Während die russischen Pipelinelieferungen mittlerweile einen Allzeittiefstand erreicht haben, verschifft das Land weiterhin bemerkenswert viel Flüssigerdgas in die EU. Bisher liegt zwischen Worten und Taten der Politiker und Unternehmen in der EU eine breite Grauzone.
Im ersten Quartal war Russland mit einem Anteil von 19 Prozent hinter den USA zweitgrößter LNG-Lieferant in die EU. Es lieferte in diesem Zeitraum 5,5 Mrd. Kubikmeter LNG und steigerte damit seine Flüssigerdgasexporte nach Europa gegenüber dem Vorjahreszeitraum um 49 Prozent.
Fall Spanien
Besonders auffällig ist die Entwicklung in Spanien. Dort wuchsen die russischen LNG-Importe zuletzt am stärksten.
Spanien bezog bereits im Mai rund zwölf Prozent seines Gasbedarfs aus russischem LNG (Vorjahr: 6,6 Prozent). Im Juni erhöhte sich der Anteil sogar auf 24,4 Prozent. Damit war Russland in Spanien hinter den USA der zweitgrößte Erdgaslieferant.
Algerische Gasimporte
Die algerischen Gasimporte fielen wegen der diplomatischen Krise der beiden Länder im Juni dagegen auf einen Anteil von nur noch 21,6 Prozent (Vorjahr 31,3 Prozent). Algerien hat jedoch seine Lieferungen nach Italien deutlich erhöht, so dass die Exporte in die EU aktuell ungefähr auf Vorjahresniveau liegen.
Die spanische Energieministerin Teresa Ribera forderte diese Woche Unternehmen auf, die LNG-Importe aus Russland zu reduzieren und nach Alternativen zu suchen.
USA größter Profiteur
Die LNG-Nachfrage in der EU erhöhte sich im ersten Quartal gegenüber dem Vorjahreszeitraum um 72 Prozent. Bereits im Quartal zuvor war sie um 33 Prozent gestiegen.
Die USA sind bisher der größte Profiteur der europäischen Energiekrise. Sie waren im ersten Quartal mit einem Anteil von 47 Prozent der gesamten LNG-Importe oder 14 Mrd. Kubikmeter LNG größter Flüssigerdgaslieferant in der EU.
Frankreich größter LNG-Importeur
Die EU ist damit für die USA einer der Hauptabnehmer für das aus Fracking-Gas gewonnene LNG. 47 Prozent aller US-amerikanischen LNG-Exporte gingen im ersten Quartal in die EU.
Der größte LNG-Importeur in der EU war im ersten Quartal Frankreich (8,7 Mrd. Kubikmeter), gefolgt von Spanien (7,4 Mrd. Kubikmeter), den Niederlanden (3,3 Mrd. Kubikmeter), Italien (3 Mrd. Kubikmeter) und Belgien (2,7 Mrd. Kubikmeter). Gegenüber dem Vorjahreszeitraum erhöhten sich die LNG-Importe in diesen Ländern um 70 bis 100 Prozent. Großbritannien importierte 7,7 Mrd. Kubikmeter – ein Plus von rund 50 Prozent gegenüber dem ersten Quartal 2021.
Explodierende Kosten
Die Kosten für die gesamten Gasimporte in die EU beliefen sich im ersten Quartal 2022 auf rund 78 Mrd. Euro. Dies entsprach einer Steigerung von rund 500 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum, als die Gesamtkosten rund 15 Mrd. Euro betrugen.
Das Problem dabei: Solange Russland mit – wenn auch reduzierten – Pipelineexporten, aber vor allem gestiegenen LNG-Exporten am hohen Preisniveau mitverdient, können die Sanktionen gegen das Land nicht die gewünschte Wirkung entfalten.
Gasmarktexperte Joachim Endress schreibt für die ZfK eine wöchentliche Kolumne. Thema des vorangegangenen Artikels: "Die Gaspreise klettern immer weiter: Welche Kostenlawine Endverbrauchern droht" (aba)
Info: Täglich aktualisierte Energiemarktdaten und -grafiken finden Sie hier im ZfK-Datenraum, der in Kooperation mit dem Berliner Datenspezialisten Energy Brainpool befüllt wird.



