Mehr als 2,5 Millionen Heimspeicher stehen inzwischen in deutschen Kellern, wie aus der Plattform Battery Charts hervorgeht. Lange dienten sie vor allem dazu, den Eigenverbrauch von Solarstrom zu erhöhen. Nun entwickeln sie sich zunehmend zu einer handelbaren Flexibilitätsreserve.
Der Berliner Energieversorger Ostrom weitet sein virtuelles Kraftwerk deshalb auf Photovoltaik-Heimspeicher aus – und steht damit für einen Trend, der den Markt in den kommenden Jahren verändern dürfte.
Hinter der Entwicklung steckt der Wandel am Strommarkt. Mit dem Ausbau von Photovoltaik und Windkraft nehmen die Preisschwankungen an der Strombörse zu. Sonnige oder windreiche Stunden führen immer häufiger zu sehr niedrigen oder sogar negativen Strompreisen, während in Zeiten geringer Erzeugung deutliche Preisspitzen auftreten.
Heimspeicher können diese Unterschiede nutzen, indem sie Strom gezielt in günstigen Stunden aufnehmen und später wieder bereitstellen. Für Energieversorger entstehen dadurch neue Möglichkeiten, die Flexibilität tausender Haushalte zu bündeln und am Strommarkt zu vermarkten.
Ostrom erweitert sein virtuelles Kraftwerk
Bislang war Ostroms virtuelles Kraftwerk vor allem auf Elektroautos und Wallboxen ausgerichtet. Inzwischen integriert das Unternehmen auch Photovoltaikanlagen und Heimspeicher. Zum Start werden zunächst Systeme des Herstellers Huawei unterstützt, weitere Hersteller sollen in den kommenden Monaten folgen.
Nach Angaben des Unternehmens sind bereits mehrere hundert Heimspeicher eingebunden. Die Flexibilität dieser Anlagen wird gebündelt und ausschließlich am Intraday-Markt vermarktet. Anders als viele Home-Energy-Management-Systeme (HEMS), die sich vor allem an Day-Ahead-Preisen orientieren, reagiert Ostrom nach eigenen Angaben auf kurzfristige Preisänderungen im untertägigen Stromhandel.
Bemerkenswert ist dabei das Geschäftsmodell: Auch Kunden mit einem klassischen Fixtarif können teilnehmen. Den Strom beschafft Ostrom zunächst langfristig über den Terminmarkt und trägt dabei selbst das Preisrisiko. Zusätzliche Erlöse entstehen anschließend durch die Optimierung der angeschlossenen Speicher am untertägigen Börsenstromhandel.
Diese Handelsgewinne werden anschließend mit den Kunden geteilt. Nach Unternehmensangaben liegen die durchschnittlichen Mehrerlöse derzeit bei zwei bis vier Cent pro optimierter Kilowattstunde gegenüber einer reinen Day-Ahead-Optimierung.
Drei Wege, mit Heimspeichern Geld zu verdienen
Eigenverbrauch optimieren
Der selbst erzeugte Solarstrom wird möglichst im eigenen Haushalt genutzt. Das ist die klassische Funktion eines Heimspeichers und senkt den Strombezug aus dem Netz.
Dynamische Tarife nutzen
Der Speicher lädt gezielt bei niedrigen Börsenpreisen und versorgt den Haushalt in teuren Stunden. Diesen Ansatz verfolgen unter anderem Tibber, Octopus Energy und Sonnen mit entsprechenden Tarifangeboten.
Flexibilität vermarkten
Viele Heimspeicher werden zu einem virtuellen Kraftwerk gebündelt. Die verfügbare Flexibilität wird am Strommarkt vermarktet, die Erlöse werden mit den Kunden geteilt. Diesen Ansatz verfolgen unter anderem Sonnen und Ostrom.
Der Wettbewerb um die Heimspeicher läuft
Ostrom ist mit diesem Ansatz allerdings nicht allein. Bereits 2022 kündigte der Allgäuer Speicherspezialist Sonnen gemeinsam mit dem Stromhändler Esforin an, private Batteriespeicher über ein virtuelles Kraftwerk am Intraday-Markt zu vermarkten.
Auch andere Unternehmen bauen ihre Aktivitäten rund um intelligente Energiemanagementsysteme aus. Der Hamburger Energieanbieter 1Komma5Grad vernetzt bereits zehntausende Photovoltaikanlagen, Speicher, Wärmepumpen und Wallboxen über seine Plattform "Heartbeat". Die Anbieter Tibber und Octopus Energy setzen derzeit vor allem auf die Optimierung dynamischer Stromtarife. Die Vermarktung gebündelter Flexibilität über virtuelle Kraftwerke spielt dagegen bei Ostrom und Sonnen eine deutlich größere Rolle.
Warum sich das Geschäft für beide Seiten lohnt
Für Haushalte ergeben sich zusätzliche Einnahmemöglichkeiten, ohne dass sie selbst Börsenpreise beobachten oder ihre Anlagen manuell steuern müssen. Gleichzeitig lässt sich die vorhandene Speicherkapazität besser ausnutzen. Die tatsächlichen Erlöse hängen allerdings von der Marktvolatilität und dem individuellen Verbrauchsprofil ab.
Für Energieversorger eröffnet sich ein neues Geschäftsfeld. Virtuelle Kraftwerke bündeln tausende kleine Flexibilitäten und vermarkten sie gemeinsam am Strommarkt. Mit jeder zusätzlich angeschlossenen Batterie wächst die verfügbare Flexibilität – und damit auch das wirtschaftliche Potenzial für den Betreiber. Je stärker die Zahl der Heimspeicher in Deutschland wächst, desto attraktiver dürfte dieser Markt werden.
Auch für Stadtwerke wird das Thema wichtiger
Für kommunale Energieversorger reicht die Entwicklung über zusätzliche Handelserlöse hinaus. Wer künftig das Home Energy Management System eines Haushalts betreibt, kann perspektivisch nicht nur Erzeugung und Verbrauch steuern, sondern auch die Flexibilität der angeschlossenen Anlagen vermarkten. Damit wird der Heimspeicher zunehmend zu einem Baustein neuer Energiedienstleistungen.
Welche strategische Bedeutung Home Energy Management Systeme und die Kundenschnittstelle im Prosumer-Markt für Stadtwerke haben, hat die ZFK bereits in einem früheren Beitrag ausführlich beleuchtet.


