Blick auf den Gasspeicher Rehden, der allein fast 20 Prozent der in Deutschland vorhandenen Speicherkapazitäten umfasst.

Blick auf den Gasspeicher Rehden, der allein fast 20 Prozent der in Deutschland vorhandenen Speicherkapazitäten umfasst.

Bild: © Astora

Von Lucas Maier

Die Entscheidung der Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU), die Alarmstufe des Notfallplans Gas zurückzunehmen, wird in Teilen der Energiebranche weiterhin kritisch gesehen. Die Herabstufung auf die sogenannte Frühwarnstufe spiegelt die Einschätzung des Wirtschaftsministeriums wider, dass auf absehbare Zeit nicht mit einer erheblichen Verschlechterung der Gasversorgungslage zu rechnen sei. Ausschlaggebend für diesen Schritt waren laut Reiche die Stabilisierung der Gaspreise, der Ausbau der Flüssiggasinfrastruktur sowie die Diversifizierung der Gasversorgung.

"Warum die Krisenstufe in einer Situation abgesenkt wird, in der die Gasspeicherbefüllung marktwirtschaftliche Akteure offensichtlich vor große Herausforderungen stellt, können wir nicht erklären", schreibt dagegen Ines-Geschäftsführer Sebastian Heinermann auf ZfK-Anfrage. Gleichwohl sieht er kein akutes Sicherheitsrisiko in der Herabstufung. Ein Manko bei der Versorgungssicherheit würden jedoch die geringen Füllstände der Gasspeicher darstellen. Doch wie steht es tatsächlich um die deutschen Gasspeicher? Ein Überblick:

Wie voll sind unsere Gasspeicher momentan?

Derzeit sind die deutschen Gasspeicher zu 55  Prozent gefüllt, wie das Monitoring von Gas Infrastructure Europe (GIE) zeigt (Stand: 13. Juli). Zum Vergleich: In den beiden Vorjahren lag der Füllstand zum selben Zeitpunkt bereits bei über 80 Prozent. Damals waren die vorangegangenen Winter aber auch milder. In den vergangenen sechs Jahren war der Stand nur im Krisenjahr 2021 niedriger. Die Speicher waren damals zu 45  Prozent gefüllt.

Wie voll sollten unsere Gasspeicher sein?

Aktuell sind rund 70 Prozent der deutschen Gasspeicherkapazitäten von Marktakteuren gebucht, wie Ines berichtet. Betrieben werden diese Speicherstätten unter anderem von Sefe, Uniper und VNG. Diese 70 Prozent, die theoretisch verfügbar sind, reichen laut Ines jedoch nicht aus, um eine sichere Versorgung in einem sehr kalten Winter zu gewährleisten. Laut einer Analyse des Instituts wären die Speicher in diesem Fall bereits Ende Januar 2026 vollständig entleert. "Eine vollständige Versorgung ist dann bei aktuellen Verbrauchsmustern nicht mehr möglich", so das Fazit.

In einem der Szenarios wurden Temperaturwerte des Extremwinters 2010 herangezogen. Im langfristigen Trend steigen die Wintertemperaturen in Deutschland allerdings, der Winter 2010 zählt zu den kältesten in Europa seit den 1970er Jahren.

Warum sind die Gasspeicher so leer?

Der Winter war kälter als in den beiden Vorjahren. Zudem brachen im Januar die russischen Gasflüsse über die ukrainische Transitroute weg. Dies wurde unter anderem durch Ausspeicherungen kompensiert, sodass die Füllstände im bundesweiten Durchschnitt auf weniger als 30 Prozent fielen.

Zugleich kostete auf den Großhandelsmärkten Gas lange Zeit für den Sommer 2025 mehr als für den Winter 2025/26. Das machte das Einlagern von Gas unwirtschaftlich. In der Folge gingen die Einspeicherungen nur langsam hoch.

Wie voll können die Gasspeicher bis zum Winter noch werden?

Rein technisch sei eine Vollbefüllung der deutschen Gasspeicher bis zum 1. November 2025 nicht mehr möglich, heißt es von Ines. Bundesweit werden die erreichbaren Füllstände kritisch gesehen. "Ob die Gasspeicher selbst die abgesenkte Füllstandsvorgabe in Höhe von 70 Prozent erreichen werden, ist fraglich", schrieb Heinermann mit Blick auf die bundesweite Speicherlage.

In den Schlagzeilen war vor allem Deutschlands größter Gasspeicher im niedersächsischen Rehden. Auf ihn entfällt knapp ein Fünftel der deutschen Gasspeicherkapazitäten.

Nach Einspeicherungen in den vergangenen Tagen lag der Füllstand am Wochenende bei rund vier Prozent. Rehden ist ein Porenspeicher. Das heißt, er lässt sich deutlich langsamer befüllen als andere Speicher.

Bei glatt null Prozent lag zuletzt der Füllstand im Gasspeicher Wolfersberg (Bayern). Auch hierbei handelt es sich um einen Porenspeicher.

Sollte es in Deutschland zu Gasversorgungsengpässen kommen, stünde Süddeutschland wegen seiner vergleichsweise geringen Speicherkapazitäten besonders im Fokus. Wie stellt sich die Lage dort dar?

Eine Beispielrechnung: Hätte man die bayerischen Gasspeicher ab dem 8. Juli mit der technisch maximal möglichen Menge befüllt, wären diese erst nach 109 Tagen, also am 25. Oktober, vollständig gefüllt. Geht man von 70 Prozent der maximalen Einspeiseleistung aus, würde der maximale Füllstand erst nach circa 156 Tagen, also am 10. Dezember 2025, erreicht sein. Im Beispiel nicht berücksichtigt wurden dabei etwaige Wartungsarbeiten sowie der Umstand, dass das Speichertempo nachlässt, je voller die Speicher werden.

Die fünf Gasspeicher im Freistaat machen rund zwölf Prozent der gesamten deutschen Speicherkapazität aus. Rein technisch ist eine Befüllung mit 100 Prozent Einspeiseleistung unrealistisch.

Welche Speicher sind schon jetzt ziemlich voll?

Der von EKB Storage betriebene Speicher in Etzel (Niedersachsen) war zuletzt zu 93 Prozent gefüllt, der von Nuon betriebene Speicher in Epe (Nordrhein-Westfalen) sogar zu 95 Prozent. Bei beiden Anlagen handelt es sich aber um eher kleine Speicher.

Die Speicher des größten deutschen Gasspeicherbetreibers Uniper waren zuletzt im Schnitt zu 65 Prozent voll, die des größten mehrheitlich kommunalen Speicherbetreibers EWE zu 56 Prozent. EWE-Chef Stefan Dohler gehörte in den vergangenen Tagen zu den warnenden Stimmen. Gebe es weiterhin keine wirtschaftlich tragfähigen Einspeicheranreize und ziehe sich der Staat dabei aus der Verantwortung zurück, "ist das Risiko real, dass Speicher vor dem kommenden Winter nicht hinreichend gefüllt sind", richtete er per Pressemitteilung aus. "Das darf nicht passieren".

Welche Handlungsspielräume bestehen noch?

Das Gasspeichergesetz gibt der Bundesregierung verschiedene Instrumente an die Hand, um den Füllstand weiter zu steigern. Das Gesetz wurde bis April 2027 verlängert. Unter anderem sind in dem Gesetz verpflichtende Füllstände enthalten.

Laut Gesetz muss jeder Gasspeicher zum 1. Oktober zu 80 Prozent voll sein. Zum 1. November müssen es sogar mindestens 90 Prozent sein. Das Wirtschaftsministerium kann allerdings abweichende Regeln per Verordnung beschließen. Das hat es auch getan.

Die gesetzlich verankerten Gasspeicherziele wurden noch von der rot-grünen Minderheitsregierung entschärft. Sogenannte Kavernenspeicher, die sich schnell befüllen lassen, müssen laut der aktuellen Fassung bis zum 1. November einen Füllstand von 80 Prozent aufweisen. Bei sogenannten Porenspeichern sind in der Regel 45 Prozent vorgegeben. Im Vorfeld hatte der Gasspeicherverband Ines davor gewarnt, dass die niedrigeren Vorgaben zu Engpässen bei den Füllständen zum Winterbeginn führen können.

Warum hat die Bundesregierung die Vorgaben entschärft?

Die Bundesregierung wollte Marktspekulationen entgegentreten, wonach man Gas im Sommer deutlich teurer anbieten könne. Schließlich müsse am Ende die Bundesregierung dafür sorgen, dass die Gasspeicherziele erfüllt werden – koste es, was es wolle. Je niedriger die Ziele sind, desto leichter dürfte es dem Markt fallen, die Speicher zu befüllen.

Was, wenn die Füllstandsziele trotzdem nicht erreicht werden?

Wie gesagt müsste eigentlich die Bundesregierung über den sogenannten Marktgebietsverantwortlichen Trading Hub Europe (THE) aktiv werden. Im Sommer 2022 befüllte dieser im Auftrag des Bundeswirtschaftsministeriums mehrere Speicher, darunter auch Rehden. Das kostete mehrere Milliarden Euro. Das Defizit, das nach dem Weiterverkauf des Gases blieb, wurde seitdem über die Gasspeicherumlage an Gaskunden weitergegeben.

Das Wirtschaftsministerium bewertet diesmal die Lage allerdings anders. "Eine staatliche Befüllung durch die Trading Hub Europe ist angesichts der insgesamt sicheren Versorgungslage nicht erforderlich", sagte Ministerin Reiche Anfang Juli.

Für sie ist auch der niedrige Füllstand in Rehden derzeit "kein Anlass zur Sorge". Andere Speicher habe man auf "sehr vernünftigen Füllständen", sagte sie. Auch könne man durch den Ausbau der LNG-Terminals und -Infrastruktur auf ein breites Angebot zurückgreifen. "Das ist eine gute Nachricht für die Versorgungssicherheit."

Mehr zum Thema aus dem ZfK-Archiv:

Warum Deutschlands größter Gasspeicher fast leer ist

Lesen Sie weiter mit Ihrem ZFK-Abonnement

Erhalten Sie uneingeschränkten Zugang zu allen Inhalten der ZFK!

✓ Vollzugriff auf alle ZFK-Artikel und das digitale ePaper
✓ Exklusive Analysen, Hintergründe und Interviews aus der Branche
✓ Tägliche Branchen-Briefings mit den wichtigsten Entwicklungen

Ihr Abonnement auswählen

Haben Sie Fehler entdeckt? Wollen Sie uns Ihre Meinung mitteilen? Dann kontaktieren Sie unsere Redaktion gerne unter redaktion@zfk.de.

Home
E-Paper