Die Jahreszahlen für 2025 bestätigen einen Trend, der sich bereits zur ersten Jahreshälfte abgezeichnet hatte: Der Redispatch-Stress verlagert sich massiv in die Verteilnetze. Zwar blieb das Gesamtvolumen sogenannter Netzengpassmanagement-Maßnahmen mit rund 30,3 Terawattstunden (TWh) nahezu unverändert zum Vorjahr. Zur Einordnung: Deutschland hat 2025 insgesamt knapp 500 TWh Strom erzeugt.
Allerdings zeigen die nun veröffentlichten Daten der Bundesnetzagentur eine fundamentale Verschiebung: Photovoltaikanlagen (PV-Anlagen) mussten 2025 um 94 Prozent mehr abgeregelt werden als noch im Vorjahr. Gleichzeitig sanken die Abregelungen von Offshore-Windkraftanlagen um 27 Prozent.
Verteilnetz-Engpässe nehmen dramatisch zu
Besonders alarmierend für Stadtwerke: Rund ein Drittel der Redispatch-Maßnahmen bei erneuerbaren Energien wurden 2025 durch Engpässe im Verteilnetz verursacht – im Vorjahr waren es noch rund ein Viertel.
"Der anhaltende Zubau verstärkt die Einspeisung in den Verteilnetzen und führt dort zunehmend zu Engpässen", bilanziert die Bundesnetzagentur. "Dies weist darauf hin, dass der Ausbau der Verteilnetze mit dem kontinuierlich wachsenden Anteil der Solarstrom-Einspeisung noch nicht Schritt hält."
Die Zahlen sprechen eine klare Sprache: Fielen 2024 noch drei Viertel der Redispatch-Maßnahmen im Übertragungsnetz an, waren es 2025 nur noch zwei Drittel. Dafür stieg der Anteil der Verteilnetz-verursachten Abregelungen kontinuierlich an. Im zweiten Quartal 2025 lag der Anteil zwischenzeitlich sogar bei 49 Prozent – ein Rekordwert.
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Bayern bleibt Brennpunkt der Abregelungen
Bayern führt die Statistik dabei weiterhin deutlich an. Im zweiten Quartal 2025 wurden etwas mehr als die Hälfte aller Abregelungen im Freistaat durchgeführt. Gegenüber dem Vorjahresquartal war das ein Anstieg um 90 Prozent, gegenüber dem zweiten Quartal 2023 sogar ein Plus von 247 Prozent.
Die Entwicklung hängt direkt mit dem massiven PV-Zubau zusammen: Allein in den ersten neun Monaten 2025 wurden in Bayern mehr als 3000 Megawatt (MW) Photovoltaikanlagen neu installiert.
Schon heute müssen bei einzelnen Netzbetreibern, wie etwa der Nürnberger N-Ergie, an sonnigen Tagen große Mengen an Solarstrom abgeregelt werden, weil das Netz ihn nicht mehr aufnehmen kann. "Weiterer PV-Ausbau wird zum Großteil jahrelang abgeregelt werden", sagte Kerstin Fröhlich, Geschäftsführerin des Verteilnetzbetreibers, kürzlich bei einer Veranstaltung in Berlin.
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Ost-West-Lastflüsse statt Nord-Süd-Engpässe
Die Verschiebung der Engpassmuster erklärt sich laut der Bundesnetzagentur vor allem durch veränderte Lastflüsse. Die hohe Einspeisung aus PV-Anlagen führte 2025 vermehrt zu Ost-West-Lastflüssen, auf die Offshore-Windparks kaum Einfluss haben.
"Gleichzeitig sorgte das geringe Windaufkommen dafür, dass die typischen Nord-Süd-Lastflüsse weniger stark ausgeprägt waren", schreibt die Bonner Behörde. Dies reduzierte den Redispatch-Bedarf im Übertragungsnetz und verlagerte die Problematik in die Verteilnetze.
96 Prozent der Erneuerbaren-Erzeugung erreichte Verbraucher
Trotz der Herausforderungen konnten mehr als 96 Prozent der erneuerbaren Energien ins Netz eingespeist und von Endverbrauchern genutzt werden, heißt es weiter. Die Abregelungen machten demnach "nur" 3,5 Prozent der gesamten erneuerbaren Stromerzeugung aus.
Dennoch: Das Redispatch-Volumen bei konventionellen Kraftwerken stieg ebenfalls um 21 Prozent auf rund 6,2 TWh – auch hier zeigt sich die zunehmende Netzbelastung.
Kosten steigen trotz stabiler Volumina
Ein Paradoxon zeigt sich bei den Kosten: Obwohl das Gesamtvolumen konstant blieb, stiegen die vorläufigen Kosten für das Netzengpassmanagement um vier Prozent auf rund 3,1 Milliarden Euro. Besonders die Vorhaltekosten für Reservekraftwerke nahmen deutlich zu – von 696 Millionen Euro (2024) auf 952 Millionen Euro (2025). Ein zusätzliches Kraftwerk wurde in die Netzreserve aufgenommen, mehrere bereits vorhandene mussten ertüchtigt werden.
Interessanterweise sank der finanzielle Ausgleich für abgeregelte Erneuerbaren-Anlagen gleichzeitig um 22 Prozent auf 433 Millionen Euro – trotz stabiler Abregelungsmengen. Grund sind die höheren Großhandelspreise gegenüber dem Vorjahr. Höhere Marktpreise hatten eine geringere Marktprämie, also eine geringere staatliche Förderung, zur Folge.
Netzausbau zeigt erste Erfolge
Laut der Bundesnetzagentur positiv zu werten: Der beschleunigte Netzausbau im Übertragungsnetz zeigt Wirkung. Die Behörde prognostiziert für das Winterhalbjahr 2025/2026 einen Redispatch-Bedarf von nur noch 17 TWh – 30 Prozent weniger als im Vorjahr.
Doch für die Verteilnetze bleibt die Herausforderung bestehen: Der PV-Zubau geht weiter, wenn auch moderater als in den Boomjahren. Die Jahresdaten 2025 machen deutlich: Stadtwerke müssen ihre Verteilnetze massiv ausbauen, um mit der dezentralen Solarstrom-Einspeisung Schritt zu halten.



