Stromleitungen nahe der chinesischen Stadt Shanwei. Der Ausbau erneuerbarer Energien bringt Chinas Stromnetz derzeit an seine Grenzen.

Stromleitungen nahe der chinesischen Stadt Shanwei. Der Ausbau erneuerbarer Energien bringt Chinas Stromnetz derzeit an seine Grenzen.

Bild: © Steven Lynn/Unslapsh

Nur zu einem Fünftel fließt Solar- und Windenergie durch Chinas Ultrahochspannungsleitungen – 42 Prozent hingegen stammen aus Kohleverstromung. Das ist ein zentrales Ergebnis eines Berichts des Global Energy Monitor (GEM), einer internationalen Forschungsorganisation, die Energiedaten aus Regierungsquellen, Unternehmensberichten und Medien auswertet.

Das Paradox ist offenkundig: Die Volksrepublik ist unbestrittener Weltmeister im Ausbau erneuerbarer Energien – und kämpft dennoch damit, den erzeugten Strom dorthin zu bringen, wo er gebraucht wird.

Netz als Flaschenhals

Das strukturelle Problem liegt in der Geografie. Chinas beste Solar- und Windstandorte befinden sich im dünn besiedelten Norden und Nordwesten des Landes. Die energiehungrigen Industriezentren und Millionenstädte liegen Tausende Kilometer entfernt an der Ost- und Südküste.

Ultrahochspannungsleitungen sollen diese Distanz überbrücken – sie können große Energiemengen mit vergleichsweise geringem Verlust transportieren. Doch die Kapazität reicht nicht aus, um das rasant wachsende Angebot an grünem Strom aufzunehmen.

Die Folge sind sogenannte Einspeisedrosselungen: Windstrom und Solarstrom, die unter den jeweiligen Wetterbedingungen hätten erzeugt werden können, werden reduziert oder ganz zurückgehalten. Hinzu kommen neue Marktregeln und Kohleanreize, die die Flexibilität des Gesamtsystems weiter einschränken, wie die GEM-Analysten betonen.

Ein Problem, das deutschen Netzbetreibern und Stadtwerken nicht gänzlich fremd klingt: Auch hierzulande gelten Netzengpässe als eine der zentralen Hürden der Energiewende.

Gigawatt im Überfluss

Dabei wächst Chinas Erneuerbaren-Kapazität in einem Tempo, das kaum Vergleiche kennt. Allein 2025 gingen laut GEM Solarparks mit einer Gesamtkapazität von 317 Gigawatt (GW) und Windkraftanlagen mit 120 GW ans Netz. Insgesamt verfügt die Volksrepublik inzwischen über rund 1.200 GW installierte Solarleistung und 640 GW Windkraft.

Besonders bemerkenswert: Derzeit baut China neue Windparks mit einer Gesamtkapazität von 251 GW. Diese könnten jährlich so viel Strom erzeugen, wie Deutschland 2025 aus sämtlichen Quellen produzierte. Beim Solarzubau übertrifft China alle Maßstäbe noch deutlicher – 262 GW befinden sich im Bau, 25 Prozent mehr als im Rest der Welt zusammen.

Kohle als Rückversicherung

Trotz dieser Zahlen bleibt Kohle ein unverzichtbarer Pfeiler der chinesischen Energieversorgung. Schlechte Windbedingungen in den Monaten März bis Juni trieben die Kohleverstromung zuletzt wieder nach oben, wie das Zentrum für Forschung zu Energie und sauberer Luft (CREA, Centre for Research on Energy and Clean Air) dokumentierte.

Im Juni stieg zudem die Kohleeinfuhr – nach einem schweren Grubenunglück im Mai in der Provinz Shanxi waren Sicherheitsüberprüfungen angeordnet worden, die die heimische Produktion drosselten.

"Letztendlich wird der Erfolg von Chinas Megastandorten bei erneuerbarer Energie nicht an zusätzlichen Gigawatt gemessen, sondern an der Menge an Kohle, die sie aktiv ersetzen", wird GEM-Analystin Aiqun Yu in einer Presseaussendung zitiert. Manche Experten sehen Anzeichen dafür, dass die Kohleverstromung ein Plateau erreicht haben könnte: 2025 produzierte China laut Crea erstmals seit Jahrzehnten weniger Kohlestrom als im Vorjahr.

Batteriespeicher als Brücke

Parallel forciert Peking den Ausbau von Batteriespeichern. Im ersten Quartal 2026 kamen eigenständige Energiespeichersysteme mit einer Kapazität von 23 Gigawattstunden (GWh) hinzu – ein Anstieg um 205 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum, wie Daten der Energiespeicher-Vereinigung Chinas zeigen. Zum Vergleich: Deutschland nahm im selben Zeitraum laut dem Bundesverband Solarwirtschaft zwei GWh neue Speicherkapazität in Betrieb.

Der Boom der künstlichen Intelligenz (KI) dürfte diesen Trend weiter befeuern. Laut der staatlichen Nachrichtenagentur Xinhua sollen Rechenzentren den Speicherausbau bis 2030 zusätzlich antreiben. Ob Speicher und Netzausbau schnell genug mit dem Erneuerbaren-Zubau Schritt halten – diese Frage bleibt auch für Chinas Energiewende offen.

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