Deutschland will bis 2045 klimaneutral werden und damit in weniger als 20 Jahren aus der Nutzung von Erdgas aussteigen. Für die Betreiber der Gasverteilnetze bedeutet das, ihre Infrastruktur umzurüsten oder stillzulegen – und zwar möglichst frühzeitig. Wichtig sei eine integrierte Planung, lautete der Tenor einer Diskussionsrunde des Umweltinstituts München.
Denn die verbleibenden Netzkosten werden sich auf immer weniger Kundinnen und Kunden verteilen. Für die letzten von ihnen könnten dadurch Mehrkosten von bis zu 4000 Euro pro Haushalt und Jahr entstehen, errechnete das Fraunhofer-Institut für Fertigungstechnik und Angewandte Materialforschung im Dezember.
Unter dem Titel "Explodierende Gasnetz-Kosten" diskutierten Expertinnen und Experten aus Wissenschaft, Verbraucherschutz und am 22. Januar online über die Zukunft der Gasverteilnetze.
Konzessionen als Knackpunkt
Christine Wilcken, Beigeordnete des Deutschen Städtetags, machte deutlich, dass die grundsätzliche Richtung seit Langem bekannt sei. "Wir haben sehr früh gesagt: Ein großer Teil der Gasnetze wird perspektivisch stillgelegt."
Städte und Gemeinden wollten gestalten und planen, bräuchten dafür aber Planungssicherheit. "Zehn Jahre Verzögerung sind aus unserer Sicht einfach zu lang“, sagte sie in Hinblick auf die von der Bundesregierung geplante Ankündigungsfrist für Betreiber, wenn sie ein Netz stilllegen möchten.
Offen sei zudem, wie in Zukunft Konzessionsverträge vergeben werden, wenn sich das Geschäft weniger rechnet. "Wer ist denn da in der Pflicht? Wir sagen: nicht die Kommunen", so Wilcken.
Wärmeplanung ohne Verbindlichkeit
Aus Sicht des Verbraucherzentrale Bundesverbands sind die Risiken eines ungeordneten Gasausstiegs erheblich. Florian Munder, Leiter Team Energie und Bauen, verwies darauf, dass gerade im Gebäudebestand weiterhin neue Gasheizungen installiert würden – obwohl klar sei, dass Gas perspektivisch keine Zukunft habe.
"Für die letzten paar Prozent Gasnutzung wird es extrem teuer – und genau hier müssen wir die Verbraucherinnen und Verbraucher schützen."
Ein zentrales Problem sei die fehlende Verbindlichkeit der kommunalen Wärmeplanung. "Mir wird eben nicht gesagt: Bis zu einem bestimmten Datum bekomme ich Fernwärme oder eine Alternative", konstatierte Munder.
Besonders prekär sei die Situation für Mieterinnen und Mieter: "Sie können selbst gar nicht über das Heizsystem entscheiden." Auf der Vermieterseite fehlten oft ausreichende Anreize, in zukunftsfähige Technik zu investieren.
Integrierte Planung statt Abschaltlogik
Kerstin Andreae, Vorsitzende der Hauptgeschäftsführung des BDEW, betonte, dass es über die grundsätzlichen Ziele kaum Dissens gebe. "Frühe Planung hilft und senkt Kosten – da sind wir ausdrücklich dabei."
Sie stellte jedoch infrage, dass es zwangsläufig zu einer "Kostenexplosion" kommen müsse, wie es die Fraunhofer-Studie nahelegt. Und warb diesbezüglich für Besonnenheit einer durch das sogenannte Heizungsgesetz ohnehin aufgeladenen Debatte. "Der Transformationspfad kann noch gestaltet werden", betonte Andreae.
Angesichts der Tatsache, dass rund die Hälfte aller Gebäude heute an das Gasnetz angeschlossen ist, sei darüber hinaus ein einfaches Abschalten illusorisch. Es brauche daher eine integrierte Planung.
Es gibt kein Geschäftsmodell für Gasnetze in Gebieten, in denen kaum noch jemand angeschlossen ist.
Auch für die Schlussphase, denn: "Es gibt kein Geschäftsmodell für Gasnetze in Gebieten, in denen kaum noch jemand angeschlossen ist", sagte Andreae. Gleichzeitig würden Moleküle – etwa Wasserstoff – weiter eine Rolle spielen, insbesondere in Gewerbe- und Mischgebieten.
Mareike Herrndorff, Projektmanagerin Strom bei Agora Energiewende, hält eine integrierte Planung ebenfalls für "entscheidend". Gleichzeitig warnte sie vor sozialen Verwerfungen. Notwendig seien einkommensabhängige Förderungen, gezielte Umstiegshilfen und eine offene Debatte über Netzentgelte. "Der Ausstieg aus dem Gas ist eine unangenehme Diskussion, aber sie ist notwendig – für Klimaneutralität und für unsere energiepolitische Unabhängigkeit", so Herrndorff.



