Satellitenschüsseln an den Balkonen des Wohnblocks Pallasseum in Berlin. In der denkmalgeschützten Anlage wohnen über 2000 Menschen.

Satellitenschüsseln an den Balkonen des Wohnblocks Pallasseum in Berlin. In der denkmalgeschützten Anlage wohnen über 2000 Menschen.

Bild: © Ingo Bartussek/Adobestock

Von Hans-Peter Hoeren

Das Pallasseum ist in Berlin stadtbekannt. In dem denkmalgeschützten Wohnblock aus den 1970er Jahren in Berlin-Schöneberg wohnen über 2000 Menschen, die meisten Mieter. Das wuchtige Gebäude auf dem Grundstück des ehemaligen Sportpalastes gilt als Beispiel für die sogenannte "Brutalismusarchitektur" der 1970er Jahre. Kann eine so große Bestandsimmobilie sozialverträglich dekarbonisiert werden, ohne dass die Mieter einen höheren Preis für die Wärme zahlen müssen? Vor dieser Frage stehen viele Wohnungsbaugesellschaften. In diesem Fall auch die Berliner Gewobag. Gemeinsam mit der Gasag-Tochter Gasag Solution Plus und der PASM, einer Tochter für Energiedienstleistungen der Deutschen Telekom, ist das gelungen.

Möglich wird die Realisierung des Großprojekts durch die Nutzung der Abwärme aus einem bestehenden, nahe gelegenen Netzknotenpunkt mit zahlreichen großen Servern, die Wärme wird künftig über eine 140 Meter lange Fernwärmeleitung in die Bestandsimmobilie geführt. Die Umstellung der bisher zu 100 Prozent gasbasierten Versorgung auf so genannte unvermeidbare Abwärme soll zur Heizsaison 2025/26 erfolgen. "Es ist eines der ersten Projekte deutschlandweit, bei dem ein Bestandsgebäude mit Abwärme aus Servern dekarbonisiert wird. Diese Besonderheit und auch dieser spezielle und markante Gebäudetyp haben mich besonders angespornt", sagt Matthias Prennig, Leiter Vertrieb Energiedienstleistungen bei der Gasag Solution Plus. 

Die wichtigsten Erfolgsfaktoren

Der Anteil erneuerbarer Energien an der Wärmeversorgung im Pallasseum liege künftig über 65 Prozent und erfülle damit die Anforderungen des Gebäudeenergiegesetzes. "Durch die räumliche Nähe zum Netzknoten der Telekom bestanden sehr gute Voraussetzungen für die Umsetzung des Projekts", so Prennig. Von der ersten Kontaktaufnahme der Beteiligten bis zur Vertragsunterzeichnung vergingen mehr als zwei Jahre. Im Interview skizziert Prennig die wichtigsten Voraussetzungen des Vorzeigeprojekts und gibt einen Ausblick auf die Wärmewende in Berlin. 

Die wichtigsten Erfolgsfaktoren nennt er vorab: "Wichtig war die Kooperationsbereitschaft der drei Partner. Zentral bei einem solchen Leuchtturmprojekt sind zudem Ausdauer, Mut und Technologieoffenheit, aber auch eine offene Grundhaltung." Mit Denkverboten nach dem Prinzip "so haben wir es noch nie gemacht", lasse sich solch ein Projekt nicht umsetzen.

"Von einem bedeutenden Schritt in Richtung nachhaltiger Wärmeversorgung für die Gewobag", spricht Karsten Mitzinger, der Geschäftsführer der Wohnungsbaugesellschaft. Das Projekt ermögliche es, den Herausforderungen durch hohen Wärmebedarf und denkmalgeschützte Fassaden zu begegnen. Das Projekt zeige, wie "öffentliche und private Partner gemeinsam nachhaltige Klimaprojekte realisieren können".

Herausforderung Sozialverträglichkeit

Grundsätzliche Voraussetzung für die Realisierung des Projekts war eine gewerbliche Wärmelieferung. Diese muss in diesem Fall ohne bauherrenseitige Investitionen auskommen und die Mieter künftig kostenneutral gegenüber der aktuellen Wärmeversorgung stellen, da Warmmietenneutralität gesetzlich sichergestellt werden muss. Außerdem muss die Versorgungssicherheit dauerhaft garantiert werden. Da dieses Risiko ein Serverbetreiber naturgemäß nicht übernehmen kann und will, muss eine sogenannte "Redundanz" im Wärmekonzept vorliegen. Das heißt, die Wärmelieferung muss auch für den Fall eines zeitweiligen Ausfalls der Abwärme gewährleistet sein. "Die Immobilie wurde bereits vorher mit Gaskesseln versorgt, diese werden jetzt modernisiert und stehen für Spitzenlasten im Winter und als Back-up zur Verfügung", erklärt Prennig. Die Gasag Solution Plus ist für den zuverlässigen Betrieb dieser Anlage verantwortlich. Grundlage für das Projekt sind ein Vertrag mit der Telekom/PASM über die Abwärmenutzung und ein Vertrag mit der Gewobag über eine gewerbliche Wärmelieferung. "Anspruchsvoll war, dass wir beide Verträge parallel verhandeln mussten", schildert Prennig.

Die technischen Herausforderungen

Die bisherige Vorlauftemperatur der Wärme in dem denkmalgeschützten Bestandsgebäude aus den 70er Jahren ist sehr hoch. "Wir haben diese um rund fünf Kelvin reduziert und können so die Anlage dort deutlich effizienter betreiben als in der Vergangenheit", so Prennig. Aber auch PASM hat kräftig in neue Technik investiert, in große Sole Wasser Wärmepumpen mit einer Leistungsfähigkeit von 800 kW. Die Abwärme der Server hat eine Ausgangstemperatur von rund 25 Grad, diese wird dann über die Wärmepumpen auf rund 75 Grad erhitzt. "Normalerweise sind wir auch dafür zuständig, in diesem Fall hat es die Telekom übernommen", sagt der Leiter Vertrieb Energiedienstleistungen. Dieses heiße Wasser werde dann von der Gasag übernommen und in die Energiezentrale unterm Dach des Pallasseums transportiert und in die bestehende Energieversorgung integriert. Der Wärmebedarf des Gebäudekomplexes entspricht mit über 7000 Megawattstunden pro Jahr dem von rund 350 Einfamilienhäusern.

Ohne die Nutzung der Abwärme hätte die Gewobag massiv in die Gebäudehülle (wie Dämmung oder Fenster) investieren müssen. Die Nutzung der Abwärme und die Absenkung der Vorlauftemperaturen ermöglichen nun eine deutlich weniger aufwändigere und finanziell umsetzbare Lösung. Durch die Steigerung der Energieeffizienz der Anlagen wird über 43 Prozent an Endenergie eingespart. der CO2-Ausstoß des Gebäudes verringert sich insgesamt um 833 Tonnen pro Jahr.
Das Projekt steht und fällt mit der Verfügbarkeit zentrumsnaher Abwärme. Solch eine Konstellation ist eher noch selten. Durch den Rechenzentrums-Boom, etwa im Rhein-Main-Gebiet, könnten sich hier aber weitere Potenziale künftig deutschlandweit ergeben. "Die technische Umsetzung des Projekts ist keine Raketenwissenschaft, wir haben uns einfach getraut", sagt Prennig.

Weitere Wärmewende-Projekte in Berlin

Gasag Solution Plus betreibt über 1000 Wärmeanlagen in Berlin und Umgebung, die größte hat eine Anschlussleistung von rund 14 MW. Auch im Neubau setzt man dabei Abwärme aus Rechenzentren ein, etwa gemeinsam mit Engie Deutschland im "Neuen Gartenfeld" in Spandau in einem neu entstehenden Quartier mit einem Energieoutput von 12.000 Megawattstunden (MWh) pro Jahr. 4500 neue Wohnungen, 200 Gewerbeeinheiten, Kitas und Schulen entstehen dort, rund 10000 Menschen sollen künftig mit Wärme versorgt werden.

Der Wärmebedarf und die benötigte Vorlauftemperatur sind hier natürlich deutlich niedriger als im Bestand. Im Innovationsquartier Marienpark im Südwesten Berlins entsteht zudem ein lokales Wärmenetz, über das 4000 Wohneinheiten im Südwesten Berlins versorgt werden sollen. Auch hier wird die Wärmeversorgung über Abwärme aus Rechenzentren erfolgen. 90 Prozent der Fernwärme in Berlin sind noch fossil. "Neue Wärmenetze sollen vom Start weg mit erneuerbaren Energien oder unvermeidbarer Abwärme gespeist werden", erklärt Prennig. Das funktioniere im Neubau aber nur, wenn der Gebäudeeigentümer mitspiele.

Projekt in Plattenbau-Komplex mit Luft-Wasser-Wärmepumpen und PV

Aktuell wird ein weiteres Projekt im Bestand unter Einbindung erneuerbarer Energien geplant. In einem ehemaligen Plattenbaukomplex (Wohnungsbauserie 70) aus DDR-Zeiten mit mehreren fünfstöckigen Hochhäusern wird mit Luft-Wasser-Wärmepumpen und PV diese Wohnsiedlung komplett dekarbonisiert. "Wir haben dort eine dynamische Gebäudesimulation gemacht und das Gebäude komplett energetisch bewertet und verschiedene Temperaturauslegungen geprüft", erklärt Prennig. So habe man festgestellt, wo etwa Heizkörper ausgetauscht werden müssen oder kleinere Dämmmaßnahmen erforderlich seien. Auch hier sei es essentiell gewesen, die Vorlauftemperatur so weit senken zu können, dass eine Beheizung mit Luftwasser-Wärmepumpe möglich ist.

Es gebe aber nicht die eine Lösung für den Immobilienbestand. "Das muss nicht zwangsläufig die Wärmepumpe sein, wir sollten uns hier nicht auf eine Lösung versteifen." Auch eine Wärmeleitung mit grüner Fernwärme oder eine Hybridlösung aus einem Gaskessel in Verbindung mit einer Wärmepumpe seien denkbar. Gasag Solution Plus setzt im künftigen Wärmemix auch auf bodennahe Geothermie und hat hier bereits mehrere Projekte realisiert, ein größeres in Berlin Pankow sogar mit über 100 Erdsonden.

Kritik am veralteten Vergleichsmechanismus beim Thema Kostenneutralität

"Mit dem Gebäudeenergiegesetz (GEG) und dem Wärmeplanungsgesetz sind 2024 die richtigen Weichen gestellt worden", sagt Prennig. Die künftige Bundesregierung sollte diesen Weg weitergehen. Die Energiebranche benötige hier langfristige Rahmenbedingungen und diese seien mit dem GEG gegeben.

Als kontraproduktiv und nicht mehr zeitgemäß bezeichnet Prennig den Vergleichsmechanismus beim Thema "Kostenneutralität". "Wir vergleichen eine moderne, klimafreundliche Wärmelösung im Bestand immer noch mit den Preisen fossiler Lösungen aus der Vergangenheit", sagt er. Das erschwere das Contracting-Geschäft massiv, weil moderne, umweltfreundlichere Lösungen in dem bestehenden Mechanismus oftmals als zu teuer bewertet werden. 

Dies müsse dringend bei der Novellierung der AVB Fernwärme angepasst werden. "Ein zeitgemäßerer Vergleichsmechanismus sollte natürlich weiter den Mietenden schützen, aber auch so gestaltet sein, dass mehr sozialverträgliche Dekarbonisierung im Bestand möglich wird und etwa für den Wohnungsbau auch finanziell zu leisten ist." Die Zeit der günstigen, fossilen Energiepreise sei vorbei. "Aktuell vergleichen wir uns hier gegen ein Preisniveau, das es so nie mehr geben wird." Grüne Fernwärme dürfe finanziell für den Verbraucher kein Premiumprodukt werden, im Sinne einer breiten Akzeptanz müsse diese bezahlbar bleiben.

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Das Projekt zählt zu den diesjährigen Preisträgern beim ZfK-NachhaltigkeitsAWARD 2025, prämiert wird auch ein weiteres Dekarbonisierungsprojekt im Bestand von den Berliner Stadtwerken. Diese und zahlreiche andere Auszeichnungen werden am 17. Juni in Berlin verliehen. Im Rahmen der Veranstaltung werden Gasag-Vorstand Matthias Trunk und Chris Werner, Geschäftsführer der Berliner Stadtwerke, in einem moderierten Talk über die Herausforderungen und die aktuellen Rahmenbedingungen für eine sozialverträgliche Wärmewende diskutieren. Zum Programm und zur Anmeldung geht es hier.

Dieser Artikel ist zuerst exklusiv im ZfK-Wärmenewsletter erschienen. Hier können Sie sich dafür kostenlos anmelden.

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