Joachim Endress ist Geschäftsführer des Beratungsunternehmens Ganexo, das sich auf Fragen des Gasmarkts spezialisiert hat.

Joachim Endress ist Geschäftsführer des Beratungsunternehmens Ganexo, das sich auf Fragen des Gasmarkts spezialisiert hat.

Grafik/Bild: © ZfK/Ganexo

Europas Gasmärkte haben auf die erneute Verknappung russischen Erdgases über die Ostseepipeline durchaus unterschiedlich reagiert. Die Preisunterschiede sind teils riesig und in dieser Form ein Novum.

Die LNG-Märkte Frankreich, Belgien und Großbritannien sind bisher klar im Vorteil. Dort wurden in den letzten Tagen bis zu 85 Euro pro MWh weniger für den Day-Ahead gezahlt als am niederländischen Pendant TTF.

Allzeithoch bei Winter-Sommer-Spreads

Die Winter-Sommer-Spreads haben in dieser Woche an den meisten Märkten ein neues Allzeithoch markiert. Am niederländischen TTF wurden für Winter-22 bis zu 65 Euro pro MWh mehr als für Sommer-23 gezahlt. Am britischen NBP waren es sogar umgerechnet bis zu 75 EUR/MWh mehr.

Der Energiekrieg zeigt auf verhängnisvolle Weise, welch fatale Folgen eine hohe Abhängigkeit von einem Lieferanten haben kann. Der Kreml verdient selbst mit der Reduktion der Gasflüsse auf 20 Prozent der Nord Stream Kapazität noch mehr als im Vorjahr.

Gazprom macht Kasse

Im Vorjahr notierte der Frontmonat bei ungefähr 30 Euro pro MWh. Im Juni 2022 vor der ersten Reduktion lag der Preis für den Frontmonat, den wir hier als Basis des Gazprom-Vertragspreises unterstellen, bei 95 Euro pro MWh. Damit könnten sich die monatlichen Einnahmen Gazproms gegenüber dem Vorjahr mehr als verdreifacht haben.

Die Drosselung auf 40 Prozent im Juli könnte dem Kreml gegenüber der Referenz im Vorjahr immer noch eine Verdopplung der Einnahmen des Vorjahreszeitraums gesichert haben. Im August könnte der Frontmonatsindex wegen der jüngsten Rallye bei ungefähr 180 Euro pro MWh liegen. Verbleiben die Lieferungen nun bei 20 Prozent, könnten die Gesamteinnahmen des Kremls schätzungsweise immer noch 50 Prozent über der vollen Kapazitätslieferung des Vorjahreszeitraums liegen.

Einspeicherungen auf niedrigem Niveau

Eine weitere Steigerung der Preise ist nicht auszuschließen. Daher ist die schnelle Umsetzung der Energieeinsparziele so wichtig.

Die Einspeicherungen gehen weiter, aber auf einem niedrigeren Niveau, als man es sich wünschen würde. In Europa wurden in dieser Woche rund 4.,5 TWh pro Tag eingespeichert. Die Gasspeicher sind zu 67 Prozent voll.

Freiwilliger EU-Plan

Wegen der reduzierten Gasflüsse aus Russland könnten jedoch die Speicherziele verfehlt werden. Laut der Bundesnetzagentur sind daher schon jetzt Sparanstrengungen notwendig, um genügend Gas bis zum Winter einzuspeichern.

Die EU reagierte mit der Veröffentlichung von Plänen zur Reduzierung des Gasbedarfs, damit die Haushalte den Winter mit genügend Gas überstehen können. Der Plan ist derzeit freiwillig. Aber einige Länder wie zum Beispiel Italien und Spanien haben sich bereits zu Kürzungen des Gasverbrauchs von sieben Prozent verpflichtet.

Gefahr einer verheerenden Gasmangellage

Sollten die Einsparpläne nicht flächendeckend umgesetzt werden, könnten beim derzeitigen Angebot die Einspeicherungen im September signifikant zurückgehen. Damit wäre fraglich, ob der Speicherstand bis zum Beginn des Winters 70 Prozent übersteigen könnte.

In diesem Fall droht ein Absinken des Speicherstands zum Ende des Jahres auf weniger als 40 Prozent. Zum Vergleich: Das langfristige Mittel liegt bei 71 Prozent. Dies könnte dann spätestens im Februar in einigen Ländern zu einer verheerenden Gasmangellage führen.

Gasmarktexperte Joachim Endress schreibt für die ZfK eine wöchentliche Kolumne. Thema des vorangegangenen Artikels: "Deutschlands Gaskrise: Geschichte eines kollektiven Versagens"(aba)

Info: Täglich aktualisierte Energiemarktdaten und -grafiken finden Sie hier im ZfK-Datenraum, der in Kooperation mit dem Berliner Datenspezialisten Energy Brainpool befüllt wird.

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