Joachim Endress ist Geschäftsführer des Beratungsunternehmens Ganexo, das sich auf Fragen des Gasmarkts spezialisiert hat.

Joachim Endress ist Geschäftsführer des Beratungsunternehmens Ganexo, das sich auf Fragen des Gasmarkts spezialisiert hat.

Grafik/Bild: © ZfK/Ganexo

Nach den jüngsten Ankündigungen Gazproms könnten die Gasflüsse auf Nord Stream 1 auf 40 Prozent der Maximalkapazität fallen. Derzeit ist ungewiss, ob und wann die Mengen auf der Pipeline zurückkehren.

Die Gaspreise stiegen am Donnerstag am niederländischen Handelspunkt TTF auf mehr als 130 Euro pro MWh. Damit haben sich die Preise in den vergangenen beiden Wochen um 60 Prozent verteuert. Das könnte leider erst der Anfang sein.

Europa brechen 1000 GWh pro Tag weg

Ganz diplomatisch ausgedrückt: Die Nichtbefüllung der Gasspeicher, kein Gas auf der Jamal-Pipeline, die Forderung nach Rubelzahlungen, Lieferstopps in einige osteuropäische Länder, die Reduktion der Lieferungen nach Italien und zuletzt die schrittweise, dramatische Reduktion auf Nord Stream 1 innerhalb von zwei Tagen: Hinter all dem scheint eine gezielte Strategie Russlands zu stecken.

Mit der Kürzung Gazproms brechen Europa rund 1000 GWh pro Tag gegenüber dem Angebot der Vorwoche weg. Dazu fehlen dem europäischen Markt rund 300 bis 500 GWh pro Tag. Grund ist die mindestens drei Monate dauernde Reparatur des texanischen LNG-Terminals Freeport.

Alternativen auf dem LNG-Markt

1500 GWh pro Tag entsprechen rund 15 Prozent des europäischen Gesamtangebots der letzten Wochen. Diese Mengen müssen anderweitig beschafft werden. Sonst können die Gasspeicherziele bis zum Winter nicht erfüllt werden – oder es drohen Engpässe im Winter.

Alternativen ergeben sich praktisch nur auf dem LNG-Markt. Allerdings fehlen für einen vollständigen Ersatz die Kapazitäten. Die Pipeline-Lieferungen aus Norwegen und Algerien bieten nur wenig Spielraum nach oben. Aserbaidschan kündigte zwar zuletzt eine Erhöhung der Lieferungen an. Kompensieren kann das Land die Lücke damit aber nicht.

Preiskampf mit Asien

Zumindest wird Gas in Asien derzeit vergleichsweise wenig nachgefragt, weshalb viel LNG in Europa ankommt. Ändert sich dies in den nächsten Monaten oder spätestens im Winter, könnten die Preise deutlich nach oben klettern.

Der Preiskampf um LNG zwischen Europa und Asien führte bereits im März dieses Jahres zu einer bemerkenswerten Rallye, als die Gaspreise in Europa auf mehr als 250 Euro pro MWh stiegen. Ähnliche Szenarien sind erneut denkbar. Die Bereitschaft in Europa, zu hohen Preisen Gas einzukaufen, ist zwangsläufig gestiegen – insbesondere mit Blick auf die Speicherziele.

Fokus aufs Energiesparen

Umso wichtiger ist es daher, Energie einzusparen. Eine flexiblere Nachfrage bedeutet dann eben auch niedrigere Gaspreise.

Gasmarktexperte Joachim Endress schreibt für die ZfK eine wöchentliche Kolumne. Thema des vorangegangenen Artikels: "Brand in einem LNG-Terminal – und schon klettern die Gaspreise wieder" (aba)

Info: Täglich aktualisierte Energiemarktdaten und -grafiken finden Sie hier im ZfK-Datenraum, der in Kooperation mit dem Berliner Datenspezialisten Energy Brainpool befüllt wird.

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