Dekarbonisierte Fernwärme gilt neben Wärmepumpen unterschiedlicher Dimension und Biomasse als Technologie für die Heizung der Zukunft. Aber wo liegen in Deutschland die größten Wärmenetze und wer betreibt sie? In dieser Liste finden sich die "üblichen Verdächtigen", also die Großstädte, aber auch manche Überraschung auf den vorderen Plätzen – zumindest wenn es nach der Netzlänge geht.
Das Fernwärmenetz der Berliner Energie und Wärme AG (BEW) ist mit rund 2000 Kilometern Trassenlänge das mit Abstand größte zusammenhängende Wärmenetz in Westeuropa. Es versorgt etwa 1,4 Millionen Wohneinheiten mit Wärme und Warmwasser. Eine Besonderheit ist die kürzlich vollzogene Rekommunalisierung, bei der das Land Berlin das Netz vom schwedischen Konzern Vattenfall zurückkaufte. Technologisch setzt Berlin auf einen Mix aus modernen Gas-und-Dampf-Turbinen sowie zunehmend auf Großwärmepumpen und die Nutzung von Abwärme. Bis spätestens 2040 soll die Wärme vollständig dekarbonisiert sein.
München und Hamburg teilen sich die Plätze
Die Plätze zwei und drei teilen sich Hamburg und München mit einer Netzlänge von jeweils rund 900 Kilometern. Der Fokus bei den Stadtwerken München liegt auf der Nutzung der Tiefengeothermie, da der geologische Untergrund Münchens dafür ideale Voraussetzungen bietet. Bis 2040 will München die erste deutsche Großstadt sein, die ihre Fernwärme zu 100 Prozent aus regenerativen Energien gewinnt – Berlin hat dieses Ziel aber ebenfalls ausgerufen. Neben Geothermie wird das Netz durch hocheffiziente Kraft-Wärme-Kopplungs-Anlagen gestützt, um die Versorgungssicherheit auch an kalten Tagen zu garantieren. Das Dampfnetz in der Innenstadt wird derzeit sukzessive auf das effizientere Heizwasser umgestellt.
Hamburg treibt nach dem Rückkauf des Netzes von Vattenfall den Kohleausstieg, insbesondere am Standort Tiefstack, energisch voran. Ein besonderes Merkmal ist der "Energiepark Hafen", der industrielle Abwärme und Müllverbrennung intelligent in das städtische Netz integriert. Hamburg setzt verstärkt auf Power-to-Heat-Anlagen, um überschüssigen Windstrom in Wärme umzuwandeln.
Flensburg toppt bei der Anschlussdichte alle
Auf Platz 4 liegt das Iqony-Netz im Ruhrgebiet. Nach der geplanten Übernahme der Uniper Wärme wird das zusammengeführte Netz eine Gesamtlänge von rund 740 Kilometern umfassen. Dieses Netz versorgt Städte wie Bottrop, Essen und Gelsenkirchen und reicht rechnerisch für die Versorgung von bis zu 435.000 Haushalten. Die Versorgung erfolgt nicht durch ein einziges, zusammenhängendes Netz, sondern durch ein System aus sternförmigen Netzen und Fernwärmeschienen, die mehrere Städte miteinander verbinden.
Überraschung auf Platz 5: Flensburg besitzt mit über 98 Prozent die höchste Fernwärme-Anschlussdichte einer Stadt in Deutschland. Das Netz erstreckt sich über 700 Kilometer und ist so leistungsfähig, dass es sogar grenzüberschreitend die dänische Stadt Padborg mitversorgt. Traditionell basierte die Erzeugung auf Steinkohle, doch derzeit findet ein radikaler Umbau hin zu Großwärmepumpen und Elektrodenheizkesseln statt. Durch die hohe Marktdurchdringung gibt es in Flensburg fast keine individuellen Gas- oder Ölheizungen mehr in den Häusern.
Das Dresdner Fernwärmenetz umfasst etwa 630 Kilometer und deckt mehr als 40 Prozent des gesamten Wärmebedarfs der sächsischen Landeshauptstadt. Betrieben von der Sachsenenergie, zeichnet sich das System durch einen hohen Wirkungsgrad dank konsequenter Kraft-Wärme-Kopplung aus. Historisch bedingt existieren noch viele oberirdische Leitungen, die jedoch sukzessive saniert oder unter die Erde verlegt werden. Die Stadt integriert zudem innovative Lösungen wie die Nutzung von Flusswasserwärmepumpen an der Elbe.
Das Netz der MVV Energie aus Mannheim ist besonders, da es nicht nur Mannheim versorgt, sondern als "Fernwärmeschiene Rhein-Neckar" auch Heidelberg, Schwetzingen und Speyer verbindet. Mit einer Gesamtlänge von rund 600 Kilometern ist es eines der größten regionalen Verbundnetze in Deutschland. Ein Schlüsselfaktor ist die direkte Anbindung an die Müllverbrennungsanlage auf der Friesenheimer Insel, die als Grundlastwärmequelle dient. MVV gilt als Vorreiter bei der "Grünen Wärme" und integriert Biomasse sowie Flusswärmepumpen in das System.
Transformation in Leipzig
In Leipzig betreiben die Stadtwerke ein rund 530 Kilometer langes Netz, das derzeit einen Transformationsprozess durchläuft. Herzstück ist das neue Heizkraftwerk Leipzig Süd, das als eines der flexibelsten und emissionsärmsten Gasturbinenkraftwerke der Welt gilt und auf Wasserstoff umrüstbar ist. Begleitet wird die Erzeugung durch große Solarthermie-Anlagen, die im Sommer Teile der Warmwasserbereitung übernehmen.
Das Fernwärmenetz der Stadtwerke Duisburg ist rund 500 Kilometer lang. Die Wärme wird unter anderem durch effiziente Kraft-Wärme-Kopplungsanlagen und Großwärmepumpen erzeugt. Pläne sehen den weiteren Ausbau und die Nutzung von industrieller Abwärme durch eine Verbindung zur Fernwärmeschiene Niederrhein vor.
Auf den weiteren Plätzen folgen Essen mit einem 440 Kilometer langen Netz der Stadtwerke, Stuttgart mit knapp 400 Kilometern, betrieben von EnBW, sowie dem Kölner Netz der Rheinenergie. Dieses Netz hat eine Länge von 380 Kilometern. Damit werden knapp 18 Prozent des Wärmebedarfs über Fernwärme abgedeckt. Das Innenstadtnetz ist mit Abstand das größte Netz, es wird zentral aus dem Standort Niehl über ein Gas- und Dampfturbinen-Kraftwerk (GuD) und demnächst auch aus Europas größter Flusswasser-Wärmepumpe versorgt. Daneben gibt es ein zweites Netz im Kölner Norden und Nordwesten sowie ein kleineres Netz im rechtsrheinischen Köln.
Das Fernwärmenetz der Stadtwerke Kiel hat eine Länge von derzeit 374 Kilometern. Die Fernwärme wird hauptsächlich im hochmodernen Küstenkraftwerk mittels Kraft-Wärme-Kopplung (KWK) erzeugt. Um auch den Westen Kiels effizient zu versorgen, wurde ein 1368 Meter langer Tunnel unter der Kieler Förde gebaut.
Das Bremer Fernwärmenetz erstreckt sich über 360 Kilometer und ist stark durch die Müllverbrennung geprägt. Das 350 Kilometer lange Netz von Enercity in Hannover setzt auf die thermische Verwertung von Altholz und Klärschlamm sowie auf industrielle Abwärme. Große Pläne hat die Nürnberger N-Ergie, die ihr 340 Kilometer langes Netz bis 2030 um 150 Kilometer erweitern will. Das Frankfurter Netz der Mainova ist 310 Kilometer lang und soll künftig stärker von Abwärme aus Rechenzentren profitieren. Schließlich folgen Chemnitz (300 Kilometer), Braunschweig (290 Kilometer), Halle (260 Kilometer) und Karlsruhe (230 Kilometer).



