Das Bundeskabinett soll am kommenden Mittwoch beschließen, neue Stromautobahnen künftig wieder als Freileitungen zu bauen. Kurz vor diesem Beschluss liefert eine neue Studie Zündstoff: Ein Wechsel von Erdkabeln zu Freileitungen beim Netzausbauprojekt "SüdWestLink" würde Jahre kosten – und Milliarden.
Das zeigt eine Analyse des Wirtschaftsforschungsinstituts Frontier Economics, erstellt im Auftrag der Kabelhersteller NKT und Prysmian. Die Studie betrachtet nicht nur die Investitionskosten, sondern den gesamten Lebenszyklus des Projekts.
Verzögerung als teuerster Faktor
Der Südwestlink ist eine 730 Kilometer lange Hochspannungs-Gleichstrom-Übertragungsleitung (HGÜ) – eine leistungsfähige Stromautobahn, die Windenergie aus dem Norden in die Verbrauchszentren im Süden transportieren soll. Geplant sind zwei Teilstrecken: DC42 von Schleswig-Holstein nach Bayern, DC42+ weiter nach Baden-Württemberg.
Wechselt die Politik zur Freileitung, gilt das faktisch als Neuplanung. Das bestätigt auch die Bundesnetzagentur: "Genehmigungsrechtlich würde das Kippen des Erdkabelvorrangs zu Verzögerungen beim SuedWestLink führen", sagt eine Sprecherin der Behörde. Der Grund: Der bereits ermittelte Trassenraum für das Erdkabel lässt sich für eine Freileitung nicht nutzen. Ein neues Infrastrukturgebiet müsste gefunden werden – dafür sieht der Gesetzgeber knapp zwei Jahre vor.
Zusätzlich könnte stärkerer Widerstand in der Bevölkerung das Genehmigungsverfahren weiter verlangsamen. "Weitere Verzögerungen von drei bis sechs Monaten sind hier möglich", so die Sprecherin. Eine konkrete Prognose zur Inbetriebnahme sei "zum jetzigen Zeitpunkt nicht möglich".
TransnetBW geht sogar noch weiter. "Nach aktuellem Stand sehen wir keine Verzögerung durch einen Technologiewechsel zur Freileitung", sagt ein Sprecher des südwestdeutschen Übertragungsnetzbetreibers. Gesetzliche Anpassungen würden zu beschleunigten Genehmigungsverfahren führen – hinzu komme die kürzere Bauzeit bei Freileitungen.
Knapp 200 Millionen Euro pro Jahr
Die Studie geht noch weiter und beziffert die Gesamtverzögerung auf vier bis sieben Jahre. Jedes dieser Jahre kostet laut Analyse rund 180 bis 190 Millionen Euro – als sogenannte Redispatch-Kosten. Redispatch bezeichnet teure Noteingriffe ins Stromnetz: Wenn der Norden zu viel Windstrom produziert, das Netz ihn aber nicht nach Süden transportieren kann, müssen dort Kraftwerke hochgefahren werden. Über den gesamten Verzögerungszeitraum summieren sich diese Kosten auf bis zu 1,3 Milliarden Euro.
"Die Studie zeigt: Ein Kurswechsel jetzt wäre ein Rückschlag – und zwar ein teurer", sagt Anders Jensen, CTO beim dänischen Kabelhersteller NKT. "Wer den Netzausbau verzögert, riskiert nicht nur höhere Kosten, sondern schwächt auch die Zukunftsfähigkeit des Standorts Deutschland."

Ein Kurswechsel jetzt wäre ein teurer Rückschlag.
Anders Jensen
Technischer Geschäftsführer beim Kabelhersteller NKT
Kostenvergleich: Mythos korrigiert
In der öffentlichen Debatte kursiert häufig ein Mehrkosten-Faktor von 3 bis 10 für Erdkabel gegenüber Freileitungen. Frontier Economics kommt für den SuedWestLink auf einen Faktor von 2,6 bis 3,4 bei den reinen Investitionskosten. Zieht man die Kosten über die gesamte Betriebsdauer heran – inklusive Netzverluste und eingesparte Redispatch-Kosten –, schrumpft der Unterschied laut den Studienautoren auf einen Faktor von rund 2.
TransnetBW will diesen Wert nicht bestätigen. "Je nach angesetzter Berechnungsgrundlage können unterschiedliche Faktoren das Ergebnis sein", sagt der Sprecher. Eines sei jedoch klar: "Erdkabel sind bei HGÜ-Vorhaben mindestens doppelt so teuer." Zudem seien Freileitungen einfacher zu warten und hätten eine höhere Verfügbarkeit. "Daher plädiert TransnetBW in Bezug auf neue HGÜ-Vorhaben für den Einsatz von Freileitungen."
Die Studie korrigiere ein zentrales Narrativ: Erdkabel seien nicht so teuer, wie oft behauptet werde, betont dagegen Jensen vom Kabelhersteller NKT. Für einen durchschnittlichen Vier-Personen-Haushalt bedeute die Entscheidung für das Erdkabel im Jahr 2045 Mehrkosten von weniger als 5 Euro pro Jahr.
Die Bundesnetzagentur schränkt jedoch ebenfalls ein: Die Kostenberechnungen der Studie seien "nicht verallgemeinerungsfähig für alle HGÜ-Leitungen" – sie beziehen sich ausschließlich auf den Südwestlink.
50Hertz widerspricht Studie
Stefan Kapferer, CEO von 50Hertz, einem der drei für den Südwestlink zuständigen Übertragungsnetzbetreiber, bleibt skeptisch: "Selbst die Studie der Kabelhersteller bestätigt, dass die Kosten für eine Erdverkabelung mindestens doppelt so hoch liegen wie für Freileitungen. Bei aktuell laufenden Projekten sehen wir uns zudem schon heute mit erheblichen Nachforderungen der Kabelhersteller konfrontiert."

Wir sehen uns schon heute mit erheblichen Nachforderungen der Kabelhersteller konfrontiert.
Stefan Kapferer
CEO von 50Hertz
Die prognostizierten Verzögerungen bewertet Kapferer anders: "Die Genehmigungsdauern haben sich durch gesetzliche Anpassungen massiv beschleunigt." Freileitungen seien zudem im Störungsfall schneller zu reparieren und leisteten so einen wichtigen Beitrag zur Systemresilienz. Auch der Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW) hat zuletzt den Kurswechsel begrüßt und verweist auf mögliche Einsparungen von mehreren Milliarden Euro.
Enger politischer Zeitplan
Die Studie weist transparent auf ihren Auftraggeber hin: NKT und Prysmian zählen zu den führenden Kabelherstellern Europas – und haben zuletzt massiv in die Produktion von Erdkabeln investiert.
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Der Zeitpunkt, zu dem die Studie veröffentlicht wurde, dürfte kein Zufall sein. Denn der politische Zeitplan ist eng. Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) will mit der Novelle des Bundesbedarfsplangesetzes den seit 2015 geltenden Erdkabelvorrang aufheben.
Jensen von NKT appelliert daher direkt an die Politik: "Der Entwurf verfehlt sein eigentliches Ziel. Statt zu beschleunigen, führt diese Kehrtwende zu neuen Verzögerungen. Das können und dürfen wir uns nicht leisten."



