freitag
: Wichtig ist, dass die Migration mit einem klaren Ziel und einer konkreten Zeitvorgabe verbunden ist. Zudem muss den Entscheidern bewusst sein, dass der Umzug in die Cloud eine Investition ist. Zunächst werden damit keine Kosten eingespart – auch wenn einige Cloud-Anbieter anderslautende Versprechungen machen. Um es mit einem Bild, das bei Eon häufig genutzt wurde, zu verdeutlichen: Ich räume erst einmal den Keller auf, damit ich danach modernisieren, neue Funktionalitäten einführen und neuen Wert schöpfen kann. Als Unternehmen muss ich vor allem den Mut haben, ein solches Mammutprojekt durchzuziehen und dann meine Leute gut mit auf die Reise nehmen. Wir sind überzeugt, dass sich dieser Mut für Eon auszahlen wird.   

Am meisten geholfen haben uns diejenigen Lösungen, die wir aufgrund anfänglich aufgetretener Hindernisse gefunden haben. So wurde zu Beginn die für den Betrieb der IT verantwortliche Linienorganisation weitgehend außen vorgelassen, was den Fortschritt stark gebremst hat.

Julian Kortmann, Program Manager für Digitalisierungs- und Transformationsprojekte bei Eon

Herr Kortmann, zurück zu Eon: Was hat Ihnen denn am meisten geholfen, den Umzug zu meistern?
Kortmann: Am meisten geholfen haben uns diejenigen Lösungen, die wir aufgrund anfänglich aufgetretener Hindernisse gefunden haben. So wurde zu Beginn die für den Betrieb der IT verantwortliche Linienorganisation weitgehend außen vorgelassen, was den Fortschritt stark gebremst hat. Im weiteren Verlauf haben wir ganz bewusst eine Doppelspitze aus Programm- und Linienmanager eingeführt. Damit hatten wir ein Projektmanagement, das die Linie entlastet hat. Zugleich wurden die Betroffenen involviert und zu Beteiligten gemacht. Als die Kolleginnen und Kollegen selbst in der Verantwortung standen, waren sie motiviert, die Reise mitzugestalten.

Ebenso zentral war die sehr bewusst kollaborative Zusammenarbeit mit dem IT-Dienstleister Wipro und Microsoft. Diese erfolgte, nachdem es auch hier zunächst gehakt hatte, in eng getakteter Abstimmung und auf Augenhöhe. Allen war klar: Gemeinsam sind wir ein Team. Es gibt keine Befindlichkeiten und keine Grenzen in der Projektzusammenarbeit. Alle sind – egal wo sie herkommen – eine Mannschaft und haben dasselbe Ziel. Kunden-Lieferanten-Befindlichkeiten blieben außen vor. Wichtig war es jedoch auch, die Ownership des Projekts beim Unternehmen zu behalten.

Die Fragen stellte Stephanie Gust
 

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