Neue Woche, neuer Rummel um die russischen Gasflüsse. Im Fokus diesmal: die Ukraine, das Baltikum und Polen.
Zuerst zur Ukraine. Dort gingen die Gasflüsse in den vergangenen Tagen deutlich nach unten. Wurden vor fast zwei Wochen noch 1000 GWh pro Tag am slowakischen Grenzübergangspunkt Velke Kapusany verzeichnet, waren es zuletzt nur noch 419 GWh pro Tag, wie Daten des Verbands Entsog zeigen.
Hauptgrund für verringerte Gasflüsse
Ein wesentlicher Grund für die reduzierten Mengen dürfte die Entscheidung des ukrainischen Fernleitungsnetzbetreibers Gas TSO of Ukraine (GTSOU) gewesen sein, einen Teil des Gastransits in Richtung Europa zu stoppen. (Die ZfK berichtete.)
Der Betreiber berief sich auf einen Fall "höherer Gewalt", da etwa Mitarbeiter keinen Zugang mehr zu technischen Anlagen in von Russland besetzten Gebieten der Ukraine hätten. Russlands Gaskonzen Gazprom argumentierte dagegen, man habe "keinerlei Bestätigungen über Umstände höherer Gewalt" erhalten.
Gaspreise stabil
Die Bundesnetzagentur teilte auf ihrer Homepage mit, sie beobachte mögliche Auswirkungen der Reduktion der Gastransite über die Ukraine sehr genau. Die Gasversorgung in Deutschland sei stabil, hieß es weiter. In Summe seien die Gasflüsse nach Deutschland nahezu unverändert.
Auch die Gaspreise am liquidesten europäischen Handelspunkt TTF blieben stabil. Die Megawattstunde für den Liefermonat Juni kostete zwischen 83 und 85 Euro. Auch in den Folgemonaten wurde am Montagnachmittag kein einziges Mal die 90-Euro-Marke überschritten.
Litauen kappt russische Energieimporte
Einen medialen Coup landeten derweil zwei osteuropäischen Staaten. Litauen teilte mit, seine Energieimporte aus Russland vollständig eingestellt zu haben. Das Energiesystem des Landes funktioniere seit Sonntag ohne russisches Öl, Gas und Strom, bestätigte eine Sprecherin des Energieministeriums.
Der litauische Energiebedarf werde nun durch vermehrte Eigenerzeugung, das Flüssigerdgas-Terminal in Klapeida und Importe über bestehende Verbindungsleitungen mit den baltischen und nordischen Nachbarländern gedeckt.
Polen kündigt Gasliefervertrag
Am Freitag hatte die Strombörse Nord Pool den einzigen Importeur von russischem Strom in den baltischen Staaten vom Handel ausgeschlossen. Damit wird Strom nun auch in Estland und Lettland nicht mehr importiert und gehandelt. Zuvor hatte Russland seine Strom- und Gaslieferungen nach Finnland gekappt.
Auch Polen hat sich nach eigenen Angaben nun von russischem Gas endgültig losgesagt. Die Regierung habe beschlossen, ihren seit 1993 geltenden Vertrag mit Gazprom zu kündigen, berichtete die Nachrichtenagentur PAP und bezog sich auf die Klimaministerin Anna Moskwa.
"Gazprom ist kein zuverlässiger Partner"
"Die Aggression Russlands gegen die Ukraine hat die Entschlossenheit der polnischen Regierung bestätigt, völlig unabhängig von russischem Gas zu werden", eklärte demnach die Ministerin. "Wir haben immer gewusst, dass Gazprom kein zuverlässiger Partner ist."
Die Entscheidung Polens dürfte für die deutsche Gasversorgung keine unmittelbaren Auswirkungen haben. Über die Jamal-Pipeline floss seit Wochen kein Gas mehr in die Bundesrepublik. Stattdessen wurde sie öfter in umgekehrter Richtung genutzt.
Polen: Gasspeicher zu 91 Prozent gefüllt
Schon Ende April hatte Russland seine Gaslieferungen nach Polen eingestellt. (Die ZfK berichtete.) Warschau hatte sich geweigert, Gasimporte wie von Russland gefordert in Rubel zu zahlen.
Inzwischen sind die polnischen Gasspeicher nach Angaben des Branchendiensts AGSI+ zu 91 Prozent gefüllt. In absoluten Zahlen entspricht dies jedoch lediglich einem Drittel der in Deutschland aktuell gelagerten Reserven.
Lage in Gasspeicher Rehden
In der Bundesrepublik betrug der Füllstand zuletzt 44 Prozent. Zunehmend trägt dabei auch Deutschlands größter Gasspeicher im niedersächsischen Rehden bei, der seit Tagen rund um die Uhr befüllt wird.
Nach ZfK-Informationen speichert dort derzeit Gashändler Wingas auf unterbrechbarer Basis ein. Am Montagmorgen betrug der Füllstand in Rehden nach eigenen Angaben 1,8 Prozent. (aba)



