Die Ukraine könnte zu einem wichtigen Gas-Hub für Osteuropa werden. Die ukrainischen Untergrund-Gasspeicher verfügen über eine Gesamtspeicherkapazität von rund 31 Mrd. Kubikmeter. Zum Vergleich, in Deutschland können insgesamt rund 24 Mrd. Kubikmeter eingespeichert werden, die EU-Länder insgesamt verfügen über eine Speicherkapazität von rund 100 Mrd. Kubikmeter Arbeitsgas.
Der größte Teil der Speicherkapazität (25,3 Mrd. Kubikmeter) befindet sich im Westen des Landes und stellt ein Speichervolumen dar, was rund 1,4 Mal mehr ist, als die Speicherkapazität von Ungarn, Polen, Slowakei, Rumänien und Bulgarien zusammen.
Die ukrainischen Gasspeicher haben die europäische Zertifizierung im April 2023 bestanden. Die größten Anlagen sind Bileche-Volytsko-Uherske, Bohorodchanske, Solokhivske, Dashavske und Mrynske (Aquifer), die laut dem ukrainischen Betreiber Naftogaz zuverlässig geschützt sind.
Zusätzliche Speicherkapazität durch AggregateEU-Programm
Diese Speicherkapazität kann für den Bedarf einiger ost- bzw. südosteuropäischer Länder wie Ungarn, Slowakei, Rumänien, Moldawien, Bulgarien und Griechenland als auch Österreich einen wichtigen Beitrag leisten.
Im Rahmen der Initiative der Europäischen Kommission zur Verbesserung der Versorgungssicherheit kann das Aggregate EU-Programm Erdgas zum Beispiel auch aus ukrainischen Gasspeichern kaufen. So kann sich die europäische Gasspeicherkapazität de facto signifikant erhöhen.
Im Jahr 2023 wurden insgesamt 14,3 Mrd. Kubikmeter russisches Erdgas durch die Ukraine nach Europa geleitet. Mindestens die gleiche Menge könnte aus anderen Ländern bezogen werden und im Sommer in den ukrainischen Gasspeichern eingespeichert werden. Die gestiegenen LNG-Importkapazitäten der EU spielen dabei eine wichtige Rolle.
LNG-Routen zu ukrainischen Gasspeichern
Der Anteil der EU an den weltweiten LNG-Importen stieg von 21 % im Jahr 2019 auf 30 % im Jahr 2023. Die EU-Länder haben seit Februar 2022 die LNG-Importkapazität um 53,5 Mrd. Kubikmeter erhöht. Bis Ende 2030 plant die EU eine Gesamt-Importkapazität von 250 Mrd. Kubikmeter, was fast der Hälfte des weltweiten LNG-Angebots des Jahres 2022 entspricht.
LNG-Anlieferungen zum Beispiel in Deutschland, Polen, Kroatien und Griechenland können über das bestehende Pipeline-Netz in die Gasspeicher der Ukraine eingespeichert werden. Die ukrainischen Gasspeicher sind eng mit den osteuropäischen Pipelinenetzen verbunden.
Laut Informationen der ukrainischen Naftogaz speicherten 173 ausländische Kunden aus 32 Ländern 2023 Erdgas in den ukrainischen Gasspeichern ein, die Kundenanzahl stieg damit um 36 Prozent gegenüber dem Vorjahr.
Custom Warehouse Service der Ukraine
Die ukrainische Naftogaz bietet dabei heimischen und ausländischen Kunden die Möglichkeit eines Zolllagers (CWR: Customs Warehouse Service) an. Dabei kann Gas in einem ukrainischen Gasspeicher für bis zu 1095 Tage gespeichert werden, ohne Steuern und Zölle zu zahlen, mit der Option des Weiterverkaufs in der Ukraine oder der Wiederausfuhr in EU-Länder.
2023 lagen die CWR-Einspeicherungen ausländischer Unternehmen laut Naftogaz bei insgesamt 2,5 Mrd. Kubikmeter. Der Speichertarif liegt derzeit bis 1. April 2025 bei 1,8 EUR/MWh.
Mit dem zuletzt beschlossenen 14. Sanktionspaket der EU werden die LNG-Importe aus Russland zurückgehen. Darüber hinaus plant die EU-Kommission, ab 2027 keine russischen fossilen Brennstoffe mehr zu importieren. Die ukrainischen Gasspeicher könnten einen Beitrag leisten, die Ziele zu erreichen und zusätzliche Flexibilität bereitzustellen.
Gasmarktexperte Joachim Endress schreibt für die ZfK eine wöchentliche Kolumne. Thema des vorangegangenen Artikels:"LNG-Wettbewerb: USA liefern mehr Gas nach Asien – und weniger nach Europa"
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