Spirit Energy Ltd., das britische Gemeinschaftsunternehmen, in das die Stadtwerke aus München (SWM) und aus anderen bayerischen Städten 2017 ihre Öl- und Gasproduktionstochter Bayerngas Norge AS eingebracht hatten, wird auch seinen kommunalen Eigentümern erstmals Freude bringen: Die "SZ" schreibt von 191 Millionen Pfund Sterling Gewinn 2018, im ersten vollen Geschäftsjahr des Joint Venture mit dem britischen Energiekonzern Centrica. Die Kassen seien so gut gefüllt, dass eine Ausschüttung von 300 bis 400 Millionen Pfund anstehe.
Der SWM-Konzern hält über zwei Beteiligungsgesellschaften insgesamt 31 Prozent an Spirit Energy. Die Bayerngas Norge AS gibt es nicht mehr, sie ging damals in Spirit auf. Ob die SWM-Gruppe nun ratierlich knapp ein Drittel der Ausschüttung bekommt und wie viel Dividende es überhaupt gibt, das sei noch unklar, stellten die SWM auf ZfK-Anfrage klar. Spirit habe auch nur vorläufige Ergebnisse ("preliminary results") bekanntgegeben.
Die Bayerngas Norge gibt es nicht mehr
Gesetzt den Fall, es käme so, dann beliefe sich der Geldregen an den SWM-Konzern nach derzeitigem Wechselkurs auf 107 bis 142 Millionen Euro. Die Hälfte der 31 Prozent hält die für die Transaktion neugegründete SWM Bayerische E&P Beteiligungsgesellschaft mbH, und von ihr haben die SWM "nur" 80,1 Prozent, den Rest die Münchner Kooperation Bayerngas GmbH. Die wiederum gehört nur zu 56,3 Prozent den SWM. Die anderen Anteile werden von den Kommunalversorgern aus Augsburg, Ulm/Neu-Ulm, Landshut und Ingolstadt sowie der Tiroler Tigas gehalten. Von einer solchen Ausschüttung an die beiden SWM-Gasbeteiligungsgesellschaften bekämen diese Minderheitsgesellschafter bei kompletter Durchreichung über die Bayerngas 4,3 Prozent.
Jedenfalls wendet sich durch das Finanzpolster, das Spirit aufgebaut hat, erstmals das kommerzielle Schicksal der SWM und der Bayerngas-Konsorten im Explorations- und Produktions(E&P)-Geschäft. Von 2006 an besetzten der damalige SWM-Chef Kurt Mühlhäuser und der damalige Bayerngas-Geschäftsführer Ulrich Mössner mit der Bayerngas Norge diese Wertschöpfungsstufe – bei Öl- und Gaspreisen, die nur eine Richtung zu kennen schienen: nach oben. Die Idee war, dass die Kommunen und Stadtwerke nicht mehr quasi Tankstellenpächter und das letzte Glied in der Gasversorgungskette bleiben und das große Geschäft den Multis überlassen, sondern die komplette Wertschöpfungskette selbst abdecken. Und zwar nicht hie und da in Bayern oder in Brandenburg, wie es die Bayerngas machte und plant, sondern im großen Stil in der Nordsee.
Produzieren bei sinkenden Märkten
Doch just, als Bayerngas Norge zu produzieren begann – ironischerweise zuerst und schwerpunktmäßig Rohöl statt Erdgas –, da sanken die Öl- und Gasnotierungen im Gefolge der Finanzkrise seit 2008 fast ständig. Die Einnahmen aus dem Upstream-Verkauf sollten aber eigentlich die Entwicklung weiterer Felder refinanzieren.
SWM und Bayerngas steckten also stattdessen während elf Jahren insgesamt zwei Milliarden Euro in das E&P-Geschäft. Sie mussten ihre norwegische Beteiligung mehrmals hintereinander im zwei- bis dreistelligen Millionen-Bereich wertberichtigen. Man sei damals "durch die Hölle" gegangen, zitiert die "SZ" SWM-Chef Florian Bieberbach.
Die Entwicklung schien der Münchner FDP und CSU Recht zu geben, dass das von den Weltmärkten beeinflusste, kapitalmarktnahe, stark schwankende E&P-Geschäft einfach zu groß sei für die Kommunalwirtschaft, der man ohnehin skeptisch bis destruktiv gegenüberstand. Es gibt nur noch eine weitere kommunale Kooperation, die auf Upstream macht: die Gas-Union aus Frankfurt am Main. Aber sie ist auf keiner Bohrplattform Betriebsführer. Und die Trianel startete etwa zwei Jahre nach den Bayern einen eigenen Aufruf an die Kommunalwirtschaft und gründete eine Vorratsgesellschaft, kam aber damit nicht weiter.
Kaum ist die Tinte trocken, steigen die Preise wieder
2017 jedenfalls zogen die SWM und die Bayerngas-Stadtwerke die Reißleine. Sie brachten die Bayerngas Norge in das dazu gegründete Joint Venture Spirit Energy Ltd. mit Centrica ein. Der Centrica fehlten bis dahin E&P-Lizenzen, die sie entwickeln konnte, der Bayerngas Norge das Geld, vorhandene in die Produktion zu überführen. Ein Teil der zwei Milliarden Euro SWM-Gesellschafterkredite wurde damals getilgt, ein anderer als Vorzugsaktien in Spirit eingebracht.
Und wie es der dumme Zufall so will: Seit die Tinte Mitte 2017 trocken war, ging der Ölpreis wieder steil nach oben, von 45 auf 84,50 Dollar pro Barrel bis Ende September 2018 für die Nordsee-Sorte Brent.
Erster Lohn für den Schweiß
Nun können die Münchner und ihre kommunalen Partner erstmals einen Schluck aus der Pulle nehmen. Der Preis für sie war der Rückzug von einem strategischen Engagement in eine reine Finanzbeteiligung, auch wenn SWM-Chef Bieberbach dies bestreitet. Die weiteren Aussichten stehen gut: Brent ging zwar im letzten Quartal 2018 noch bis auf 52,20 Dollar jäh herunter, doch in diesem Jahr gewann es schon wieder bis über 67 Dollar hinaus an Wert.
Der Produktionsschwerpunkt liegt jetzt ohnehin im Gas: Spirit förderte voriges Jahr 17 Millionen Barrel Öl und 30 Millionen Barrel Gas. Bei neun Explorationsbohrungen wurden "einige" Vorkommen bewiesen, so die Website. Dieses Jahr sind drei solcher Bohrungen geplant. Und im Januar bekam Spirit neun zusätzliche Förderlizenzen allein im norwegischen Kontinentalschelf.
Mehr Gas, als München verbraucht
31 Prozent der Gasproduktion von 2018 wären mehr, als die Stadt München verbraucht (natürlich rein bilanziell – die Kohlenwasserstoffe gelangen höchstens zufällig physisch bis nach Süddeutschland). Daher wollen die SWM im Einklang mit ihrem 100-prozentigen Eigentümer Landeshauptstadt mittelfristig, von 2030 an, ihr Engagement bei Spirit herunterfahren. (geo)



