Von Daniel Zugehör
Die Wasserstoffbranche blickt 2025 skeptischer auf den Markthochlauf in Deutschland. Das ergab eine jährliche Umfrage unter Stakeholdern im Auftrag acht großer Energie- und Wirtschaftsverbände. Diese bewerten die aktuelle Entwicklung dem neuen "H2-Marktindex" zufolge mit insgesamt lediglich 41 von 100 möglichen Indexpunkten – und damit noch schlechter als im Vorjahr (44 Punkte).
Keine "Absage" an Hochlauf
Dennoch bemühten sich die Verbändevertreter anlässlich eines digitalen Pressegesprächs um Schadensbegrenzung: Die Umfrageergebnisse sollten nicht als "Absage" an den Wasserstoff-Hochlauf verstanden werden, beteuerte etwa Matthias Belitz, Bereichsleiter Nachhaltigkeit, Energie und Klimaschutz beim Verband der Chemischen Industrie (VCI).
Wichtig sei aber, dass die Politik jetzt handele, mahnt Belitz. Sonst drohe die Wasserstoffwirtschaft zu scheitern, bevor sie überhaupt starte. "Der Regulierungsrahmen ist zu restriktiv, zu komplex und verursacht unnötige Kosten." Der "H2-Marktindex" soll die Stimmung relevanter Akteure in den Bereichen Infrastruktur, Innovationen, regulatorischer Rahmen sowie Markt widerspiegeln.
Nur ein Bereich legt zu
In drei der vier verschlechterte sich die Wahrnehmung im Vergleich zum Jahr 2024. So büßte der Bereich Innovationsumfeld zwei Indexpunkte ein und steht nun bei 55. Trotz des Rückgangs werten die Auftraggeber dies in einer Mitteilung als "positive Markteinschätzung". Ebenfalls Punkte eingebüßt haben der politisch-regulatorische Rahmen (-3) sowie die Bewertung der Marktentwicklung (-8).
Sie kommen damit nur noch auf 38 beziehungsweise 37 Punkte. Lediglich der Bereich Infrastrukturausbau kann mit einem Indexwert von 35 einen Anstieg um vier Punkte verzeichnen. Laut Ingbert Liebing, Hauptgeschäftsführer des Verbands kommunaler Unternehmen (VKU), hängt das insbesondere mit dem geplanten Bau des sogenannten Wasserstoff-Kernnetzes zusammen.
Die Wahrnehmung sei besser, allerdings noch "nicht so positiv, wie wir uns das wünschen", sagte Liebing bei dem Pressegespräch. Und die Bundesregierung sorgt für neue Verunsicherung: Sollte sie davon abweichen, das Kernnetz bis spätestens 2037 fertigstellen und stattdessen "auf Sicht fahren" zu wollen, so Liebing. Tatsächlich wird das Zieljahr im jüngsten Monitoringbericht zur Energiewende nicht mehr erwähnt.
Sorgenkind Verteilnetze
Während das Kernnetz Gestalt annimmt, "sind wir in der Fläche aber nicht so weit". Im Blick hat der VKU-Chef Verteilnetzbetreiber und Stadtwerke, die vor der Frage nach der Zukunft der Gasnetze stünden – Stichworte: Stilllegung oder Umrüstung. Das Kernnetz sei ein Meilenstein, "jedoch fehlt ein Rechtsrahmen für den Aufbau der Wasserstoffverteilnetze und Speicher".
Vor allem drei Hürden halten viele von Investitionen in Wasserstoffprojekte ab, zeigt die Umfrage weiter. So nannten die Befragten hohe Investitionskosten und hohe -risiken mit je 52 Prozent sowie eine begrenzte Wasserstoffverfügbarkeit mit 47 Prozent als größte Hemmnisse. Umgekehrt seien die größten Treiber die politische Zielsetzung (52 %), Investitionssicherheit (44 %) als auch angebotsseitige Förderprogramme (43 %).
Ein Kostenfaktor sind die hohen Strompreise. Im europaweiten Vergleich des Statistischen Bundesamtes lag Deutschland im Jahr 2024 mit durchschnittlich 39 Cent pro Kilowattstunde (kWh) bei Privathaushalten an der Spitze. Das sind zehn Cent mehr als in der Europäischen Union (29 Cent) insgesamt und fast vier Mal so viel wie im günstigsten Land Ungarn (10 Cent).
VKU: Stromsteuer senken
Um die Preise hierzulande zu senken, sieht VKU-Chef Liebing auf ZfK-Nachfrage zwei Hebel. Zum einen die geplanten staatlichen Zuschüsse zu den Netzentgelten in Höhe von 6,5 Milliarden Euro. Außerdem erneuert er die Forderung, die Stromsteuer auf das von der EU vorgeschriebene Mindestmaß zu senken. Das liegt bei 0,05 Cent pro kWh für Unternehmen beziehungsweise 0,10 Cent für Private – Deutschland erhebt derzeit aber 2,05 Cent.
Den "H2-Marktindex 2025" hat das Energiewirtschaftliche Institut an der Universität zu Köln erstellt. Dafür befragte es Stakeholder der Wasserstoffwirtschaft. Die Befragung fand zwischen Mai und Juli 2025 statt. Das institut wertete nach eigenen Angaben 392 indexrelevante Rückmeldungen aus. Das 73-seitige Gutachten ist online als PDF verfügbar.
Auftraggeber sind neben dem VCI und dem VKU der Energieeffizienzverband für Wärme, Kälte und KWK (AGFW), der Deutsche Verein des Gas- und Wasserfaches (DVGW), die "H2Global Stiftung" sowie der Verband der Automobilindustrie (VDA), der Verband der Industriellen Energie- und Kraftwirtschaft (VIK) und der Verband des Maschinen- und Anlagenbaus (VDMA).
Bundesrechnungshof warnt
Auch der Bundesrechnungshof warnte kürzlich vor finanziellen Risiken aufgrund eines schleppenden Wasserstoff-Hochlaufs. Eigentlich wollte die Regierung diesen bis zum Jahr 2030 schaffen. Trotz Förderung in Milliardenhöhe sei diese davon aber weit entfernt. "Das gefährdet das Erreichen der Klimaneutralität, den Industriestandort Deutschland sowie stabile Bundesfinanzen", warnte der Rechnungshof im Oktober in einem Sonderbericht.



