Wir sind nun an einem Punkt der Eskalation angelangt, vor dem Diplomaten und Strategen seit mehreren Jahrzehnten gewarnt haben. Der ohne offensichtliche Exit-Strategie geführte Krieg der USA und Israel eskaliert zunehmend, führt die Region in ein Chaos und die Weltwirtschaft in eine echte Krise.
Der von den USA und Israel vor fast drei Wochen begonnene Krieg gegen den Iran hat sich nun auf gegenseitige Angriffe auf die Energiesektoren der Länder ausgeweitet. Jüngster Auslöser war der Angriff Israels auf das iranische Gasfeld South Pars am Mittwoch.
Das South-Pars-Gasfeld ist das weltweit größte Erdgasfeld, das sich der Iran mit Katar teilt. Es deckt circa 70 Prozent der iranischen Gasversorgung, mit einer Produktion von über 700 Millionen Kubikmetern pro Tag.
Monatelanger Ausfall der Erdgasproduktion möglich
Die nun vom Iran als Vergeltungsmaßnahme angegriffene LNG-Produktionsanlage Ras Laffan von Katar wird vom Gasfeld "North Dome" mit Erdgas beliefert. Es ist der auf katarischer Seite liegende Counterpart zum iranischen Gasfeld "South Pars".
South Pars und North Dome und damit Ras Laffan sind die größten Gasproduktionsstätten und damit die Haupteinnahmequellen der beiden Länder Iran und Katar. Die Ausweitung des Krieges auf diese Infrastrukturen bedeutet eine gefährliche Eskalation des Konflikts.
Die Wahrscheinlichkeit einer Preisspirale, wie wir sie 2022 gesehen haben, kommt näher.
Bisher war der Markt davon ausgegangen, dass die Energieflüsse und LNG-Lieferungen sich innerhalb weniger Wochen wieder auf Normalniveau stabilisieren könnten. Mit der jüngsten Eskalation könnte der Ausfall vielleicht sogar mehrere Monate oder länger dauern; die Marktsituation hat sich damit seit Donnerstag fundamental verändert.
Gaspreis steigt am Donnerstag auf über 70 Euro/MWh
Damit rückt die Wahrscheinlichkeit einer Preisspirale, wie wir sie 2022 gesehen haben, näher. Auf den Seiten der Kriegsparteien existiert derzeit kein Wille zu einer diplomatischen Lösung. Weitere Angriffe auf die Energieinfrastrukturen und eine weitere Eskalation des Konflikts sind möglich.
Die Gaspreise am niederländischen TTF lagen zum Handelsbeginn am Donnerstag bereits bei über 70 Euro je Megawattstunde (MWh). Ein weiterer Anstieg der Gaspreise in Regionen von 100 bis 150 Euro/MWh ist möglich. Die Auswirkungen auf die europäischen und asiatischen Gasmärkte (TTF und JKM) sind enorm und könnten das Preisniveau über Monate oder sogar länger auf hohem Niveau halten.
Auswirkungen auf Industrie und Politik
Eigentlich schien sich die Situation nach dem Preisschock des Jahres 2022 nun im Jahr 2026 beruhigt zu haben. Der Ausblick für die nächsten Jahre mit der Ausweitung der globalen LNG-Produktion und dem Ausbau der europäischen LNG-Importkapazitäten war gut. Die sich nun abzeichnende Gaskrise bringt die geglaubte Sicherheit ins Wanken.
Als Reaktion auf die Energiekrise 2022 hatten viele Industriebetriebe ihre Erdgas-Beschaffungsportfolien längerfristig abgesichert. Dennoch verbleibt innerhalb der Industrie und auch bei energieintensiven Betrieben ein erheblicher Teil des Bedarfs im Spotgeschäft. Die insgesamt aktuelle schwierige wirtschaftliche Situation könnte einige Industriebereiche heute empfindlicher treffen als zuvor.
Ein möglicher Kollateralschaden bezogen auf die europäische Politik, könnte die Rückkehr der Themen russisches Erdgas, Fracking in Deutschland und Atomkraft auf die politische Agenda sein. Themen, die man eigentlich geglaubt hatte, erledigt zu haben.


