Wieder sind die Preise für Öl und Gas hoch. Wieder treiben geopolitische Krisen die Entwicklung. Im April kletterten etwa die Gaspreise auf bis zu 52 Euro pro Megawattstunde (MWh). Ein Jahr zuvor waren es noch maximal 42 Euro/MWh.
Deutschlandweit verstärken Stadtwerke ihre Anstrengungen, das eigene Portfolio zu diversifizieren. Denn noch ist die Abhängigkeit vielerorts groß. So erzeugen beispielsweise die Stadtwerke Potsdam 90 Prozent der benötigten Energie mit Erdgas.
Energiekrise als Augenöffner
Aber das soll sich ändern. Der Versorger beobachte die Entwicklungen an den Energiemärkten sehr genau, teilte ein Unternehmenssprecher auf ZFK-Anfrage mit. "Spätestens die Energiekrise 2021 war ein Augenöffner."
In Potsdam werde die Dekarbonisierung deshalb mit viel Überzeugung verfolgt, betont der Sprecher. Ziel sei es, unabhängiger von den Märkten zu werden. Ein Baustein ist eine bestehende Tiefengeothermieanlage, die aktuell zu fünf Prozent zur Erzeugung beitrage.
Bis 2045, wenn Deutschland klimaneutral sein will, soll dieser Anteil auf 30 Prozent steigen. Außerdem wollen die Stadtwerke Potsdam weitere erneuerbare Energien erschließen, zum Beispiel Flusswasserwärme oder Wärme aus gereinigtem Abwasser (Klarwasser) und Windenergie.
Kein Gas als Brücke
Auch Enercity in Hannover treibe die Dekarbonisierung konsequent voran und verzichte dabei bewusst auf Erdgas als Brückentechnologie, bekräftigte ein Unternehmenssprecher gegenüber der ZFK.
Stattdessen setzen wir auf ein hochgradig diversifiziertes Portfolio klimaneutraler Wärmeerzeuger, das die Resilienz und Energiesouveränität Hannovers stärkt und durch den Einsatz regionaler Ressourcen Preisstabilität sichert.
Statt auf Gas setzt das Unternehmen "auf ein hochgradig diversifiziertes Portfolio klimaneutraler Wärmeerzeuger, das die Resilienz und Energiesouveränität Hannovers stärkt und durch den Einsatz regionaler Ressourcen Preisstabilität sichert".
Geothermie sei ein Bestandteil dieses Mixes. Den Großteil decke Abwärme aus Anlagen zur Abfall- und Klärschlammverwertung, ein Altholz-Heizkraftwerk sowie Großwärmepumpen und Power-to-Heat-Anlagen. Ergänzt werde dies durch hochflexible Biomethan-BHKW zur Absicherung von Spitzenlasten, so der Sprecher.
Wasserstoff im Heizkraftwerk
Das Unternehmen hat den ersten Kohleblock im Februar stillgelegt. Nach der Heizsaison 2027/2028 werde das Kohleheizkraftwerk in Hannover-Stöcken vollständig in die Reserve überführt. Das verbleibende gasbetriebene Heizkraftwerk am Standort Hannover-Linden soll bis 2036 H2-ready sein.
In Hannover lautet das Ziel, bis 2040 rund zwei Drittel des Wärmebedarfs über Fern- und Nahwärmenetze zu decken. Zugleich sollen die verbleibenden Gebiete "nahezu vollständig" auf Wärmepumpen umgestellt werden.
Eine "untergeordnete und nur noch mittelfristige Rolle" spiele Erdgas darüber hinaus bei den Stadtwerken Karlsruhe. Schon heute würden rund 90 Prozent der Fernwärme aus der Abwärme von Kraft-Wärme-Kopplung sowie industrieller Abwärme stammen, teilte das Unternehmen auf Nachfrage mit.
Erkundung im Rheinhafen
"Langfristig" soll die Fernwärme demnach vollständig CO2-neutral werden. Neben den genannten Technologien sowie Großwärmepumpen und Wärmespeichern, soll ein "wesentlicher Baustein" dabei auch regenerativ erzeugter und bezahlbarer Wasserstoff sein – und perspektivisch die Tiefengeothermie.
Gemeinsam mit dem EnBW-Konzern würden die Stadtwerke Karlsruhe derzeit das Gebiet rund um den Rheinhafen Karlsruhe erkunden. Sollte die Aufsuchung erfolgreich sein, wollen die beiden Unternehmen dort tiefengeothermische Wärme nutzen.
Die geopolitischen Krisen der vergangenen Jahre wie die Corona-Pandemie, der Krieg Russlands gegen die Ukraine oder die aktuellen Spannungen im Nahen Osten hätten gezeigt, wie stark und schnell sich der energiewirtschaftliche Rahmen ändern könne.
Wichtig seien daher resiliente und flexible Versorgungssysteme. Diese basieren aus Sicht des Karlsruher Versorgers jedoch nicht auf einzelnen isolierten Technologien, sondern auf intelligent kombinierten Systemen.
Forderung nach Förderung
Sowohl die Stadtwerke Karlsruhe als auch Potsdam sehen insbesondere in der Geothermie noch unerschlossene Potenziale. Allerdings mahnen beide Unternehmen die hohen Investitions- und Betriebskosten tiefengeothermischer Projekte an.
Zwischen ersten Untersuchungen und einer möglichen Wärmeeinspeisung ins Netz liegen häufig viele Jahre.
Die Entwicklungszeiträume seien lang und die Risiken, besonders in frühen Projektphasen, erheblich. "Zwischen ersten Untersuchungen und einer möglichen Wärmeeinspeisung ins Netz liegen häufig viele Jahre", so die Stadtwerke Karlsruhe.
Die Unternehmen fordern daher Förderprogramme über den gesamten Projektzyklus, verlässliche Rahmenbedingungen und klare Bekenntnisse zu dieser Technologie.
Die Stadtwerke Potsdam bringen außerdem Bürgschaften für Kommunen und Stadtwerke in die Diskussion ein – um Fremdkapital einzuwerben, ohne den kommunalen Haushalt oder den steuerlichen Querverbund in Schieflage zu bringen.



