Joachim Endress ist Geschäftsführer des Beratungsunternehmens Ganexo, das sich auf Fragen des Gasmarkts spezialisiert hat.

Joachim Endress ist Geschäftsführer des Beratungsunternehmens Ganexo, das sich auf Fragen des Gasmarkts spezialisiert hat.

Grafik/Bild: © ZfK/Ganexo

Seit diesem Monat und mit Ende der Wartungsarbeiten in Norwegen sind die Spotpreise an den europäischen Gasmärkten gefallen. Lag das Spotpreisniveau zu Monatsbeginn noch bei mehr als 35 Euro pro MWh, fielen die Preise zuletzt zeitweise auf unter 25 Euro pro MWh.

Von einer Normalisierung der Marktlage und Rückkehr zum gewohnten Preisniveau vor der Energiekrise kann jedoch nicht ausgegangen werden. Die Terminkontrakte haben sich im Gegensatz zu den Spotpreisen verteuert.

Hohe Nachfrage im nächsten Sommer erwartet

Der Kontrakt Cal-24 hat sich in der vergangenen Woche um fünf Euro pro MWh verteuert und kostet mit 54 Euro pro MWh praktisch doppelt so viel wie der Day-Ahead.

Die Marktteilnehmer gehen also weiter von einer angespannten Situation in den nächsten Monaten aus. Auch wenn die Gasspeicher zu Beginn der Heizsaison voll sein sollten, könnte das Gas im Falle eines kalten Winters und eines rückläufigen Flüssigerdgasangebots in Europa knapp werden.

Angespannte Marktlage bis 2025

Und die Herausforderungen enden nicht mit dem nächsten Winter. Die Marktteilnehmer gehen derzeit bis einschließlich 2025 von einer angespannten Marktsituation aus. Der Kontrakt Sommer-24 notiert seit einigen Wochen fünf bis zehn Prozent über dem Kontrakt Winter-23 – eine ungewöhnliche Konstellation.

Das globale LNG-Angebot soll sich erst von 2025 an vergrößern. Bis dahin könnte der Wettbewerb zwischen Europa und Asien auch 2024 zu hohen Gaspreisen führen.

Russische Gasflüsse durch Ukraine

Hinzu kommt, dass der Transitvertrag zwischen Gazprom und dem ukrainischen Energiekonzern Naftogaz Ende 2024 ausläuft. Derzeit liefert Gazprom rund 300 bis 400 GWh pro Tag durch die Ukraine.

Bei einem Wegfall des Ukraine-Transits würde Russland nur noch über die Turkstream-Pipeline Gas nach Europa liefern. Dies sind derzeit rund 300 bis 500 GWh pro Tag. Damit könnte sich der Anteil der russischen Gaslieferungen am europäischen Gesamtangebot von derzeit rund acht Prozent auf vier bis fünf Prozent reduzieren.

Gasverbrauch: IEA senkt Prognose

Zu Beginn der Woche hat die Internationale Energieagentur (IEA) ihren vierteljährlichen Bericht zur Gasversorgungssituation in Europa veröffentlicht. Sie hat dabei ihre Prognose für die Gasnachfrage in Europa für 2023 auf 489 Mrd. Kubikmeter gesenkt.

Das entspricht einem Rückgang von sieben Prozent gegenüber dem Vorjahr. Gründe sind ein rückläufiger Gasverbrauch im Stromsektor und der voranschreitende Ausbau der erneuerbaren Energien.

Hitzewelle führt zu höherer Gasverstromung

Im Juni lag die durchschnittliche Leistung von Gaskraftwerken zur Stromerzeugung in Deutschland bei 5,7 GW. Das entsprach 13 Prozent der durchschnittlichen Gesamtnetzleistung im Stromsektor.

Wegen der Hitzewelle stieg zuletzt die gasbefeuerte Stromerzeugung in Deutschland auf über acht GW an. Dies entsprach 20 Prozent der Gesamtnetzleistung und damit dem höchsten Stand seit vier Monaten.

Ende der Gasförderung in Groningen

Die Gasförderung im niederländischen Groningen wird zum 1. Oktober 2023 dauerhaft eingestellt. Die Produktionskapazität lag zuletzt bei 2,8 Mrd. Kubikmeter. Die täglichen Fördermengen lagen zuletzt mit rund 150 MWh pro Tag auf einem Allzeittief.

Der Fernleitungsnetzbetreiber Gasunie Transport Services (GTS) hat der niederländischen Regierung zugesichert, dass die neue Anlage in Zuidbroek, die Stickstoff und H-Gas zu Pseudo-L-Gas mischt, spätestens von 1. Oktober an einsatzbereit sein wird. Dies soll den Niederlanden ermöglichen, das Groningen-Erdgas zu ersetzen und die Exportverpflichtungen des Landes zu erfüllen.

Gasmarktexperte Joachim Endress schreibt für die ZfK eine wöchentliche Kolumne. Thema des vorangegangenen Artikels: "Russland schwingt sich zu Europas zweitgrößtem LNG-Lieferanten auf"

Info: Täglich aktualisierte Energiemarktdaten und -grafiken finden Sie hier im ZfK-Datenraum, der in Kooperation mit dem Berliner Datenspezialisten Energy Brainpool befüllt wird.

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