Aktuell deckt Biomethan nur ein Prozent des Gasverbrauchs.

Aktuell deckt Biomethan nur ein Prozent des Gasverbrauchs.

Bild: © AdobeStock/AdobeFlyer

Biomethan könnte die Wärmewende beschleunigen: Das erneuerbare Gas lässt sich direkt in bestehende Netze einspeisen und senkt kurzfristig den CO₂-Ausstoß. "Bei der Dekarbonisierung von Wärmenetzen kann Biomethan eine enorme Hebelwirkung entfalten", sagte Timm Kehler, Vorstand des Branchenverbandes "Die Gas- und Wasserstoffwirtschaft", auf Anfrage.

Wie der Verband gegenüber der ZfK betont, stelle der Energieträger eine regelbare Ergänzung zu fluktuierenden erneuerbaren Energien dar. Allerdings wird das Potenzial bislang kaum genutzt. Weniger als ein Prozent des gesamten Gasverbrauches wird demnach heute durch Biomethan gedeckt. Grund dafür sind eine Reihe offener Fragen, etwa zum regulatorischen Rahmen.

Ausschreibung überzeichnet

Pikant in dem Zusammenhang ist, dass die jüngste Biomasseausschreibung der Bundesnetzagentur erneut überzeichnet war. Der Behörde zufolge wurden für das ausgeschriebene Volumen von 813 Megawatt (MW) Gebote über insgesamt 940 MW eingereicht. Am Ende erhielten 692 Gebote einen Zuschlag, davon 752 MW für Bestands- und 63 MW für Neuanlagen.

Der mengengewichtete Zuschlagswert lag mit 18,11 Cent/kWh deutlich unter dem Höchstwert für Bestandsanlagen von 19,43 Cent/kWh. Besonders stark vertreten waren Zuschläge in Bayern (276 MW), gefolgt von Niedersachsen (143 MW) und Nordrhein-Westfalen (94 MW). Die vier im Hauptstadtbüro Bioenergie zusammengeschlossenen Verbände warnen vor wirtschaftlichem Druck und fehlenden Perspektiven für kleine und auslaufende Anlagen.

Kleiner Markt, großer Wachstumspfad

Von den, laut Verband, rund 835 Terawattstunden (TWh) Erdgas, die Deutschland im Jahr 2024 verbrauchte, entfielen lediglich etwa 10 TWh auf Biomethan. Damit liegt der Anteil bei unter einem Prozent. Dennoch erwarten Experten und Verbände ein deutliches Wachstum. Prognosen zufolge könnte die heimische Produktion bis 2030 auf bis zu 102 TWh steigen. Bis 2045 sind je nach Szenario sogar 154 bis 331 TWh erreichbar.

Neben der inländischen Erzeugung werden zunehmend Importmöglichkeiten diskutiert. Eine Studie des Verbands zusammen mit dem "Zentrum Liberale Moderne" sieht bis 2030 zusätzlich bis zu 102 TWh Biomethan aus der Ukraine als realistisch an. Damit könnte Biomethan perspektivisch einen deutlich größeren Anteil am Gasmarkt übernehmen, sofern entsprechende Investitionen und Rahmenbedingungen gesetzt werden.

Zwischen Pflicht und Planungssicherheit

Für kommunale Versorger stellt Biomethan eine Option dar, um die gesetzlich vorgegebenen Transformationsziele umzusetzen. Mit dem Wärmeplanungsgesetz und der kommunalen Wärmeplanung steigen die Anforderungen an nachhaltige Wärmenetze deutlich. Schon 2030 müssen Fernwärmesysteme einen erneuerbaren Anteil von mindestens 30 Prozent erreichen, ab 2040 sollen es 80 Prozent sein, bevor 2045 die Klimaneutralität verpflichtend wird.

Da Biomethan ohne Umrüstung nutzbar ist und gleichzeitig lagerfähig sowie regelbar bleibt, kann es helfen, bestehende KWK-Anlagen oder Heizwerke kurzfristig zu dekarbonisieren. Für Stadtwerke entsteht dadurch ein Transformationspfad, der sofort Wirkung zeigt und nicht mit den Unsicherheiten neuer Infrastrukturprojekte verbunden ist. Viele Kommunen prüfen daher, wie groß der Beitrag von Biomethan in den kommenden Jahren sein kann – insbesondere in Kombination mit der gesetzlichen "Erfüllungsfiktion" für Fernwärme, die eine schnelle Zielerreichung erleichtert.

Politische Unsicherheiten bremsen

Trotz der technischen Vorteile bleibt der regulatorische Rahmen eines der größten Hindernisse für ein stärkeres Marktwachstum. Der Wegfall der EEG-Förderung erschwert den wirtschaftlichen Weiterbetrieb zahlreicher Bestandsanlagen. Gleichzeitig wirken bestimmte Vorgaben aus dem Gebäudeenergiegesetz als Mengenbegrenzung, weil sie den Einsatz knapper Biomethan-Mengen nur eingeschränkt berücksichtigen.

Auch Detailregelungen wie die "FAUNA"-Anforderungen zur Ausweisung grüner Teilnetze oder die Umsetzung des EU-Gasbinnenmarktpakets in deutsches Recht sorgen in der Branche für erhebliche Unsicherheiten. Kritisiert wird unter anderem, dass im aktuellen Entwurf des Energiewirtschaftsgesetzes wesentliche Elemente für ein funktionierendes Zertifizierungs- und Massenbilanzsystem fehlen. Ohne diese Strukturen sei Biomethan im europäischen Energiemarkt nur eingeschränkt handelbar.

"Hier muss regulatorisch deutlich nachgeschärft werden", fordert Verbandschef Kehler.

Während Wasserstoff langfristig als zentraler Energieträger eines klimaneutralen Systems gilt, wird Biomethan in der aktuellen Debatte vor allem als Brücke betrachtet. Der Verband betont, dass Biomethan und Wasserstoff keine Konkurrenz darstellen, sondern unterschiedliche Funktionen übernehmen. Zudem weist er darauf hin, dass bei der Wasserstofferzeugung aus Biomethan sogar negative Emissionen entstehen können – ein Aspekt, der in der Klimapolitik zunehmend Aufmerksamkeit erhält.

Zukunft ungewiss

Dass das Potenzial von Biogas und aufbereitetem Biomethan außerdem bislang deutlich unterschätzt wurde, zeigte kürzlich eine Studie des Instituts für Zukunftsenergie- und Stoffstromsysteme (IZES) gemeinsam mit dem Fachverband Biogas. Demnach könnten bestehende Anlagen im Strom‑ und Wärmesektor – bereits Mitte der 2030er-Jahre – einen erheblichen Teil der heutigen Erdgasnutzung ersetzen.

Ob Biomethan bis 2030 tatsächlich in dem Umfang verfügbar sein wird, den Studien und Branchenvertreter prognostizieren, bleibt offen. Das technische Potenzial ist vorhanden, die Investitionsbereitschaft steigt – doch ohne klare und konsistente politische Leitplanken wird der Ausbau kaum die Größenordnung erreichen, die für die Wärmewende notwendig wäre. Für die Energiewirtschaft bleibt Biomethan damit ein relevanter, aber regulierungsabhängiger Baustein, dessen Entwicklung in den kommenden Jahren genauer zu beobachten sein wird.

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