Der europäische LNG-Markt boomt, seitdem russisches Pipelinegas nach Zentraleuropa im Zuge des Krieges in der Ukraine zur Mangelware geworden ist.
Eine der Folgen dabei: Russisches Flüssigerdgas war 2022 deutlich gefragter als im Vorjahr, wie eine Studie des Instituts für Energiewirtschaft und Finanzanalyse (IEEFA) aufzeigt.
Frankreich Hauptabnehmer russischen Erdgases
Besonders machte sich dies demnach im dritten Quartal 2022 bemerkbar. Im Vergleich zum Vorjahreszeitraum gingen die russischen LNG-Importe nach Europa um 136 Prozent nach oben. Europa umfasst in der Studie die EU-Mitgliedsstaaten sowie Großbritannien, Norwegen, Albanien und die Türkei. Im August vergangenen Jahres war das letzte Mal russisches Gas über die Ostseepipeline Nord Stream nach Deutschland geflossen.
Laut Studie waren Frankreich, Spanien und Belgien im vergangenen Jahr die Hauptabnehmer von russischem Flüssigerdgas. In allen drei Ländern gingen die russischen LNG-Importe um mindestens 50 Prozent nach oben. (Mehr zur Lage in Spanien hier.)
Überkapazitäten bei LNG-Terminals
Die IEEFA-Autoren befassten sich auch mit neuen LNG-Projekten, insbesondere mit LNG-Importterminals. Sie befürchten, dass es hier in absehbarer Zeit zu erheblichen Überkapazitäten kommen könnte.
Demnach könnte Europas LNG-Terminalkapazität bis 2030 auf 400 Mrd. Kubikmeter steigen. Die Autoren erwarten jedoch für das Ende dieses Jahrzehnts mit einer deutlich geringeren LNG-Nachfrage. Sie gehen von einem Jahresbedarf von 150 Mrd. Kubikmeter aus. Die Denkfabrik S&P Global Commodity Insights prognostiziert demgegenüber eine Nachfrage von 190 Mrd. Kubikmeter.
Größtes Ausfallrisiko in Spanien
In beiden Fällen würde mehr als die Hälfte der dann verfügbaren Kapazitäten ungenutzt bleiben. Milliardenschwere Projekte könnten als "stranded assets", gestrandete Vermögenswerte, enden.
Das größte Risiko orten die Autoren in Spanien (50 Mrd. Kubikmeter stranded assets), in der Türkei (44 Mrd. Kubikmeter) und in Frankreich (14 Mrd. Kubikmeter). Aber auch Deutschland würde demnach 2030 auf neun Mrd. Kubikmeter überflüssiger Kapazitäten sitzen bleiben.
"Teuerste Vorsorgepolitik der Welt"
Entsprechend harsch fällt die Kritik der IEEFA-Europe-Analystin Ana Maria Jaller Makarewicz aus. Sie spricht in einer Presseaussendung von "der teuersten und unnötigsten Vorsorgepolitik der Welt".
In Deutschland sind derzeit an den Standorten Wilhelmshaven und Lubmin zwei sogenannte schwimmende LNG-Importterminals regulär in Betrieb. Brunsbüttel könnte in den nächsten Tagen folgen. Darüber hinaus sind drei weitere schwimmende Terminalprojekte im Aufbau.
Drei landbasierte Terminals in Planungen
Nach Angaben des Bundeswirtschaftsministeriums sollen in den Jahren 2026 und 2027 drei landbasierte Terminals in Stade, Brunsbüttel und Wilhelmshaven in Betrieb gehen. Bei keinem der Terminals sei bislang jedoch eine finale Investitionsentscheidung getroffen worden, schreibt das Ministerium.
Die Debatte um mögliche Überkapazitäten bei LNG-Terminals köchelt seit einigen Monaten. Befürworter eines großzügigen LNG-Terminal-Aufbaus verweisen darauf, dass Deutschland auch im Notfall, etwa beim Ausfall norwegischer Gaslieferungen, handlungsfähig bleiben müsse. Zudem würden LNG-Terminals perspektivisch für die Einfuhr von Wasserstoff gebraucht. (aba)
Hinweis: Das IEEFA hat einen LNG-Tracker eingerichtet. Gezeigt werden bereits bestehende und geplante LNG-Importterminals in Europa. Zur entsprechenden Internetseite geht es hier.



