Die Gasbranche warnt angesichts der anstehenden Dekarbonisierung vor einer "fossilen Lücke" von 1000 Terawattstunden (TWh) im Jahr 2045. Weder der absehbare Zubau an erneuerbaren Energien noch der erhoffte Wasserstoff-Hochlauf könnten diese fossile Lücke aktuell schließen, sagte Florian Feller, Vorsitzender von "H2vorOrt".
Ein "Weiter so" reiche daher nicht aus, um die Klimaziele zu erfüllen, betonte Feller bei einem digitalen Pressetermin. Damit die Transformation gelingt, brauche es unter anderem eine gesicherte Finanzierung. "Sonst werden wir eine fossile Lücke haben, davon bin ich fest überzeugt", so der Vorsitzende der Initiative.
Zu "H2vorOrt" haben sich 48 Unternehmen im DVGW zusammengeschlossen, die nach eigenen Angaben mehr als die Hälfte des deutschen Gasverteilnetzes betreiben. Gemeinsam mit dem VKU arbeite die Initiative seit 2020 an einer "strategischen Dekarbonisierung".
Erneuerbare ohne Schwung
Dass 2045 rund 1000 TWh Endenergie in Deutschland fehlen könnten, ist ein zentrales Ergebnis des von ihr jährlich erhobenen neuen "Gasnetzgebiets-Transformationsplans" (GTP). Diese Lücke bliebe "auf Basis der bisherigen Entwicklungen", schreiben die Autorinnen und Autoren.
Beim Ausbau erneuerbarer Energien sei "keine Beschleunigung" zu erkennen, führen sie als einen Grund an. Es wird also nicht genug zugebaut. Außerdem könnte der Energieverbrauch durch energieintensive Verbraucher wie Rechenzentren nicht wie erhofft sinken, sondern "eher stagnieren".
Wasserstoff biete zwar "großes Potenzial" und könne langfristig den Erdgasanteil ersetzen. Doch lasse sich die Lücke dadurch nur teilweise schließen, heißt es im GTP. Bliebe es bei den aktuellen Rahmenbedingungen, würde 2045 der fossile Anteil am Energieverbrauch – ohne Gase – noch mehr als 500 TWh ausmachen.
Immerhin sieht "H2vorOrt" weiteres Dekarbonisierungspotenzial im mittelbaren Einsatz von Wasserstoff, etwa um Strom oder Fernwärme zu erzeugen. Eine Grüngasquote wäre ebenfalls eine Option. "Dann würde auch investiert werden", zeigt sich der Vorsitzende Feller überzeugt.
Branche verunsichert
Rechtliche Unsicherheiten kritisieren entsprechend nahezu alle Netzbetreiber (240 von 248), die im Rahmen des GTP befragt wurden. Dahinter landeten solche in Bezug auf den Wasserstoff-Markthochlauf (236) und beim Erstellen von Wasserstoff-Fahrplänen gemäß "FAUNA" (233).
Gefragt nach den Plänen für ihr Gasnetz antwortete die Mehrheit (141), es bis 2045 teilweise stillzulegen. Vollständig stilllegen wollen 22 Netzbetreiber, 78 beabsichtigen keinerlei Stilllegung. Auf die Frage, welches Medium dann durch die Leitungen strömen soll, gaben von denen, die ihr Netz nicht stilllegen, 113 "Wasserstoff und klimaneutrales Methan" an. Dagegen 96 "nur Wasserstoff" und zehn "nur klimaneutrales Methan".
Die meisten der befragten und mit Wasserstoff planenden Unternehmen (131) kündigten an, erste Netzabschnitte bis 2035 auf Wasserstoff umzustellen. Weitere 56 wollen dies bis 2040 tun, 22 bis 2045. "H2vorOrt" schätzt, dass die in Zukunft aktiven Gasverteilnetze nur noch die Hälfte ihrer heutigen Energie transportieren werden. 2045 könnte der Gasbedarf sogar auf 40 Prozent sinken.
Regional statt einzeln
Die Initiative fordert für ihre Mitgliedsunternehmen insbesondere drei Dinge: kürzere Ankündigungsfristen von fünf Jahren. Die Bundesregierung plant, Netzbetreiber zu verpflichten, zehn Jahre im Voraus anzukündigen, wenn diese ihr Gasnetz stillegen oder umstellen möchten. Zweitens sollte die Finanzierung "zeitnah und praxisorientiert" per Gesetz geregelt werden und drittens sollte es keine "kaum erfüllbaren Forderungen analog zu FAUNA" geben.
Wichtig sei, so Feller weiter, dass 2026 erste Verteilnetzpläne genehmigt würden. Zwar wären das voraussichtlich noch keine großen Projekte. Es gehe aber darum, einen Anfang zu machen. Um den Prozess auch für den Regulierer zu beschleunigen, schlägt er vor, Netzgebiete zusammenzufassen. Statt jeden Verteilnetzbetreiber einzeln einen Plan erstellen zu lassen, soll es Planungsregionen geben. "H2vorOrt" kommt auf 40 Regionen, die jeweils einen Plan bei der Bundesnetzagentur vorlegen könnten. Der 40-seitige Gasnetzgebiets-Transformationsplan ist online als PDF verfügbar.

