Joachim Endress ist Geschäftsführer des Beratungsunternehmens Ganexo, das sich auf Fragen des Gasmarkts spezialisiert hat.

Joachim Endress ist Geschäftsführer des Beratungsunternehmens Ganexo, das sich auf Fragen des Gasmarkts spezialisiert hat.

Grafik/Bild: © ZfK/Ganexo

Wer nach Alternativen für russisches Gas sucht, stößt ziemlich bald auf ein Land, das selbst einmal Teil der russisch dominierten Sowjetunion war: Aserbaidschan.

Das am Kaspischen Meer gelegene Land verfügt über nachgewiesene Gasreserven von 1,7 Billionen Kubikmeter. Seine Gasproduktion ging von 2017 bis 2021 um rund 55 Prozent nach oben – auf insgesamt 43,9 Mrd. Kubikmeter. Die Exporte verdoppelten sich seit 2018 auf zuletzt 19 Mrd. Kubikmeter in 2021.

Allzeithoch nach Ukraine-Invasion

Seit 2020 fließt Erdgas auf der TAP-Pipeline in das italienische Melendugno und damit in das europäische Gasnetz, Die Gesamtkapazität der Pipeline liegt bei zehn bis 20 Mrd. Kubikmeter pro Jahr. Sitz der TAP AG ist das schweizerische Steuerparadies Baar.

Die Lieferungen stiegen in den vergangenen Wochen auf ein neues Allzeithoch von 325 GWh pro Tag. Die technische Kapazität liegt bei knapp 490 GWh pro Tag.

Oettinger wirbt für TAP-Pipeline

Der sogenannte Südliche-Gas-Korridor, über den Aserbaidschan Erdgas nach Europa liefert, ist eine Initiative der Europäischen Kommission. Der Korridor setzt sich aus der Südlichen-Kaukasus-Pipeline, der Trans-Anatolischen-Pipeline (TANAP) und der Trans-Adriatischen-Pipeline (TAP) zusammen.

Der damalige EU-Energiekommissar Günter Oettinger setzte sich seit 2012 massiv für den Bau der TAP-Pipeline ein. Der Erschließung der Gasfelder im Kaspischen Meerfolgte eine breite Lobbykampagne auf Politik- und Verbandsebene. So warb der CDU-Politiker unter anderem 2013 auf dem BDEW-Kongress für das Projekt. Seit vergangenem Jahr ist Oettinger übrigens Aufsichtsrat beim Hersteller Herrenknecht, der Tunnel für die TAP-Pipeline baute.

Belastete Beziehungen

In den vergangenen Wochen wurde viel und leider viel zu spät über die Fehler der Politik und Industrie im Hinblick auf die hohe Abhängigkeit von russischem Gas diskutiert. Ob Aserbaidschan ein verlässlicher Partner sein kann, ist fraglich. Die Beziehung zur EU ist durch viele Korruptionsvorwürfe belastet.

2012 wurde bekannt, dass seit dem Eintritt Aserbaidschans in den Europarat in 2001 jährlich 30 bis 40 EU-Abgeordnete in das Land eingeladen wurden und teure Gastgeschenke und auch finanzielle Zuwendungen erhielten. Der als "Kaviar-Diplomatie" bezeichnete Lobbyismus zielt darauf ab, Aserbaidschan in der EU ein positives Image zu verleihen.

Krieg um Bergkarabach

Amnesty International und andere NGOs kritisieren zum Teil gravierende Menschenrechtsverletzungen, wahllose Verhaftungen und Folter sowie Wahlbetrug. 2013 wurde im Europarat eine Resolution zu politischen Gefangenen in Aserbaidschan abgewiesen – ein Erfolg der Kaviar-Diplomatie.

Im Krieg um die Region Bergkarabach im Jahr 2020 konnte das durch Öl- und Gaseinnahmen hochgerüstete aserbaidschanische Militär Armenien besiegen. Bereits 2019 hatten sich einige Bundestagsabgeordnete in einem fragwürdigen Protestschreiben an das Außenministerium dafür eingesetzt, dass Bergkarabach aserbaidschanisch sei.

"Park der Trophäen"

Die Regierung Aserbaidschans hat nach dem Krieg in der Hauptstadt Baku einen "Park der Trophäen" errichtet. Dort werden die Helme toter armenischer Soldaten ausgestellt.

Gasmarktexperte Joachim Endress schreibt für die ZfK eine wöchentliche Kolumne. Thema des vorangegangenen Artikels: "Gazprom dreht am Gashahn: Welche Alternativen Europa jetzt hat" (aba)

Info: Täglich aktualisierte Energiemarktdaten und -grafiken finden Sie hier im ZfK-Datenraum, der in Kooperation mit dem Berliner Datenspezialisten Energy Brainpool befüllt wird.

Lesen Sie weiter mit Ihrem ZFK-Abonnement

Erhalten Sie uneingeschränkten Zugang zu allen Inhalten der ZFK!

✓ Vollzugriff auf alle ZFK-Artikel und das digitale ePaper
✓ Exklusive Analysen, Hintergründe und Interviews aus der Branche
✓ Tägliche Branchen-Briefings mit den wichtigsten Entwicklungen

Ihr Abonnement auswählen

Haben Sie Fehler entdeckt? Wollen Sie uns Ihre Meinung mitteilen? Dann kontaktieren Sie unsere Redaktion gerne unter redaktion@zfk.de.

Home
E-Paper