Joachim Endress ist Geschäftsführer des Beratungsunternehmens Ganexo, das sich auf Fragen des Gasmarkts spezialisiert hat.

Joachim Endress ist Geschäftsführer des Beratungsunternehmens Ganexo, das sich auf Fragen des Gasmarkts spezialisiert hat.

Grafik/Bild: © ZfK/Ganexo

Die Europäische Union muss nach Einschätzung der Kommission bis 2030 bis zu 300 Milliarden Euro investieren, um von russischer Energie unabhängig zu werden. Mit dem Repower-EU-Plan besinnt sich die EU nun wieder auf Klima- und Diversifikationsziele, die spätestens mit dem Projektstart von Nord Stream 2 im Jahr 2015 in Vergessenheit geraten waren.

Der Plan sieht die Erhöhung der LNG-Einfuhren um 50 Milliarden Kubikmeter in diesem Jahr vor. Entscheidend hierzu wird sein, wieviel schwimmende LNG-Terminals die EU bis zum Jahresende beschaffen kann und wie der Ausbau der weiteren LNG-Terminals vorangeht.

Pipelinelieferungen aus Norwegen und Co.

Die nicht-russischen Pipelinelieferungen sollen um 10 Milliarden Kubikmeter erhöht werden. Hier kommt es auf Norwegen, Aserbaidschan und Algerien an, die bereits Bereitschaft signalisiert haben, ihre Liefermengen zu erhöhen.

Einer der zentralen Punkte wird die geplante EU-Energieeinkaufsplattform sein. Damit könnte die Nachfrage gebündelt werden, um Europa auf dem globalen Markt zu stabilen Preisen zu versorgen.

Einsatz von erneuerbaren Energien

Die Ausgestaltung ist derzeit noch unklar. Jedoch hatte sich bereits in der Corona-Pandemie eine gemeinsame europäische Beschaffung als zielführend herausgestellt.

Der Plan sieht vor, den Einsatz der erneuerbaren Energien zu beschleunigen. Hierzu sollen unter anderem Genehmigungsverfahren im Bereich Photovoltaik und Windkraft beschleunigt werden. Die EU-Kommission errechnet daraus ein Substitutionspotential von 21 Milliarden Kubikmeter Erdgas pro Jahr.

Backstop-Optionen

Zusätzlich könnte die Beschleunigung des Ausbaus von grünem Wasserstoff bis zu 27 Milliarden Kubikmeter Erdgas pro Jahr einsparen. Damit sollen die Erneuerbaren nach dem Plan der EU-Kommission bis 2030 einen Anteil von 45 Prozent erreichen.

Der Plan der EU-Kommission konzentriert sich auf einen ökonomisch verträglichen Ausstieg aus dem russischen Gas bis 2027 und schlägt sogenannte Backstop-Optionen vor, wie dem Risiko einer plötzlichen Unterbrechung der russischen Gaslieferungen zu begegnen ist.

Im Notfall Gaspreisobergrenze

Dazu soll ein europäischer Plan zur Nachfragereduktion der Industrie geschaffen werden. Diejenigen Länder, die von der Unterbrechung weniger betroffen sind, sollten die Nachfrage stärker reduzieren, um die Umleitung von Gas in stärker betroffene Länder zu ermöglichen.

Dazu soll im Notfall eine Gaspreisobergrenze greifen, um den wirtschaftlichen Schaden für die Endverbraucher zu minimieren.

Kompromissbereitschaft und Einheit gefragt

Allen Maßnahmen stehen jedoch unter dem Vorbehalt, dass sich die einzelnen Regierungen der europäischen Länder auf gemeinsame Lösungen verständigen werden. Die europäische Versorgungssicherheit steht vor einer großen Herausforderung. Nur eine geeinte, kompromissbereite europäische Lösung wird zum Erfolg führen.

Gerade im gemeinsamen Handeln liegt nun auch die große Chance für Europa. Alle müssen Zugeständnisse machen und können gleichzeitig langfristig davon profitieren.

Einzelgänge vermeiden

Der gemeinsame Gaseinkauf über eine europäische Beschaffungsplattform ist ein sinnvoller Weg, um Einzelgänge wie in der Vergangenheit zu vermeiden. Gleichzeitig sollten Infrastrukturprojekte gefördert werden, die die LNG-Kapazitäten in Europa besser verteilen.

Gasmarktexperte Joachim Endress schreibt für die ZfK eine wöchentliche Kolumne. Thema des vorangegangenen Artikels: "Europa braucht eine bessere Infrastruktur zur Verteilung der LNG-Kapazitäten." (aba)

Info: Täglich aktualisierte Energiemarktdaten und -grafiken finden Sie hier im ZfK-Datenraum, der in Kooperation mit dem Berliner Datenspezialisten Energy Brainpool befüllt wird.

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