Windturbinen säumen die Küstenlinie entlang eines riesigen Solarparks bei der chinesischen Stadt Weifang.

Windturbinen säumen die Küstenlinie entlang eines riesigen Solarparks bei der chinesischen Stadt Weifang.

Bild: © Ng Han Guan/AP/dpa

Von Julian Korb

Kein Land der Welt investiert nach absoluten Zahlen so stark in erneuerbare Energien wie China. Rund zwei Drittel aller PV- und Windprojekte weltweit im Jahr 2024 entstanden im Reich der Mitte – auch dank auskömmlicher staatlicher Förderung. Als China 2006 mit dem Erneuerbaren-Ausbau begann, war ausgerechnet ein deutsches Gesetz das Vorbild: das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG).

Doch nun will die chinesische Regierung offenbar auf deutlich mehr Markt und weniger staatliche Förderung bei Wind- und PV-Anlagen setzen. Dazu sollen die bisherigen Einspeisetarife schon ab Juni 2025 durch ein vollständig marktorientiertes Preismodell für erneuerbare Energien ersetzt werden. Der gesamte erneuerbare Strom muss dann am Markt verkauft werden. Eine entsprechende Richtlinie haben Chinas Nationale Entwicklungs- und Reformkommission (NDRC) und die Nationale Energiebehörde (NEA) Anfang Februar erlassen.

Hintergrund ist, dass China seine selbst gesteckten Ausbauziele rund sechs Jahre früher als geplant erreicht hat. Erneuerbare machen mittlerweile rund 40 Prozent der Stromkapazität aus. Allein beim Solarstrom beträgt die installierte Leistung 887 Gigawatt (GW).

Umstellung in nur wenigen Monaten

Bemerkenswert ist vor allem die kurze Frist, innerhalb der die Reform umgesetzt werden soll. Zwischen der Ankündigung im Februar und der Umsetzung im Juni liegen gerade einmal vier Monate. Hierzulande eher schwer vorstellbar. Dabei steht auch in Deutschland eine EEG-Reform bis spätestens Ende 2026 an. Denn dann läuft die derzeit gültige beihilferechtliche Genehmigung der EU-Kommission für das Fördergesetz aus.

Marktteilnehmer in Deutschland, vor allem aus der Erneuerbaren-Branche, warnen vor einer schnellen und großflächigen Reform und haben den Zeitrahmen wiederholt als zu kurz bezeichnet. Sie fürchten deshalb einen Fadenriss beim Erneuerbaren-Bau.

Die chinesische Regierung scheint über ähnliche Bedenken von Projektierern und Investoren hinwegzugehen. Lediglich für Bestandsprojekte und solche, die vor der Umstellung im Juni in Betrieb genommen werden, soll es einen Übergangsmechanismus geben. Dieser soll die Preisdifferenz zum neuen Regulierungsrahmen ausgleichen. Neue Projekte müssen hingegen vollständig in marktbasierte Tarife wechseln.

Es wäre bereits die zweite große Erneuerbaren-Reform in China. Bereits 2018 hatte sich die chinesische Regierung angesichts steigender Förderkosten gezwungen gesehen, neue Ausschreibungen einzuführen, um mehr Wettbewerbsdruck zu den festen Einspeisetarifen herzustellen. Mittlerweile wird auch im Reich der Mitte mehr Grünstrom auf dem Spotmarkt gehandelt. In etwa vergleichbar mit der Direktvermarktung in Deutschland.

Allerdings hatten chinesische Projektierer zwischenzeitlich mit sinkenden Marktpreisen vor allem für Solarstrom zu kämpfen. Die Regierung führte daraufhin den Handel mit Grünstromzertifikaten ein, um Projektierern einen Zuverdienst zu ermöglichen. Nun soll der Wettbewerbsdruck offenbar doch wieder erhöht werden. "Die Kosten für die neue Energieentwicklung sind im Vergleich zu früheren Phasen deutlich gesunken", sagte die NDRC in einer Erklärung. Auswirkungen auf den Preis für Privatnutzer und Unternehmen erwartet die Behörde durch die Änderung nicht.

Rund 20 Milliarden Euro jährlich

Auch in Deutschland könnte Erneuerbaren-Förderung künftig marktorientierter ausgestaltet werden. Die hohen Kosten des EEG sind politisch umstritten. Während SPD und Grüne größtenteils am bestehenden System festhalten wollen und lediglich einen von der EU geforderten Abschöpfungsmechanismus ergänzen wollen, sprechen sich Union und FDP für eine grundlegende Reform aus, bis hin zu einem schrittweisen Ende der Förderung. Die AfD – in Umfragen derzeit immerhin zweitstärkste Kraft – würde das EEG sogar am liebsten sofort abschaffen.

Gut 20 Milliarden Euro kostet die Erneuerbaren-Förderung jährlich – mal mehr, mal weniger. Knapp 25 Milliarden waren es im Jahr 2018, bezahlt durch Stromverbraucher über die EEG-Umlage. Inzwischen fließen zum Ausgleich Steuermittel. Rund 18,5 Milliarden Euro schoss der Bund im Jahr 2024 zu, um Fehlbeträge auf dem EEG-Konto auszugleichen, dem Abrechnungskonto der Erneuerbaren-Förderung. In den kommenden Jahren dürften die Kosten, durch den weiteren PV- und Windausbau, nochmals leicht ansteigen.

Größter Kostenblock sind vor allem Dach- und sonstige Solaranlagen, die für fast 60 Prozent der Förderkosten verantwortlich sind. Die Biomasse schlägt immerhin mit 20 Prozent zu Buche. Deutlich günstiger sind da Solarparks und Windanlagen an Land. Allerdings genießen private Aufdachanlagen die größte Akzeptanz in der Bevölkerung, während Windkraftprojekte zuletzt immer stärker unter Beschuss geraten sind.

Agora schlägt mehr Markt vor

Wie die künftige Erneuerbaren-Förderung in Deutschland konkret aussehen könnte, hat kürzlich die Denkfabrik Agora Energiewende skizziert. Zielbild sind sogenannte finanzielle Differenzverträge, im Englischen Contracts of Difference, auch CfD, genannt. Dabei sichert der Staat den Anlagenbetreibern bei niedrigen Marktpreisen gewisse Zahlungen zu, holt sich aber Zusatzerlöse durch hohe Marktpreise über einen Mechanismus zurück.

Ergänzt werden sollen diese CfDs durch langfristige Strombezugsverträge, auf englisch Power Purchase Agreements, oder kurz PPAs. Investoren sollen dabei im Ausschreibungsprozesses die Freiheit haben, den Umfang der staatlichen Absicherung zu wählen. "Unser Vorschlag stellt sicher, dass durch die engere Verzahnung marktlicher Anreize mit staatlicher Absicherung die Stromkosten für Verbraucher und den Staat sinken", sagt Philipp Godron, Programmleiter Strom bei Agora Energiewende. Zugleich blieben Investitionen in Wind und Solar weiter attraktiv.

Allerdings dürfte durch die Umstellung der Fokus künftig stärker auf großen Freiflächensolaranlagen und Windanlagen an Land liegen. Offen ist hingegen, wie es mit privaten PV-Aufdachanlagen weitergehen könnte. Investitionsanreize für dieses Segment hat sich Agora in der Studie nicht näher angeschaut.

Frankreich kürzt bei PV-Anlagen

Was private Dachanlagen angeht, gibt es dafür allerdings im Nachbarland Frankreich neue Entwicklungen. Hier plant die französische Regierung derzeit, den Rotstift bei der Förderung ansetzen. So soll der feste Einspeisetarif für kleine PV-Anlagen bis 9 Kilowatt (kW) Leistung auf 4 Cent pro Kilowattstunde (kWh) sinken. Einen entsprechenden Entwurf hat das zuständige Umweltministerium vorgelegt und diesen mit der "wirtschaftlichen Reife des Sektors" und mit Haushaltsengpässen begründet. Für private Aufdachanlagen soll der Fokus künftig demnach wieder stärker auf dem Eigenverbrauch des erzeugten Stroms liegen.

In Frankreich erhalten PV-Anlagen-Besitzer derzeit noch knapp 13 Cent pro kWh eingespeisten überschüssigen Stroms. Zum Vergleich: In Deutschland beträgt die Förderung für vergleichbare Anlagen bis 10 Kilowatt Peak (kWp) bei Teileinspeisung ab Februar 2025 knapp 8 Cent. Bei Volleinspeisung sind es gut 12 Cent.

Die Einspeisevergütung soll in Frankreich zudem auch für größere PV-Aufdachanlagen zwischen 100 und 500 kW Leistung sinken. Zusätzlich will die französische Regierung die Investitionszuschüsse zu PV-Anlagen nochmals deutlich verringern. Bereits im vergangenen Jahr hatte es eine Senkung um 40 Prozent gegeben. Für Anlagen mit mehr als 100 kW Leistung sollen die Tarife künftig außerdem schneller sinken als bisher vorgesehen.

Die französische Solarindustrie hat die Pläne mit Erschrecken aufgefasst und warnt vor Einbrüchen beim Ausbau. Vor allem Gewerbesolaranlagen auf Fabrikdächern und Parkplätzen drohten demnach unwirtschaftlich zu werden.

Größere Bedeutung der Photovoltaik

Frankreich hat für seine Verhältnisse im vergangenen Jahr einen außergewöhnlichen PV-Zubau von fast 5 GW erlebt. Insgesamt sind im Nachbarland knapp 25 GW an Sonnenenergieanlagen installiert. Der Anteil an der Stromerzeugung liegt jedoch nur bei knapp 5 Prozent. Der größte Anteil der Stromerzeugung wird mit rund zwei Dritteln von der Kernenergie erbracht.

Zum Vergleich: In Deutschland sind bereits etwas mehr als 100 GW Leistung in der Photovoltaik installiert. Solaranlagen produzieren rund 15 Prozent des Stroms. Ob sich die künftige Bundesregierung zu ähnlich harten Einschnitten bei der Förderung entscheiden wird, ist angesichts der größeren Bedeutung der Photovoltaik für die Stromerzeugung fraglich.

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