Auf eine Technologie ist 1Komma5Grad besonders stolz: seine Heartbeat AI. Diese bietet das CleanTech-Unternehmen ab sofort auch Stadtwerken und anderen Dritten an. Warum dieses "Herzstück" jetzt nach außen getragen wird und was Heartbeat mittlerweile kann, erklärt Barbara Wittenberg, die CTO von 1Komma5Grad und Managing Director der Heartbeat AI GmbH, im exklusiven Interview mit der ZFK.
Frau Wittenberg, 1Komma5Grad ist bisher vor allem als Anbieter für Endkundenlösungen bekannt. Heute verkünden Sie einen Paradigmenwechsel und öffnen ihre Plattform Heartbeat AI für den gesamten Markt, also auch für Wettbewerber wie andere Energieversorger und Hersteller. Warum gehen Sie diesen Schritt in das B2B-Drittgeschäft?
Wir sehen gerade einen fundamentalen Umbruch im Markt. Viele Hersteller, Energieversorger und Installateure stehen unter massivem Umsetzungsdruck – egal ob es um §14a-Steuerung, dynamische Tarife oder die Direktvermarktung geht. Die wenigsten können die dafür nötige komplexe Software-Infrastruktur in der erforderlichen Geschwindigkeit selbst bauen. Deshalb öffnen wir Heartbeat AI jetzt konsequent als Operating System für die dezentrale Energiewelt. Wir bieten unseren Partnern, ob Hersteller, Energieversorger oder Installateur, eine schlüsselfertige Plattform: Von der intelligenten Steuerung über Smart Meter bis hin zum direkten Marktzugang. Unser Ziel ist nicht, die Technologie für uns zu behalten, sondern Heartbeat AI zum Standard-Betriebssystem für jeden Haushalt zu machen. Um Millionen von Menschen in die neue Energiewelt zu bringen, müssen wir die Skalierung über das eigene Ökosystem hinaus vorantreiben.
Sie haben Heartbeat AI schon Ende 2024 als eigene GmbH ausgegliedert. Sie sind als Managing Director für dieses Business verantwortlich. Wie kam es zu diesem Schritt und was ist seitdem passiert?
In der Heartbeat AI GmbH stellen wir zentralisierte Softwarelösungen zur Verfügung – sowohl für unsere eigenen Handwerksbetriebe als auch für die Hardwarelösungen unserer Endkunden. Mit der Ausgründung unserer Technologie haben wir unser Software- vom Hardwaregeschäft getrennt. Das war ein klarer strategischer Schritt, um Heartbeat AI schneller skalieren zu können. Was wir jetzt auch tun. 2025 war dabei für uns ein Schlüsseljahr. Neben starkem organischen Wachstum im Hardwarebereich konnten wir den Softwareumsatz mit Heartbeat AI knapp verdoppeln. Wir haben 30 Millionen Euro von den geplanten 100 Millionen Euro bis 2027 in Heartbeat AI investiert – und wir investieren weiter.
Bei Octopus hat man das auch gesehen, sie haben Kraken ausgegliedert mit dem Ziel, verstärkt Kunden außerhalb von Octopus mit der Technologie beliefern zu können.
Die Ausgründung war ein wichtiger Schritt auf dem Weg dahin, unsere Softwarelösungen für alle anzubieten. Für Endkunden mit Bestandsanlagen haben wir die Bereitstellung der Software bereits von der Installation zusätzlicher Hardwarekomponenten entkoppelt, sodass sie unsere Software auch ohne neue Hardware nutzen können. Bei der Digitalisierung des Handwerks sind unsere Kunden aktuell noch unsere eigenen Betriebe, auch das wird sich in Zukunft ändern.
Welche Rolle spielen bei der weiteren Öffnung von Heartbeat AI die Kosten für die Hersteller? Viele befürchten ja, dass die Integration in solche Plattformen teure Abhängigkeiten schafft.
Genau an diesem Punkt setzen wir einen klaren Kontrapunkt. Wir haben uns bewusst dazu entschieden, Herstellern die Schnittstellen-Kompatibilität zu Heartbeat AI ohne Lizenzkosten anzubieten. Wir wollen keine künstlichen Eintrittsbarrieren oder "Mautstationen" aufbauen. Unser Ziel ist maximale Geschwindigkeit bei der Vernetzung. Wer als Hersteller Teil des führenden Betriebssystems sein will, bekommt von uns die Tür geöffnet. Damit nehmen wir die Komplexität und das finanzielle Risiko aus der Integration heraus, damit wir uns gemeinsam auf das konzentrieren können, was zählt: den optimalen Kundennutzen.
Was ist denn die weitere Agenda für Heartbeat AI?
Wir wollen Millionen Haushalte auf erneuerbare Energien umstellen. Heartbeat AI geht als Energy-Automation-Plattform schon heute weit über das reine Energiemanagement hinaus und wird von uns Schritt für Schritt zum führenden Betriebssystem für jeden Haushalt in der neuen Energiewelt entwickelt, das Kunden direkt an den Strommarkt anbindet. Der dynamische Tarif ist Teil von Heartbeat AI und kostenlos; Kunden zahlen stattdessen eine monatliche Softwaregebühr von rund 15 Euro – und können damit ihre Energiekosten stark senken.
Wir dürfen nicht vergessen: Der Energiemarkt war lange – und ist es für viele noch immer – eine Blackbox. Kundinnen und Kunden zahlen 30 bis 40 Cent pro Kilowattstunde, ohne Einblick zu haben, was dahinter passiert oder welche Margen Energieversorger nehmen. Das ändern wir.
Früher war die Optimierung von Energieerzeugung und -verbrauch etwas für Tüftler, die den Stromverbrauch ihrer Waschmaschine kennen. Wie weit sind wir davon schon weg?
Da sind wir auf jeden Fall weitergekommen; bei unseren Systemen müssen Kundinnen und Kunden nicht tüfteln. Das liegt an unserem hohen Automatisierungsgrad. Die großen Verbraucher und Erzeuger im Haus sind integriert und werden automatisch optimiert und gesteuert. Da ist zum Beispiel auch der Verbrauch der Waschmaschine im Prognosemodell erfasst. Auch die Installation von Heartbeat AI ist einfach und kann, ähnlich wie bei einem Internet-Router, selbst erfolgen: Heartbeat AI findet alle Systeme im Haus, die kompatibel sind, und kann sie auf Knopfdruck verbinden.
Sie haben die verschiedenen Technologien angesprochen, die angeschlossen werden müssen: Wärmepumpe, Solaranlage und Batteriespeicher, auch Klimaanlagen. Ihr System ist mittlerweile für sehr viele verschiedene Anbieter offen. Was ist der größte Aufwand, den Sie damit haben, so viele verschiedene Geräte zu integrieren?
Herausfordernd aus technologischer Perspektive ist dabei vor allem der dauerhaft verlässliche Betrieb im Feld. Die bereits installierten Anlagen bilden eine sehr heterogene Basis mit oft unterschiedlicher Qualität bei den Hardwarekomponenten und den Gegebenheiten vor Ort. Wir geben unseren Kunden eine Kompatibilitätsgarantie, das heißt, dass wir im Zweifel auch einen Handwerker zum Kunden nach Hause schicken. Was zählt: Wir finden für jeden einen Weg in die neue Energiewelt. Unser Standard ist allerdings, möglichst viel direkt virtuell zu lösen – und darauf arbeiten wir immer weiter hin.
Was ist denn so die Abdeckungsrate bei den kompatiblen Anlagen?
Wir decken schon heute eine große Breite an Hardware ab: Heartbeat AI ist kompatibel mit rund 60 Prozent der verschiedenen Solaranlagenhersteller, 50 Prozent der privaten Batteriespeicher und fast allen Wärmepumpen, die es im Markt gibt. Zudem sind 70 Prozent der Elektrofahrzeuge kompatibel. Wir erweitern unser Portfolio stetig.
Wie sehen Sie das Bestreben, hier einheitliche Standards für Schnittstellen zu schaffen?
Wir sind technologieoffen: Wenn es Standards gibt, die tatsächlich funktionieren und genügend Funktionalität bieten, dann nutzen wir sie gerne. Meine Erfahrung ist allerdings häufig, dass viele Standards nur die Minimalanforderungen regeln, auf die sich alle einigen können. Das reicht meistens nicht für die wirklich guten Use Cases aus. Das heißt, wir arbeiten tatsächlich sehr viel mit herstellerspezifischen Integrationen. Das ist nicht nur im Anlagenbereich so, sondern auch im Flexibilitätsbereich. Wenn ein Label darauf steht, heißt es noch lange nicht, dass man die Anlagen tatsächlich darüber so steuern kann, wie es unser Qualitätsanspruch erfordert.
Welche technischen Funktionen wollen Sie bei Heartbeat AI weiterentwickeln, um sich von anderen Anbietern abzuheben?
Heartbeat AI trifft schon jetzt täglich mehr als 4,8 Millionen Optimierungsentscheidungen. Dahinter stecken mehr als 60.000 gesteuerte Systeme in fünf Märkten, wahnsinnig viele Machine-Learning-Modelle und das Forecasting von Datenreihen. Mehr als 600 Megawatt steuern wir mit Heartbeat AI in unserem virtuellen Kraftwerk.
Das gelingt, indem die Plattform drei große Bereiche, die bisher branchenweit nicht in einer Lösung kombiniert sind, vereint: Heartbeat AI steuert die verbundenen Geräte, ermöglicht die Optimierung mit einem dynamischen Stromtarif über alle Geräte hinweg und den direkten Zugang zum Energiemarkt, um von deren Volatilität zu profitieren, und ist tief in die Hardware integriert.
Wir sind eben nicht wie ein Energieversorger, der einfach nur einen dynamischen Tarif anbietet. Das Zusammenführen der verschiedenen Komponenten, die in der Energiewirtschaft oft in Einzelteilen existieren, und das technologische Verbinden zu einem Gesamtsystem – das ist es, womit wir uns stark von dem abheben, was andere in Teilbereichen versuchen. Aber: Wir sind natürlich noch nicht am Ende dessen, was technologisch möglich ist.



