Für den Dortmunder Fernleitungsnetzbetreiber Thyssengas ist der erfolgreiche Aufbau einer Wasserstoffwirtschaft in Deutschland auch wirtschaftlich von entscheidender Bedeutung. Netz und Markt sollten als eine Gemeinschaftsaufgabe von Politik, Behörden und Wirtschaft betrachtet werden, appelliert der Vorsitzende der Geschäftsführung, Thomas Gößmann. "Wir Fernleitungsnetzbetreiber können die Transportinfrastruktur bereitstellen, aber den Hochlauf schaffen wir nur gemeinsam", sagte Gößmann anlässlich eines Pressetermins.
Hintergrund ist auch die Sorge, die Nachfrage könnte nicht mit dem gesetzlich festgelegten Ausbau Schritt halten – und Thyssengas dann auf Kosten sitzenbleiben. Die Bundesnetzagentur hat kürzlich grünes Licht für das mehr als 9000 Kilometer umfassende Wasserstoff-Kernnetz gegeben. Zuvor mussten die Netzbetreiber Pläne für ihre jeweiligen Gebiete ausarbeiten und bei der Behörde einreichen. Die Kosten für das gesamte Kernnetz werden auf fast 20 Milliarden Euro geschätzt. Bezahlt wird das Ganze über die Netzentgelte, die allerdings nicht sofort anfallen sollen.
"Wie bei einer Teilkasko"
Risiken für Netzbetreiber bestünden trotzdem, betont Thyssengas-Chef Gößmann. "Wie bei einer Teilkasko" haben sie eine Selbstbeteiligung zu leisten, sollte das Projekt Wasserstoff-Hochlauf doch scheitern. Zieljahr dafür ist 2038. Er gehe zwar nicht davon aus, allerdings habe sein Unternehmen nur bedingt Einfluss. "Wir vertrauen auf die Regierung, dass wir nicht in diese Situation kommen. Den Hochlauf nicht hinzukriegen, ist keine Option", so Gößmann.
Eine gewisse "Sorge" bleibe dennoch, etwa ob der Nachfrage potenzieller Großabnehmer wie Thyssenkrupp. Als Infrastrukturbetreiber "können wir Unternehmen nicht helfen, ihre Kosten zu reduzieren. Wir stehen bei diesen Fragen mehr an der Seitenlinie".
Warnung von RWE
Und diese Sorgen sind alles andere als unberechtigt, wie auch eine aktuelle Prognose von RWE zeigt. Der Energiekonzern hat jetzt erklärt, dass der Hochlauf "deutlich mehr Zeit in Anspruch nehmen" werde. "Die ehrgeizigen Ausbauziele für Elektrolyseure werden kaum zu erreichen sein", sagte Finanzvorstand Michael Müller der DPA.
Ein Ziel der Bundesregierung ist es, bis 2030 zehn Gigawatt Elektrolysekapazität aufzubauen. Das soll demnach ausreichen, "um 30 bis 50 Prozent des deutschen Wasserstoffbedarfs zu decken". Einer Studie des Beratungshauses PWC aus dem zweiten Quartal dieses Jahres zufolge waren da hierzulande "aber erst weniger als 100 MW in Betrieb".
Anreize Fehlanzeige
RWE selbst plante eigentlich, bis 2030 eigene Elektrolysekapazitäten von zwei Gigawatt zu errichten. Doch: "Wir sehen, dass diese Ziele kaum zu erreichen sein werden", räumte eine Sprecherin nun ein. Finanzvorstand Müller sieht das Problem vor allem in fehlenden "Anreizen auf der Nachfrageseite, um grünen Wasserstoff für industrielle Abnehmer attraktiv zu machen". Er prognostiziert: Ohne eine starke Nachfrage werden sich Investitionen in diese Technologie weiter verzögern.
Immerhin: Um das eigene Risiko zu minimieren, darf der Netzausbau laut Gesetz gestreckt werden. Falls also der Markthochlauf nicht wie gewünscht komme, so Thyssengas-Chef Gößmann weiter, werde stärker bedarfsorientiert ausgebaut. Nach derzeitigem Stand plant das Unternehmen "etwa 35 Neubau- und Umstellungsprojekte mit einer Gesamtlänge von 1100 Leitungskilometern".
Arne Dammer, Leiter Strategie und Innovation bei dem Netzbetreiber, erklärte, 70 Prozent werden neu gebaut, 30 Prozent umgestellt. Die zeitkritischsten davon gingen jetzt in die Realisierung. Mit diesen Projekten hofft der Netzbetreiber, die großen Industriezentren als auch den Mittelstand im Münsterland, Ruhrgebiet und Rheinland an das Wasserstoff-Kernnetz anzubinden. (dz/DPA)
