Seit einigen Monaten ist der europäische Gasmarkt das attraktivste Ziel für LNG-Spotlieferungen. Im April 2022 war der LNG-Import in Europa nun auf einen neuen 5-Jahres-Höchststand angestiegen. Die bestehende Pipeline-Architektur verhindert jedoch eine bessere Verteilung innerhalb Europas.
Die LNG-Terminals in Nordwesteuropa und Großbritannien wurden im April von knapp 90 Schiffen angesteuert, welche rund 7,7 Mrd. Kubikmeter LNG lieferten. Die täglichen LNG-Aussendungen lagen in der letzten Woche auf dem Spitzenwert von 5.500 GWh pro Tag und damit rund doppelt so hoch wie noch vor einem Jahr.
Einen erheblichen Anstieg der LNG-Importe im April verzeichneten vor allem Großbritannien, Frankreich und Spanien. Derzeit lagern die LNG-Terminals in Europa insgesamt 24.000 GWh Erdgas und sind damit zu knapp 60 Prozent gefüllt.
Hohe Location Spreads
Hohe LNG-Importe führten zu hohen Preisunterschieden gegenüber den benachbarten Ländern (Location Spreads). In den letzten sechs Wochen sind die Preise am britischen NBP auf bis zu 15 Euro pro MWh gefallen, wohingegen das Pendant am niederländischen TTF im gleichen Zeitraum zwischen 80-105 Euro pro MWh handelte.
Preisunterschiede zwischen Nachbarmärkten von mehr als 50 Euro pro MWh über einen Zeitraum von mehreren Wochen sind ein Novum. Sie sind Resultat der bestehenden, auf Russland ausgerichteten Pipeline-Architektur in Europa, die die inter-europäische Verteilung der LNG-Importe nur unzureichend abbildet.
Im April wurden durchschnittlich rund 700 GWh pro Tag von Großbritannien über die BBL-Pipeline und den Interconnector auf den europäischen Kontinent geliefert. Eine höhere Flusskapazität auf diesen Pipelines hätte mehr Gas auf den Kontinent transportieren können und damit das gesamteuropäische Preisniveau gesenkt.
Ausbau grenzüberschreitender Kapazitäten
Wenn Europa in der Lage sein möchte, künftig mehr LNG aufzunehmen, so bekommen die Exit-Punkte in Bacton, VIP-Pirineos, und Obergailbach eine strategische neue Wichtigkeit, an der die neue Verteilungs-Architektur auszurichten ist. Der Ausbau der grenzüberschreitenden Kapazitäten ist notwendig, um Gas effektiv zwischen Marktgebieten zu verteilen.
Spanien besitzt mit einer Gesamtkapazität von 18.500 GWh Erdgas die größte Regasifizierungskapazität und mit 1.900 GWh/Tag die größte Ausspeicherkapazität in Europa. Derzeit wird jedoch maximal nur die Hälfte der Kapazitäten genutzt, zuletzt wurden rund 800 GWh pro Tag ausgespeichert.
Am VIP Pirineos, dem derzeit einzigen spanisch-französischen Grenzübergangspunkt, stiegen die Gasflüsse nach Frankreich zuletzt auf ein neues Allzeithoch bei 225 GWh pro Tag und damit auf das Kapazitätsmaximum. Die Weiterverteilung nach Deutschland kommt jedoch spätestens am Grenzübergangspunkts Obergailbach-Medelsheim ins Stocken - die MEGAL-Pipeline ist auf Ost-West-Flussrichtung ausgelegt.
Gasmarktexperte Joachim Endress schreibt für die ZfK eine wöchentliche Kolumne. Thema des vorangegangenen Artikels: "Warum Erdgaspreise von 20 Euro pro MWh fürs Erste passé sind."
Info: Täglich aktualisierte Energiemarktdaten und -grafiken finden Sie hier im ZfK-Datenraum, der in Kooperation mit dem Berliner Datenspezialisten Energy Brainpool befüllt wird.



