Herr Dr. Cord, um die Thüga-Anwendungsplattform war es lange Zeit sehr ruhig. Lag es an Corona oder warum gab es längere Zeit nichts zu berichten?
Dr. Matthias Cord: Ruhig war es tatsächlich nur nach außen. Und das war auch gut so. Denn ein europaweiter Ausschreibungsprozess verlangt Verschwiegenheit, sonst macht man sich formal angreifbar. Da ist man an feste Fristen und klare Regeln gebunden. Im September haben wir in einem Last Call die Zählpunkte der Unternehmen ermittelt, die verbindlich bei der Thüga Abrechnungsplattform – kurz TAP genannt – dabei sein wollen. Diese haben wir dann an die beiden Anbieter gemeldet, die zu diesem Zeitpunkt noch im Rennen waren. Die Nennung der Anzahl der Zählpunkte war Voraussetzung dafür, ein verbindliches sogenanntes „best and final offer“ zu erhalten. Dieses musste von den im Prozess verbliebenen Anbietern dann erstellt und anschließend von uns umfassend gesichtet und bewertet werden. Danach vergingen noch vergaberechtliche Fristen. Diese sind jetzt abgelaufen. Wir freuen uns, dass wir nunmehr am 16. November den Zuschlag erteilt haben und jetzt auch öffentlich darüber reden dürfen.
Frau Rauhut, die Thüga hat sich bei der Ausschreibung für den Softwarekonzern Accenture als Generalunternehmen entschieden. Wieso haben Accenture und seine Partner Sie überzeugt?
Diana Rauhut: Generalunternehmer wird Accenture sein. Die Plattform als echte Cloud-Architektur setzt neue Maßstäbe für die drei Marktrollen. Mithilfe der TAP werden Abrechnungsprozesse im Commodity-Bereich effizient und weitestgehend automatisiert ablaufen. Die innovative Abrechnungsplattform wird außerdem die Time-to-Market neuer Produkte für die Energiewirtschaft deutlich verkürzen und deren Vertriebsstart beschleunigen. Neben dem Erreichen unserer Business-Ziele waren wichtige Entscheidungskriterien: die Übernahme aller gesetzlichen und regulatorischen Anpassungen sowie natürlich der Preis. Accenture hat hierbei sowohl fachlich als auch finanziell überzeugt. Der Generalunternehmer hat mit Powercloud als Technologie unsere Vorgaben am besten getroffen und die waren zahlreich und sportlich. Das Accenture-Angebot beeindruckte uns auch mit einer acht Jahre stabilen Kostenstruktur und dem Pay-per-Use-Prinzip anhand der Menge der Zählpunkte. Hinzu kommt, dass TAP als „Software as a Service“ (SaaS) angeboten wird. Statt eine Software zu erwerben, die regelmäßig zusätzliche Kosten zum Beispiel für IT-Sicherheit, Lizenzen und Upgrades verursacht, erhalten TAP-Nutzerinnen und Nutzer ein Rundum-sorglos-Paket. Und das absolute Novum: Zukünftige regulatorische Anforderungen werden von Accenture im Leistungspaket nachgehalten.
Wie sieht es inzwischen mit dem Beteiligungsmodell aus. Sind die Rollen, die Besetzung der einzelnen Teams und die Funktionen der Plattform schon festgezurrt?
Dr. Matthias Cord: Wir setzen auf ein möglichst schlankes Kooperationsmodell. Uns ist wichtig, dass wir bei der TAP sowohl in der Aufbau- als auch während der Betriebsphase zügig notwendige Entscheidungen herbeiführen können. Den Prozess so aufzusetzen, dass sich die beteiligten Unternehmen in die wichtigen Entscheidungen immer genügend eingebunden fühlen, ohne jedoch gleichzeitig Geschwindigkeit in der Umsetzung zu verlieren, ist das erklärte Ziel. Deswegen planen wir mehrere, auf unterschiedliche Themen ausgerichtete Fokusteams, die eng mit dem Generalunternehmer zusammenarbeiten werden. Die Mitglieder der Fokusteams werden aus sogenannten fachlichen Communities gewählt, in denen alle Experten und interessierte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der beteiligten Häuser involviert sein werden. Die Communities stehen den Experten aus den Fokusteams auch bei komplexen Fragestellungen zur Seite. Sie sind für Rücksprachen und natürlich auch zum fachlichen Austausch da. Zusätzlich soll die Community als Kommunikationskanal dienen. Der regelmäßige Erfahrungsaustausch zwischen den Unternehmen in der Umsetzungsphase soll ausdrücklich gefördert werden.
Wir wissen von Stadtwerken, dass es Bedenken gegeben haben soll wegen der Risiken bei der TAP, inwiefern sind Sie auf diese eingegangen? Wer übernimmt die Verantwortung bei der Plattform?
Dr. Matthias Cord: Anfänglich gab es von einigen Interessenten Bedenken, weil wir technologieoffen ausgeschrieben haben. Ihnen wäre es lieber gewesen, sie hätten bereits zu Beginn des Prozesses sicher gewusst, mit welcher Technologie die TAP realisiert werden wird. Das hätte aber das Spektrum der Optionen von vornherein viel zu sehr eingeschränkt. Darüber hinaus hatten einige Unternehmen auch Bedenken, dass sie beim Zusammenschließen mit anderen Unternehmen an individueller Gestaltungsmöglichkeit und ein Alleinstellungsmerkmal verlieren würden. Und letztendlich fragten sich manche, ob die Anforderungen jedes einzelnen Unternehmens ausreichend berücksichtigt würden oder ob man Kompromisse schließen müsste, die sich später als suboptimal herausstellen würden.
Diana Rauhut: Wir bearbeiten mit der TAP ja vor allem die regulatorisch vorgegebenen und standardisierten Prozesse. Dazu zählen zum Beispiel die Marktkommunikation, das Forderungsmanagement und die Abrechnung. Diese müssen vor allem korrekt funktionieren. 80 bis 90 Prozent der Prozesse der TAP Unternehmen sind gleich und alle profitieren von den Skaleneffekten bei der Umsetzung. Sie sind also geradezu prädestiniert für Standardisierung und eine höchstmögliche Automatisierung. Bei diesen Prozessen sind wir nicht im Wettbewerb untereinander. Von daher sind diese Aufgaben und Prozesse optimal geeignet für einen Zusammenschluss mit anderen Energieunternehmen. Wir werden durch die TAP alle effizienter. Das TAP Projekt hat bereits in der Anforderungsformulierung gezeigt, wie einheitlich die Bedarfe der Häuser in diesen Prozessen sind, darauf bauen wir auf. Zudem haben wir sehr viel Wert auf eine gute Formulierung unserer Anforderungen bezüglich der Architektur aber auch bezüglich des Vertragswerks, wie Haftung und Datenschutz, gelegt – immer mit dem Ziel der Risikominimierung für die TAP-Kunden. Wir sind deshalb davon überzeugt, im Verbund mit der TAP sehr viel bessere Konditionen erreicht zu haben, als dies den einzelnen Häusern gelungen wäre. Für Spezialfälle müssen auch heute Software-Anpassungen vorgenommen werden. Das geht mit TAP genauso und vielleicht benötigt ja sogar ein anderes Unternehmen dieselbe Leistung.
Was wird die TAP anders machen als andere Branchenlösungen? Können dort nur Thüga-Mitglieder teilnehmen?
Dr. Matthias Cord: Wir werden eine innovative Plattform nutzen. Die Anforderung an diese hatten wir so definiert, dass sie von Anfang an das Erreichen der gesteckten Ziele in unserem Geschäft im Blick hatte, also eine höchstmögliche Standardisierung und Automatisierung sicherstellen würde. Deswegen haben wir den Auftrag für Anbieter mit einem Anreizsystem versehen, die Plattform kontinuierlich mit Blick auf Effizienz weiterzuentwickeln und diese so zu gestalten, dass sie die teilnehmenden Unternehmen dabei unterstützt, ihre Prozesse entsprechend zu gestalten. Mit TAP werden Partnerunternehmen der Thüga-Gruppe ihre Kosten deutlich senken, Betriebs- und Weiterentwicklungsaufwände reduzieren und eigene Ressourcen auf neue Aufgaben, wie zum Beispiel die Entwicklung neuer digitaler Geschäftsmodelle, konzentrieren. TAP wird aber auch eine Plattformlösung für die Marktrollen Vertrieb, Verteilnetz- und Messstellenbetreiber.
Diana Rauhut: Die Architektur der TAP ist modular aufgebaut: Neben einem verpflichtenden Kern, der einen zentral bereitgestellten, hoch standardisierten und automatisierten Funktionsumfang darstellt, gibt es optionale Module, die hinzugewählt werden können. Über Schnittstellen können individuelle Anwendungen an die IT-Plattform angebunden werden. Außerdem werden Commodity-Abrechnungsprozesse effizient und weitestgehend automatisiert ablaufen. Das verschafft Freiheiten, um neue Produkte zu entwickeln und deren Vertriebsstart beschleunigen. Zum Beispiel können Vertriebsmitarbeitende neue Produkte mithilfe des Plattform-eigenen App-Stores selbstständig im Abrechnungssystem anlegen. Hinzu kommen Automatisierung und künstliche Intelligenz für Standard- sowie auch selten auftretende, bislang händisch abgewickelte Prozesse, um die Cost-to-Serve zu minimieren.
Dr. Matthias Cord: Besonderes Merkmal der TAP ist auch, dass alle Stadtwerke Teil von ihr werden können. Dafür ist es nicht zwingend erforderlich, Unternehmen der Thüga-Gruppe zu sein. Sehr viele Energieunternehmen benötigen zum Beispiel mit dem Ende des Wartungsangebots von SAP-ISU eine neue Lösung für Abrechnung, Marktkommunikation und Forderungsmanagement. Stadtwerke, die auf die TAP setzen, haben den Vorteil, eine innovative und effiziente Plattform zu nutzen. Zudem sind die Kosten für die TAP-Lösung über den Pay-per-Use-Preis exakt planbar und deutlich geringer, als wenn diese Services individuell in den einzelnen Häusern bereitgestellt werden müssten.
Diana Rauhut: Und worauf wir von vornherein Wert gelegt haben, schon bei der Ausarbeitung der Ausschreibung: Wir haben einen Dienstleister, der uns viele Leistungen abnimmt. Das hat den Vorteil, dass wir uns alle auf unsere Endkunden fokussieren können und für sie tolle Angebote am Markt machen können. Den Aspekt der Risikoverlagerung haben wir oben schon erwähnt.
Wie viele Stadtwerke beteiligen sich an der TAP, können Sie hier schon Namen nennen?
Dr. Matthias Cord: 38 Unternehmen mit in Summe mehr als 120 Gesellschaften und 15,5 Millionen Zählpunkten beteiligen sich bereits heute verbindlich an der TAP. Darüber hinaus haben zahlreiche weitere Unternehmen Interesse signalisiert. Das Spektrum der verbindlich teilnehmenden Unternehmen ist groß: Darunter sind zum Beispiel die Badenova aus Freiburg, Eins Energie in Sachsen, RhönEnergie Fulda, ESWE Wiesbaden, BS Energy, Energie Südbayern und Erdgas Schwaben, aber auch viele kleinere Energieversorger wie zum Beispiel die Energieversorgung Selb-Markredwitz oder die Stadtwerke Heide.
Bedeutet die TAP einen Wettbewerbsvorsprung für Thüga-Unternehmen?
Dr. Matthias Cord: Wir wollen die effizienteste, aber auch effektivste Plattform im Markt gestalten. Durch die Teilnahme an TAP wird also ein signifikanter Wettbewerbsvorteil für die beteiligten Häuser entstehen.
Diana Rauhut: Zudem profitieren die beteiligten Unternehmen von einer deutlich verbesserten Time-to-Market. Darüber hinaus bietet diese neue Art der standardisierten Zusammenarbeit Potentiale für weitere Kooperationen.
Die Fragen stellte Stephanie Gust



