Der PV-Boom der letzten Jahre sowie der Hype um Großbatteriespeicher fordert Verteilnetzbetreiber. Zuletzt erklärte Eduard Sudheimer von NEW Netz in der ZFK etwa, warum der Netzbetreiber rund 95 Prozent der Netzanschlussanfragen ablehnt. Mit stark ausgelasteten Netzkapazitäten kennt sich auch N-Ergie-Netz aus Mittelfranken in Bayern aus. Geschäftsführerin Kerstin Fröhlich gab der ZFK im Interview einen Einblick in die aktuelle Situation.
Frau Fröhlich, wie angespannt ist die Netzsituation in Ihrem Versorgungsgebiet aktuell?
Wir haben eine sehr angespannte Situation. Unser Netz ist stark PV-einspeisedominiert: An sonnigen Tagen drücken rund 3,4 Gigawatt aus PV und Wind ins Netz, bei einer gleichzeitigen Last von etwa 700 Megawatt. Wir können zwar einen Teil in vorgelagerte Netze rückspeisen, müssen aber zeitgleich erhebliche Mengen abregeln.
Um welche Mengen geht es konkret?
In der Spitze sprechen wir von mehreren hundert Megawatt, die wir aktuell nicht aufnehmen können. Das zeigt die enorme Diskrepanz zwischen Erzeugung und Verbrauch. Dazu kommt noch, dass der Verbrauch in unserem Netzgebiet – wie überall in Deutschland – nicht wie prognostiziert ansteigt, sondern abnimmt. Alle Ausbauszenarien fußen aber auf der Annahme eines steigenden Strombedarfs.
In der Öffentlichkeit war von einem "Anschlussstopp" für größere PV-Anlagen in Ihrem Netzgebiet die Rede.
Den Begriff Anschlussstopp halte ich für irreführend. Es gibt weiterhin Netzbereiche, in denen auch größere Anlagen angeschlossen werden können. Klar ist aber: In vielen Regionen sind die Kapazitäten in den PV-Stunden ausgelastet. Deshalb ermöglichen wir weiterhin Anschlüsse – aber oft nur unter Einschränkungen, etwa ohne Einspeisung oder mit sehr entfernten Netzverknüpfungspunkten. Kleine Anlagen bis 30 kW können wir weiterhin gut integrieren.
Kleine Anlagen bis 30 kW können wir weiterhin gut integrieren.
Was bedeutet das konkret für Betreiber größerer Anlagen?
Wir bieten beispielsweise Modelle an, bei denen der erzeugte Strom vor Ort genutzt wird, aber nicht ins Netz eingespeist werden darf. Gerade für Gewerbe kann das wirtschaftlich sinnvoll sein. Gleichzeitig prüfen wir jede größere Anlage individuell. Wenn keine Kapazitäten vorhanden sind, wird der Netzanschlusspunkt entsprechend verlagert – was die Projekte natürlich anspruchsvoller macht.
Welche Rolle spielen flexible Anschlussvereinbarungen, kurz FCAs genannt?
FCAs sind ein wichtiger Baustein, um Projekte weiterhin zu ermöglichen. Für Windanlagen heißt das zum Beispiel: In den sonnenstarken Monaten und Stunden darf nicht eingespeist werden, in den übrigen Zeiten schon. Das ist keine perfekte Lösung, aber sie hilft, vorhandene Netzkapazitäten besser zu nutzen und so die Zeit zu überbrücken, bis die Netze ausgebaut sind. Klar ist aber auch: FCAs können nicht für jedes Projekt angeboten werden.
Es gab Berichte über Nachtabregelungen bei Windenergie. Wie ist die tatsächliche Lage?
Das möchte ich klarstellen: Es gibt keine generellen nächtlichen Einschränkungen. Wenn wir nachts regeln, dann nur in seltenen Fällen bei sehr hoher Windeinspeisung und konkreten Engpässen im Netz. Grundsätzlich wird der Strom aufgenommen, wenn Kapazitäten vorhanden sind. Eine systematische Nachtabregelung wäre nicht sinnvoll.
Sie planen einen großen netzdienlichen Batteriespeicher.
Speicher sind für uns ein wichtiges Instrument, um Lastspitzen – vor allem mittags im Sommer – abzufedern. Unser erstes Projekt soll zeigen, wie stark sich damit Netzkosten senken lassen. Danach werden wir entscheiden, ob weitere Ausschreibungen folgen. Gleichzeitig sehen wir viele Anfragen für marktgetriebene Speicher, aber dafür sind unsere Kapazitäten derzeit sehr begrenzt.
Für marktgetriebene Speicher sind unsere Kapazitäten derzeit sehr begrenzt.
Wie weit sind Sie bei volldynamischen Anschlussmodellen?
Das ist der nächste Schritt nach den aktuell angebotenen FCAs. Künftig sollen neue Anlagen immer dann einspeisen dürfen, wenn Netzkapazität vorhanden ist. Wir arbeiten hier mit Partnern an den Grundlagen und wollen in den nächsten 2-3 Jahren erste Umsetzungen und Piloten erreichen. Das erhöht die Effizienz, bringt aber auch neue Herausforderungen bei Prognosen und Wirtschaftlichkeit.
Warum wurde der Netzausbau nicht früher vorangetrieben?
Wir haben sehr früh reagiert und unsere weitgreifenden Aktivitäten beim Netzausbau dann nochmal verstärkt, als der massive Hochlauf bei den Erneuerbaren abzusehen war. Aber die Prozesse dauern lange: Planung, Genehmigungen, Naturschutzauflagen – allein das kann Jahre in Anspruch nehmen. Parallel ist die Zahl der Anfragen stark gestiegen, von wenigen Tausend auf bis zu 25.000 pro Jahr. Diese Dynamik lässt sich nicht kurzfristig mit Netzausbau auffangen.
Der starke Erneuerbaren-Ausbau ist doch aber erfreulich?
Wenn wir über Netzausbau sprechen, dürfen wir zum einen nicht vergessen, dass der Ausbau der Netze finanziert werden muss. Allein in unserem Netzgebiet werden wir bis zum Ende der Dekade noch über 1 Milliarde Euro investieren. Hierfür benötigen wir verlässliche und auch auskömmliche Rahmenbedingungen seitens der Regulierungsbehörde. Zum anderen wirkt der Netzausbau direkt auf die Netzentgelte, die aktuell primär die Verbrauchsseite trifft.
Wie bewerten Sie die aktuellen regulatorischen Vorschläge und das Netzpaket?
Da sind wichtige Ansätze enthalten, etwa zur besseren Steuerung des Systems. Gleichzeitig sehen wir kritisch, dass Kosten aus der Integration erneuerbarer Energien im Effizienzvergleich negativ wirken können. Das widerspricht dem politischen Ziel, den Ausbau zu fördern. Grundsätzlich brauchen wir eine faire Kostenverteilung – alle, die vom Netz profitieren, sollten sich auch beteiligen.
Alle, die vom Netz profitieren, sollten sich auch beteiligen.
Sind wir da auf dem richtigen Weg?
Wir müssen Erzeugung, Netz und Verbrauch besser synchronisieren und Erneuerbare dort ins System integrieren, wo auch Nachfrage besteht. Aktuell wird die Verbrauchsseite oft ausgeblendet, obwohl sie entscheidend ist. Gleichzeitig treiben wir den Netzausbau und die Digitalisierung konsequent voran, etwa bei Netzanschlussprozessen oder dem Rollout der intelligenten Messsysteme. Klar ist aber: Die Energiewende ist ein Erfolg – und genau dieser Erfolg bringt die aktuellen Herausforderungen mit sich.






