Die Gaspreise an Europas Energiemärkten fallen zurzeit teils sehr unterschiedlich aus. In Großbritannien etwa sorgt bereits seit vielen Wochen die gute LNG-Versorgung, eine geringere Abhängigkeit von russischem Gas und zuletzt das Bestreben, den eigentlich stillgelegten Rough-Gasspeicher wieder ans Netz zu nehmen, für deutlich niedrigere Preise als in Kontinentaleuropa.
Die Spotpreise am britischen NBP waren in den vergangenen Wochen um bis zu 70 Euro pro MWh billiger als am niederländischen TTF, der auch für den deutschen Gasmarkt zentral ist. Der Terminpreis für den nächsten Winter ist bei beiden Märkten jedoch ungefähr gleich teuer.
Große Preisspreads zwischen TTF und JKM
An den LNG-Märkten Frankreich und Belgien wurden in den vergangen drei Wochen bis zu 85 Euro pro MWh weniger als am niederländischen Pendant bezahlt. Zuletzt notierte der Day-Ahead am französischen TRF rund 70 Euro pro MWh unter den Spotpreisen am TTF.
Die jüngsten Preissteigerungen am TTF haben die asiatischen Märkte so nicht mit nach oben gezogen. In den vergangenen drei Wochen wurden am niederländischen Handelspunkt für Sept-22 bis zu 70 Euro pro MWh mehr bezahlt als am asiatischen JKM. Zuletzt sank der Spread auf rund 50 Euro pro MWh.
Europa attraktivste LNG-Destination
Bis Anfang nächster Woche werden weitere 15 LNG-Lieferungen an den nordwesteuropäischen Häfen erwartet. Damit bleibt Europa weiterhin die derzeit attraktivste Flüssigerdgasdestination.
Auch in dieser Woche wurden in Europa durchschnittlich 4.300 GWh pro Tag aus den LNG-Terminals ausgespeichert. Die LNG-Speicher in Europa sind zu 61 Prozent gefüllt. Die Auslastung der Anlagen liegt bei deutlich über 80 Prozent (Ausnahme Spanien: 40 Prozent).
Vier schwimmende LNG-Terminals
Der rasche Aufbau einer LNG-Importinfrastruktur in Deutschland ist vor allem für Wirtschaft und Industrie von zentraler Bedeutung, da die Folgen eines möglichen Ausfalls der russischen Gaslieferungen für sie katastrophal wären.
Das Bundeswirtschaftsministerium hat daher Sofortmaßnahmen ergriffen, um kurzfristig vier sogenannte schwimmende LNG-Terminals (FSRUs) zu bauen. So will es die Versorgung diversifizieren und Deutschland von russischen Gaslieferungen bis 2024 unabhängig machen.
Zwei weitere FSRUs in Stade und Lubmin
Die FSRU-Projekte können aufgrund zahlreicher gesetzlicher Änderungen sowohl auf föderaler als auch auf lokaler Ebene in kurzer Zeit umgesetzt werden. Das erste schwimmende LNG-Terminal soll noch Ende 2022 in Wilhelmshaven in Betrieb gehen. Anfang 2023 soll am Hafen von Brunsbüttel das nächste folgen.
Zusätzlich bewilligte die Bundesregierung im Juli die Errichtung schwimmender LNG-Terminals in Stade und Lubmin. (Die ZfK berichtete.) Das Flüssigerdgasterminal in Stade soll demnach voraussichtlich Ende 2023 zur Verfügung stehen, das in Lubmin frühestens ab Ende 2023.
Importkapazitäten noch unklar
Im Bundeshaushalt sind insgesamt 2,94 Mrd. Euro für die Finanzierung der vier schwimmenden LNG-Terminals für die Jahre 2022 bis 2032 reserviert. Die endgültigen Importkapazitäten aller FSRUs sind noch unklar. Nach Angaben des Bundeswirtschaftsministeriums könnte Deutschland darüber jährlich 33 Mrd. Kubikmeter Gas importieren.
Wenn Gashändler in der Folgezeit mit anderen Lieferanten als Gazprom Verträge abschließen werden, wird die aus politischen Gründen vorgenommene Verschiebung der Lieferrichtung dauerhafter und prägend für die Verteilungsinfrastruktur.
Wirtschaftlichkeit von LNG-Terminals
Ein wichtiger politischer Faktor wird die Bereitstellung erheblicher Mittel aus dem Bundeshaushalt sein, um den Betrieb der Terminals zu decken. Nur damit kann die Nutzung der LNG-Terminals dauerhaft gewährleistet werden und die Bedeutung Russlands auf dem deutschen und europäischen Markt reduziert werden.
Gasmarktexperte Joachim Endress schreibt für die ZfK eine wöchentliche Kolumne. Thema des vorangegangenen Artikels: "Wie Putins Gasriese Gazprom trotz Lieferkürzung weiter Kasse macht"(aba)
Info: Täglich aktualisierte Energiemarktdaten und -grafiken finden Sie hier im ZfK-Datenraum, der in Kooperation mit dem Berliner Datenspezialisten Energy Brainpool befüllt wird.


