Die Stromnetze in Deutschland stehen unter enormem Druck. Erneuerbare Energien, Elektroautos, Wärmepumpen und Rechenzentren fluten die Netze mit neuen Anschlussanfragen. Patrick Wittenberg, verantwortlich für Technik bei Edis Netz, einer Tochter des Energiekonzerns Eon, nannte bei der Jahrestagung Stadtwerke 2026 des Handelsblatts konkrete Zahlen, die das Ausmaß verdeutlichen.
Bereits heute liegt bei Edis die eingespeiste Leistung siebenmal höher als die maximale Last im eigenen Netz. Gleichzeitig türmen sich 200 Gigawatt an Anschlussanfragen von erneuerbaren Energien auf – hinzu kommen Speicher, Rechenzentren und Industrie. "Das Netz kann das so nicht", sagt Wittenberg.
Kritischer Moment im Winter
Auch in München wächst der Druck. Stefan Dworschak, Geschäftsführer der Netztochter der Stadtwerke München, beschreibt das Netz als angespannt – überlastet sei es noch nicht, aber Elektromobilität und Wärmepumpen liefen erst hoch. Der kritische Moment kommt in den langen Kälteperioden im Januar und Februar. Dann zieht die Wärmeversorgung enorme Mengen Strom.
Der Paragraf 14a des Energiewirtschaftsgesetzes (EnWG) erlaubt es Netzbetreibern zwar bereits, steuerbare Verbraucher wie Wärmepumpen kurzzeitig zu drosseln – aber maximal zwei Stunden. "Das hilft uns kaum weiter", sagt Dworschak. "Und erspart keinen Netzausbau."
Klares Ja zum Redispatch-Vorbehalt
Genau hier setzt Wittenberg von Edis an. Der Redispatch-Vorbehalt – also das Recht von Netzbetreibern, Einspeisungen vorsorglich zu begrenzen, bevor es zu Überlastungen kommt – steht in der Branche massiv in der Kritik. Der Netzbetreiber aus dem brandenburgischen Fürstenwalde sieht das anders.
"Das Netzpaket ist dringend erforderlich", sagt Wittenberg. "Der Redispatch-Vorbehalt ist in einem erneuerbaren System dringend erforderlich." Der Grund: Die Netzbetreiber leiteten die Kosten für abgeregelte Energiemengen direkt an ihre Kunden weiter. Und die Kosten würden absehbar weiter steigen. In einem System mit annähernd 100 Prozent erneuerbarer Energie "funktioniert das auf Dauer nicht", so der Energiemanager.
Dworschak vom Münchener Stromnetzbetreiber sieht im Netzpaket zudem einen praktischen Nutzen im Alltag: Es schaffe Klarheit, wann Netzbetreiber Anschlussanfragen tatsächlich berechnen müssen. "Meine Netzberechner können nicht jeden Tag Anschlussbegehren durchrechnen", sagt er. Das Paket helfe hier, klare Prioritäten zu setzen.

Das Netzpaket setzt klare Prioräten bei Netzanschlussbegehren.
Stefan Dworschak
Geschäftsführer SWM Infrastruktur GmbH & Co. KG
Wittenberg von Edis fordert darüber hinaus eine politische Entscheidung, wer überhaupt einen Netzanschluss bekommt. Beim Netzausbau hapere es weiter an Bürokratie – besonders auf der Hochspannungsebene mit 110 Kilovolt. Selbst auf Bestandstrassen dauere der Ausbau oft zehn Jahre. "Können wir uns das wirklich leisten?"
Speicher: Potenzial vorhanden, Nutzen für das Netz gering
Großbatteriespeicher gelten als Schlüsseltechnologie – doch inwiefern helfen sie bei Stromnetzengpässen? Benedikt Deuchert vom Speicherprojektierer Kyon Energy, der Batteriespeicher ab zehn Megawatt umsetzt, beschreibt das Dilemma: "Die Anlage kann technisch alles tun, um dem Netz zu helfen."
Aber die Betreiber erhielten kein lokales Signal, das sie zur netzdienlichen Steuerung bewege. Sie reagieren stattdessen auf Preisschwankungen im Großhandel – das optimiert den Betrieb wirtschaftlich, hilft dem lokalen Netz aber kaum.

Speicherbetreiber erhalten kein lokales Signal, das sie zur netzdienlichen Steuerung bewegt.
Benedikt Deuchert
Head of Business Development & Regulatory Affairs bei Kyon Energy
Wittenberg lieferte zum "Speicherboom" eindrückliche Zahlen: 120 Gigawatt an Speicheranträgen liegen bei Edis vor – das Netz ist aber nur auf zwei Gigawatt pro Jahr ausgelegt. Der Großteil davon sind sogenannte Grauspeicher, Anlagen also, die sich am Markt orientieren und nicht am Netzzustand.
Flexible Netzanschlussvereinbarungen, kurz FCA, könnten zwar Abhilfe schaffen: Sie verpflichten Speicher dazu, netzdienlich zu agieren. Mit der EnBW und EWE haben sich kürzlich zwei große Energieunternehmen für diese Lösung ausgesprochen. Doch bisher schreckten viele Betreiber zurück.
"Speicherbetreiber haben gesagt, dass sie unter diesen Gesichtspunkten keine Wirtschaftlichkeit sehen", so Wittenberg. Nun sollen die ersten FCA bei Edis in die Praxis gehen, doch ein Massenmodell sind die Vereinbarungen bislang noch nicht.
Netzausbau nicht ersetzt
Auch in München zeigt sich, wie begrenzt der Beitrag von Speichern noch ist. Dworschak rechnet vor: Jeder zweite Münchener müsste einen Heimspeicher mit sieben Kilowatt installieren, um die Lastspitzen in München abfedern zu können. Und selbst dann reiche dies nur für wenige Stunden. Das Problem sitzt laut dem Netzbetreiberchef tiefer – und lässt sich nur durch den Ausbau des Netzes selbst lösen.
Einig sind sich die Diskutanten deshalb, dass der Ausbau der Verteilnetze schneller gehen muss. Dworschak macht das für München unmissverständlich klar: Ohne neue Leitungen und Umspannwerke bleibt der Spielraum eng.
Wittenberg benennt die Ursache des Tempoproblems direkt: Bürokratie. Besonders auf der Hochspannungsebene mit 110 Kilovolt dauere der Ausbau selbst auf Bestandstrassen oft zehn Jahre. "Können wir uns das wirklich leisten?", fragt er. Die Antwort gibt er selbst: Nein – denn Digitalisierung und flexible Verträge gewinnen Zeit, ersetzen aber keine Leitungen.
Deuchert pflichtet bei und stellt die entscheidende Folgefrage: Es geht nicht nur darum, wer einen Anschluss bekommt, und wann, sondern was danach passiert. Wie ließen sich Speicher systemdienlich betreiben und damit auch Engpässe vor Ort behoben? Die Antwort darauf stehe noch aus.



