Das Bundesforschungsministerium macht Druck, dass eine ambitionierte nationale Wasserstrategie endlich auf den Weg kommt.

Das Bundesforschungsministerium macht Druck, dass eine ambitionierte nationale Wasserstrategie endlich auf den Weg kommt.

Bild: © Thomas/AdobeStock

Grüner Wasserstoff wird bis zum Jahr 2030 mit blauem Wasserstoff voraussichtlich preislich nicht konkurrenzfähig sein. Das geht aus dem interdisziplinären Gutachten "H2 Reality Check – Reappraising the EU’s H2 Strategy in a New Era of Geopolitical Disruptions" hervor. Darin untersucht ein Team des Centers for Advanced Security, Strategic and Integration Studies (CASSIS) der Universität Bonn und des Energiewirtschaftlichen Instituts (EWI) an der Universität zu Köln techno-ökonomische und geopolitische Aspekte des Wasserstoffmarkthochlaufs in Hinblick auf die Dekarbonisierungsziele der EU für 2030. Auf Basis der neuesten Studienlage wird der aktuelle Stand des Hochlaufs und Hürden aufgezeigt. Das Gutachten wurde von der European Climate Foundation finanziert.

Laut der Analyse sind die Kosten für grüne Wasserstoffproduktion entgegen den Erwartungen nicht gesunken. Zudem droht demnach mit dem künftigen potenziellen LNG-Überangebot, dass die Kosten für blauen Wasserstoff weiter fallen könnten. Blauer Wasserstoff kann aufgrund der Restemissionen langfristig jedoch nicht zu einem klimaneutralen Energiesystem beitragen. Steigende Kosten für Materialien und Arbeit, Verzögerungen bei der Infrastruktur und neue, kostengünstigere Elektrifizierungstechnologien könnten den Hochlauf für grünen Wasserstoff weiter bremsen, so die Studie. 

Für die Industrie zu teuer?

Die Preise für grünen Wasserstoff könnten auch mittelfristig über der Zahlungsbereitschaft der Industrie liegen. "Hinzu kommt, dass künftige Preise aufgrund von Netzentgelten, Speicher- und Strukturierungskosten, Steuern, Abgaben und Margen deutlich über den aktuell diskutierten Kosten liegen könnten", sagt Ann-Kathrin Klaas, Head of Research Area am EWI. 

Die EU hat sich zum Ziel gesetzt, dass bis zum Jahr 2030 in der EU 40 Gigawatt Elektrolysekapazität entstehen, 10 Millionen Tonnen grüner Wasserstoff in der EU produziert und weitere 10 Millionen Tonnen importiert werden sollen. Viele Mitgliedstaaten haben nationale Strategien und Förderprogramme aufgelegt, doch die Umsetzung stockt. Während die politischen Vorgaben ambitioniert sind, bleibt die tatsächliche Investitionstätigkeit hinter der Zielsetzung zurück. Neueste globale Analysen zeigen zudem, dass die Wasserstoffnachfrage aufgrund neuer und kosteneffizienter Elektrizitätstechnologien geringer ausfallen könnte als ursprünglich angenommen. 

Neue Abhängigkeiten

Neben der techno-ökonomischen Analyse des EWI führte das Bonner Forschungszentrum CASSIS (Center for Advanced Security, Strategic and Integration Studies) im Rahmen des Gutachtens eine detaillierte Analyse der geopolitischen Situation durch. Die Resilienz der EU wurde zudem im Hinblick auf den Import von Wasserstoff sowie den Rohstoffbedarf für den Bau von Elektrolyseuren untersucht. "Der Aufbau einer Wasserstoffwirtschaft mit großen Elektrolyse-Produktionskapazitäten erfordert eine weitere Steigerung des Abbaus, der Veredelung und der Weiterverarbeitung von strategischen Mineralien. Deren Lieferketten werden jedoch in vielen Fällen von China dominiert und kontrolliert", sagt der Energieexperte und Projektleiter des "H2 Reality Checks" Frank Umbach vom CASSIS der Universität Bonn. "Darüber hinaus wird die EU derzeit immer abhängiger vom Import der Elektrolyse-Technologien und Produktionskapazitäten der Volksrepublik – wenn nicht umgesteuert wird." Im Gegensatz dazu könnte blauer Wasserstoff die Abhängigkeit der EU von den derzeitigen Gas- und LNG-Exporteuren auch künftig erhalten. 

Das CASSIS empfiehlt angesichts dieser Entwicklung, dass die EU zum Beispiel ihre künftigen Einfuhren von in China geförderten und veredelten strategischen Mineralien sowie von billigeren, grünen Technologien für eine schnellere Dekarbonisierung und die avisierte Energiewende mit der strategischen Notwendigkeit einer stabilen Versorgung mit Wasserstoff und Elektrolyse-Technologien sowie einer inländischen Produktionskapazität in Einklang bringen müsse. Hierfür müsse ein holistisches Gesamtkonzept für eine resiliente EU-Energie- und Rohstoffversorgungssicherheit entwickelt werden, so die Forscher. "Die Studie zeigt, dass es notwendig ist, ein pragmatisches, evidenzbasiertes Gleichgewicht zu finden zwischen lobenswerten Nachhaltigkeitsambitionen und den geoökonomischen und geopolitischen Realitäten einer von Disruptionen geprägten Welt", sagt Enrico Fels vom CASSIS.
 

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