Mit Grubenwasser, digitalen Zwillingen und neuen Wärmenetzen wollen die Stadtwerke Essen die Wärmewende vorantreiben – passgenau für jeden Stadtteil. Frank Pieper, Vorstandsvorsitzender der Stadtwerke Essen, spricht im Interview über ambitionierte Pläne, harte Realitäten und warum es ohne Akzeptanz und Kooperation nichts geht.
Herr Pieper, die Stadtwerke Essen agieren in einem Umfeld mit mehreren großen Playern der Energiebranche. Welche Rolle nehmen Sie dabei ein?
Essen wird nicht umsonst als Energiehauptstadt Deutschlands bezeichnet. Hier sind drei Versorger und Netzbetreiber aktiv. Wir Stadtwerke Essen betreiben unter anderem das Erdgas- und das Trinkwassernetz, die Kanalisation, sind im Gas- und Stromvertrieb sowie mit Energiedienstleistungen unterwegs. Der Betrieb des Stromnetzes in Essen liegt bei der Westnetz – historisch bedingt durch den RWE-Sitz in Essen. Und Iqony betreibt das Hochtemperatur-Fernwärmenetz in Essens Innenstadt. Wir sind daher ein mittelgroßes Stadtwerk in Deutschlands zehntgrößter Stadt – das bringt Vor- und Nachteile mit sich.
Welche konkreten Vorteile sind das und welche Herausforderungen liegen für Sie in dieser Konstellation?
Wir haben den Vorteil, dass wir uns auf unser Kerngeschäft, insbesondere auf dessen Weiterentwicklung, fokussieren und gleichzeitig sehr innovationsstark agieren können. Kooperationen und Partnerschaften sind dabei unerlässlich und längst Teil unserer DNA geworden. Ein gutes Beispiel dafür ist die Iqony Fernwärme Essen, an der wir mit 50 Prozent beteiligt sind und die das Hochtemperatur-Fernwärmenetz in Essen ausbaut.
Für uns spricht zudem unsere große Nähe zur Kommunalpolitik und zu unseren Kunden. Die hilft, die jeweiligen Bedürfnisse besser zu verstehen und schneller zu reagieren. Gleichzeitig bedeutet die Fragmentierung des Marktes, dass wir unsere Investitionen und Ausbauprojekte sehr gut mit anderen abstimmen müssen. Gerade mit Blick auf die bevorstehenden Investitionen aller Akteure in die Wärmewende ist eine enge Kooperation zentral, zum Beispiel bei der kommunalen Wärmeplanung.
Die Stadt Essen hat sich Klimaneutralität bis 2040 zum Ziel gesetzt. Wie lässt sich das in einem urbanen Raum erreichen?
Die Wärmewende in Großstädten ist ein dickes Brett. Wir haben hier nicht nur technische, sondern auch soziale Herausforderungen – Stichwort Bezahlbarkeit. Wenn wir die Preise nicht im Blick behalten, riskieren wir gesellschaftliche Ablehnung – das können wir uns nicht leisten.
Unsere Strategie für die Wärmewende in Essen basiert dabei auf vier Säulen: Zum einen auf dem Ausbau der Hochtemperatur-Fernwärme über unsere Beteiligung an der Iqony Fernwärme Essen. Das Netz soll in einem konzentrischen Kreis um die Innenstadt wachsen. Hier gibt es ein definiertes Ausbaugebiet.
Zum zweiten dem Bau neuer dekarbonisierter Wärmenetze. Hier setzen wir unter dem Begriff "Stadtwärme" auf moderne, grüne Niedertemperatur-Wärmenetze, also Fernwärme 4.0. Wir haben mithilfe eines digitalen Zwillings mehrere geeignete Stadtteile und interessante Wärme- und Abwärmequellen identifiziert. Für sechs Stadtteile laufen bereits BEW-geförderte Machbarkeitsstudien.
"70 Prozent unseres Netzes sind bereits wasserstofffähig."
Die dritte Säule unserer Strategie bildet die Transformation des Gasnetzes.Etwa 70 Prozent unseres Netzes sind bereits wasserstofffähig. Das war selbst für uns überraschend – noch vor einem Jahr wussten wir das nicht. Einige Betriebsmittel in oberirdischen Anlagen müssten noch angepasst werden, aber technisch sind wir auf einem guten Weg. Vorteilhaft ist zudem, dass das geplante Wasserstoff-Kernnetz durch Essen verläuft.
Die letzte Säule ist die elektrische Wärmewende basierend auf Wärmepumpen-Zentralheizungen. In Gebieten mit geringer Lastdichte wird es keine Wärmenetze geben. Dort bieten wir Contracting-Modelle für Wärmepumpen, PV-Anlagen und Stromspeicher an. Unsere Kunden können auch Komplettpakete wählen, inklusive der Anlagen-Installation, flexiblem Stromtarif und einem Rundum-sorglos-Paket – wenn sie es möchten.
Gerade in den Großstädten wird es bei der Wärmewende nicht die "One Size Fits All"-Lösung geben. Wir müssen für unterschiedliche Stadtteile jeweils passende Lösungen entwickeln, die auch langfristig wirtschaftlich Sinn haben.
Gibt es bereits konkrete Wärmequellen, die Sie für die "Stadtwärme"nutzen wollen?
Ja, zum Beispiel Grubenwasser. Da haben wir ein echtes Pfund vor der Haustür: Die RAG pumpt seit Jahrzehnten jährlich rund 15 bis 20 Millionen Kubikmeter warmes Wasser mit einer Temperatur von etwa 25 Grad Celsius aus alten Zechenanlagen – bislang wird das einfach in die Ruhr geleitet. Es geht also um Geothermie – nur eben aus alten Bergwerken. Unser Plan ist, dieses Grubenwasser mit großen Wärmepumpen auf 75 Grad zu bringen und damit Niedertemperatur-Wärmenetze zu speisen. Das spart CO₂, ist wirtschaftlich und nutzt eine vorhandene Ressource.
Das klingt vielversprechend. Welche Rolle spielen die Bürgerinnen und Bürger bei diesen Plänen?
Eine entscheidende. Die Wärmewende gelingt nur, wenn wir die Menschen früh einbinden und sie von unseren Angeboten überzeugen. Fernwärmenetze werden offen verlegt, da führt jede Baumaßnahme zu Straßensperrungen. Deshalb planen wir frühzeitige Kommunikation. In Essen-Überruhr, wo wir mit dem Grubenwasser starten wollen, haben wir bereits zwei Infoveranstaltungen mit der Wohnungswirtschaft durchgeführt. Das Interesse war riesig.
Sie haben die Machbarkeitsstudien für neue Wärmenetze erwähnt. Gibt es bereits konkrete Zielhorizonte, wann mit dem Bau begonnen wird?
Die ersten drei Machbarkeitsstudien haben wir Ende letzten Jahres gestartet, in diesem Jahr sind drei weitere hinzugekommen. Sie sollen alle bis Jahresende abgeschlossen sein. Anschließend folgen die HOAI-Phasen zwei bis vier, also die vertiefte Planung. Theoretisch könnten wir 2027 mit dem Bau starten – realistisch ist eher 2028. Dann bauen wir schrittweise, Abschnitt für Abschnitt. Im ersten Bauabschnitt wird es sicher zwei Jahre dauern, bis wir die ersten Kundinnen und Kunden ans Netz bekommen. Danach geht es modular weiter.
Das Zieljahr 2040 bleibt damit erreichbar?
Bis 2040 ist eine Menge erreichbar – wenn die Rahmenbedingungen stimmen.
Wie steht es um die Nutzung von Abwasserwärme?
Sehr spannend – und definitiv im Fokus. Wir setzen hier zunächst auf die "low-hanging fruits" – drei Kläranlagen im Essener Süden, betrieben vom Ruhrverband. Wir leiten über unser Kanalnetz warmes Abwasser dorthin, es wird geklärt, und selbst das gereinigte Wasser hat noch eine relevante Temperatur, die wir nutzen können. Leider liegen auch in Essen die Kläranlagen entfernt von dichter Bebauung. Geeignete Trassen zu finden und Wärmepumpen sinnvoll zu platzieren, das ist anspruchsvoll. Ähnlich sieht es im innerstädtischen Kanalnetz aus. Hier gilt es, Wärmesenken in der Nähe von großen Kanälen mit viel Durchfluss zu finden. Es gibt erste konkrete Projekte, an denen wir gerade arbeiten.
Also ein Zukunftsfeld mit viel Potenzial?
Vor einigen Jahren hieß es noch: Um Gottes Willen, keine Wärmetauscher im Kanal – heute ist die Technik weiter, sodass sie kaum noch Probleme macht. Die Nutzung von Abwasserwärme wird aus meiner Sicht eine interessante Nische bleiben – die es jedoch zu nutzen gilt.
Welche Rolle spielt die Digitalisierung für die Wärmewende?
Ohne Digitalisierung keine Wärmewende – das ist völlig klar. Wir nutzen bereits digitale Zwillinge zur Netzplanung und sind dabei, unsere Kundenschnittstellen und internen Prozesse datenbasiert zu optimieren. Das Thema wird in Zukunft noch an Bedeutung gewinnen – auch zur Steuerung dezentraler Erzeugung und flexibler Verbraucher.
"Ein erheblicher Teil unserer Belegschaft wird in den nächsten Jahren altersbedingt ausscheiden."
Mir ist es ein Anliegen, die Stadtwerke Essen fit für die Zukunft zu machen – und da gehört das Thema Digitalisierung ganz klar dazu. Ein Beispiel dafür sind die KI-Offensiven, die wir gerade starten. Wir haben ein internes KI-Board und einen KI-Beauftragten implementiert, um KI-Anwendungen schnell, effizient und sicher zu nutzen. Ein Beweggrund ist, dass wir vor einem großen personellen Umbruch stehen. Ein erheblicher Teil unserer Belegschaft wird in den nächsten Jahren altersbedingt ausscheiden, während es gleichzeitig schwieriger wird, qualifizierten Nachwuchs zu finden. KI muss deshalb unterstützen, wo sinnvoll und möglich, zum Beispiel beim Wissenstransfer. Deshalb suchen wir auch gezielt nach Mitarbeitenden mit IT-Kompetenz.
Ein anderes Beispiel für unsere Digitalisierungsstrategie ist "KUBIKS", eine Datenplattform, die wir dieses Jahr auf der E-World vorgestellt haben.
Was genau kann die Plattform?
"KUBIKS" war ursprünglich als Datendrehscheibe für Abrechnungslösungen in der Wohnungswirtschaft gedacht. Wir haben das System gemeinsam mit der Wohnungswirtschaft weiterentwickelt und bieten es künftig auch Eigentümergemeinschaften, Hausverwaltern und mittelfristig sogar Mietern an. "KUBIKS" bereitet Energieflüsse aus Strom, Gas, Wasser und Wärme auf, visualisiert sie, macht sie analysierbar. Es gibt Zusatzdienste wie "Fenster offen"-Sensorik, Brandmelde- oder Leerstandsmanagement. Wir bieten "KUBIKS" zudem als White-Label-Lösung auch für andere Stadtwerke an. Wir sprechen aktuell mit mehreren interessierten Unternehmen über Einsatzmöglichkeiten.
Kommen wir noch einmal zurück zur Wärmewende. Ist aus Ihrer Sicht der aktuelle politische Rahmen hilfreich oder hinderlich?
Sagen wir so: Es gibt positive Signale – etwa die neue Besetzung des Wirtschaftsministeriums und natürlich das 500-Milliarden-Euro-Investitionspaket, von dem ja große Teile für Infrastrukturmaßnahmen vorgesehen sein sollen. Aber noch fehlt es an Verlässlichkeit. Die Förderlandschaft beispielsweise ist viel zu kompliziert, viele Töpfe sind außerdem leer oder nicht voll genug. Ohne langfristige Förderzusagen bekommen wir die Wärmewende nicht gestemmt, sie ist auch eine Generationenaufgabe. Allein bei den Maßnahmen, die wir in Essen planen, reden wir über Investitionen in dreistelliger Millionenhöhe.
Was bedeuten diese Investitionssummen für Ihre Eigenkapitalquote?
Das wird perspektivisch eine Herausforderung. Heute stehen wir noch gut da, auch im Vergleich zu anderen Stadtwerken. Aber wir müssen unsere Covenants im Auge behalten.
Private Investoren bieten sich an – wäre das eine Option?
Wir werden von vielen Seiten angesprochen – beispielsweise auf Veranstaltungen wie dem BDEW-Kongress. Aber Private Equity ist auch teures Geld. Wir sind optimistisch, dass unsere Gesellschafter bei erforderlichen EK-Erhöhungen mitgehen und setzen auf Unterstützung durch Bund und Land. Eine Finanzierungslösung, die ich mir sehr gut vorstellen könnte, ist der vom VKU vorgeschlagene Kapitalfond für Stadtwerke.
Und wie finanzieren sich die Stadtwerken Essen aktuell?
Unser Bestandsgeschäft finanzieren wir bislang klassisch über lokale Banken – das hat immer gut funktioniert. Fördermittel nutzen wir aktuell vor allem für die angesprochenen Machbarkeitsstudien und Ausführungsplanungen neuer Wärmenetze.
Was viele nicht wissen: Unser wichtigstes Geschäftsfeld ist aktuell der Betrieb des Kanalnetzes – also der Erhalt und die Erneuerung der Essener Kanalisation.
Das ist überraschend.
Die Entwässerung ist eine hoheitliche Aufgabe der Stadt, die sie an uns übertragen hat. Dafür gibt es einen Dienstleistungsvertrag, den wir im letzten Jahr vorzeitig um 20 Jahre verlängern konnten. Die Bezirksregierung schaut allerdings sehr genau hin, wie wir investieren – da ist in den vergangenen Jahrzehnten zu wenig passiert. Das Netz ist überaltert. Entsprechend haben wir Auflagen, die Investitionen deutlich hochzufahren. In fünf Jahren, das ist unser Planungshorizont, verdoppeln wir die Investitionen auf über 80 Millionen Euro pro Jahr.
Da braucht es wohl auch mehr Personal?
Im Bereich Planung und Bau Entwässerung schon. Wir haben derzeit eine zweistellige Anzahl offener Stellen in dem Bereich und suchen händeringend Fachkräfte mit Kenntnissen in der Kanalnetzplanung.
Herr Pieper, wir danken für das Gespräch!
Das Interview führten Artjom Maksimenko und Daniel Zugehör.



