Joachim Endress ist Geschäftsführer des Beratungsunternehmens Ganexo, das sich auf Fragen des Gasmarkts spezialisiert hat.

Joachim Endress ist Geschäftsführer des Beratungsunternehmens Ganexo, das sich auf Fragen des Gasmarkts spezialisiert hat.

Grafik/Bild: © ZfK/Ganexo

Im Gasspeicher Rehden wurde an einigen der letzten Tage nahe der Kapazitätsgrenze eingespeichert. Das ist die gute Nachricht. Die schlechte Nachricht ist, dass Deutschlands größter Speicher nach wie vor nur zu rund 7 Prozent gefüllt ist.

Speicher-Betreiber Sefe war im laufenden Jahr bei der Vermarktung der Speicherkapazitäten des Gasspeichers Rehden bisher nicht sonderlich erfolgreich. Von der Gesamtkapazität in Höhe von knapp 45 Terawattstunden (TWh) sind bisher nur 7,3 TWh vermarktet. Aktuell sind rund 3,5 TWh eingespeichert. Der Deutsche Gasspeicherverband Ines geht davon aus, dass die deutschen Gasspeicher bis Ende Januar vollständig geleert sein könnten, wenn der Winter extrem kalt wird. Sollte der Winter normal verlaufen, geht Ines von einem Füllstand von 30 Prozent gegen Ende des Winters aus.

Speicherstand bei Rehden unter 2022-Niveau

Selbst im Krisenjahr 2022 war Rehden Mitte Juli bereits zu über 30 Prozent gefüllt. Damals war die Hysterie darüber groß. Ab Juni 2022 hatte THE die Befüllung des Gasspeichers übernommen und kaufte praktisch alles verfügbare Erdgas am Markt auf, um eine Gasmangellage im nachfolgenden Winter zu vermeiden.

Dies trieb die Gaspreise auf Allzeithochs, im August 2022 auf über 300 Euro je Megawattstunde und kostete alle Beteiligten viel Geld. Der Marktgebietsverantwortliche THE zahlte schätzungsweise mehr als 6 Milliarden Euro, um rund 40 TWh Erdgas einzuspeichern.

Kehrtwende der Bundesregierung

Es scheint, dass man nun versucht, von staatlicher Seite jedweden Anschein des Risikos einer Gasmangellage zu vermeiden. Die Bundesregierung setzt auf eine Marktlösung und hat viele der seit der Energiekrise eingeführten Regulierungsmechanismen abgeschwächt oder zurückgenommen. Bereits zu Beginn des Jahres sorgten die gesetzlichen Füllstandsvorgaben zusammen mit unattraktiven Spreads für die Befüllung der Speicher zu steigenden Gaspreisen. Viele Spekulanten positionierten sich am Markt, in der Hoffnung, von späteren staatlichen Speicherkäufen zu profitieren.

In der Folge wurden die gesetzlichen Vorgaben gelockert, große Porenspeicher wie der Gasspeicher in Rehden müssen nun zum 1. November statt zu 95 Prozent nur noch zu 45 Prozent gefüllt sein. Des Weiteren soll die Gasspeicherumlage mit Beginn des nächsten Jahres entfallen und zum 1. Juli wurde die im Juli 2022 eingeführte Alarmstufe zurückgenommen, das heißt, der Notfallplan Gas wurde auf die erste Stufe, die sogenannte Frühwarnstufe, herabgesetzt.

Marktlösung soll staatliche Eingriffe verhindern

Anfang Juli erklärte die Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU), dass die Situation in Rehden keine staatlichen Eingriffe erfordere. Die gesetzlichen Füllstandsvorgaben von 80 Prozent für die meisten Speicher und das 45-Prozent-Ziel für die großen Porenspeicher sei noch in diesem Jahr erreichbar.

Es mutet kurios an, dass man dem Speicher Rehden nun die vormals wichtige Bedeutung abspricht. Die Bundesnetzagentur verweist dazu auch auf die Bauart des Speichers. Porenspeicher sind im Vergleich zu Kavernenspeichern beim Ein- und Ausspeichern relativ träge.

Daneben verweist die Bundesnetzagentur richtigerweise auch auf die veränderte LNG-Infrastruktur. Im Krisenjahr 2022 gab es noch keine LNG-Terminals in Deutschland. Jedoch sind die deutschen LNG-Terminals schlecht ausgelastet und können derzeit die Ausspeicherkapazität eines Gasspeichers wie Rehden nicht ersetzen.

LNG-Kapazitäten können Gasspeicher nicht ersetzen

Rehden hat eine maximale Ausspeicherungskapazität von 530 Gigawattstunden (GWh) pro Tag. Die deutschen LNG-Terminals kommen derzeit zwar auf eine theoretische maximale Aussendungskapazität von knapp 700 GWh pro Tag, jedoch sind nur Kapazitäten in Höhe von rund 400 GWh pro Tag kontrahiert.

Im Juni stiegen die Aussendungen auf rund 420 GWh pro Tag, was aber eher ein Ausreißer nach oben war. In der Regel lagen die Aussendungen in diesem Jahr zwischen 200 und 300 GWh pro Tag und damit bei rund der Hälfte der maximalen Kapazität von Rehden.

Die Preisentwicklung im Jahr 2022 hatte alle viel Geld gekostet. Jegliche Hysterie und Spekulation vom Markt fernzuhalten, erscheint deshalb durchaus sinnvoll. Es bleibt zu hoffen, dass die Marktlösung funktioniert und der Winter nicht sehr kalt wird. Sonst könnte es am Ende für alle wieder sehr teuer werden.

Unser Kolumnist Joachim Endress ist Geschäftsführer des Beratungsunternehmens Ganexo. Er analysiert wöchentlich die aktuellen Entwicklungen im Gasmarkt für das ZfK-Morning Briefing.

Der Titel seiner letzten Analyse lautetWie sich Polen von russischer Gasabhängigkeit befreit hat

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