Die Stadtwerke Weißwasser (SWW) wollen Wärme aus Glasöfen zur nachhaltigen Wärmeversorgung ihrer Kunden nutzen.

Die Stadtwerke Weißwasser (SWW) wollen Wärme aus Glasöfen zur nachhaltigen Wärmeversorgung ihrer Kunden nutzen.

Bild: @ Stadtwerke Weißwasser

SWW-Geschäftsführerin Katrin Bartsch: "Die Idee ist nicht am Schreibtisch entstanden, sondern aus der Realität in Weißwasser".Bild: © Stadtwerke Weißwasser

Wie kann eine Kleinstadt zum Vorreiter der Wärmewende werden? Die Stadtwerke Weißwasser wollen gemeinsam mit der Stölzle Lausitz GmbH industrielle Abwärme aus Glasöfen für die kommunale Fernwärme nutzbar machen – mit dem Potenzial, bis zu 30 Prozent des Wärmebedarfs der Stadt zu decken und jährlich mehr als 7000 Tonnen CO₂ einzusparen. Im Gespräch erläutern Katrin Bartsch, Geschäftsführerin der Stadtwerke Weißwasser, Ronny Kirbach, Senior Manager bei Tilia und Harald Pritza, Projektmanager Wärmetransformation, welche Chancen, Herausforderungen und nächsten Schritte dieses ambitionierte Projekt prägen – und warum es als Modell für andere Kommunen taugen könnte.

Wie ist die aktuelle Wärmeversorgungssituation in Ihrem Einzugsgebiet?

Katrin Bartsch:Mit Bezug auf die Stadt Weißwasser werden aktuell circa 300 Hausanschlüsse mit Fernwärme versorgt. Deren Wärmebedarf liegt bei etwa 50 GWh pro Jahr, abhängig von der Witterung. Die Wärme dafür kommt fast ausschließlich aus dem Braunkohlekraftwerk Boxberg als Abwärme aus der Kraft-Wärme-Kopplung. Das erhöht die Gesamteffizienz des Kraftwerks noch mal, da ein großer Anteil Abwärme sowieso in der Stromerzeugung entsteht und mit der Fernwärme hier zumindest ein Teil sinnvoll genutzt werden kann. Daneben betreiben die Stadtwerke Weißwasser ein Heizwerk, welches aktuell auch modernisiert wird. Dort stehen Erdgaskessel, die bei Revision des Kraftwerks oder anderweitigen Ausfällen der Wärmelieferung einspringen können.

Wie hoch ist der Fernwärmeanteil?

Ronny Kirbach: Für die gesamte Stadt hat die Fernwärme einen wichtigen Anteil, insbesondere für eine dichtere Bebauung im Zentrum der Stadt. Insgesamt kann man heute mit einem Wärmebedarf von circa 125 Gigawattstunden für Wohn- und Nicht-Wohngebäude zum Heizen und für die Bereitung von Warmwasser in Weißwasser rechnen. Davon deckt die Fernwärme etwa 50 GWh ab, also 40 Prozent der gesamten städtischen Wärmeversorgung. Für Städte in dieser Größenordnung ist das ein sehr hoher Anteil.

Ronny Kirchbach: "Für die gesamte Stadt hat die Fernwärme einen wichtigen Anteil, insbesondere für eine dichtere Bebauung im Zentrum der Stadt."Bild: © Stadtwerke Weißwasser

Wie entstand die Idee, industrielle Abwärme aus der Glasproduktion für die städtische Fernwärme zu nutzen?

Bartsch:Die Idee ist nicht am Schreibtisch entstanden, sondern aus der Realität in Weißwasser. In der Industrie wird viel Energie eingesetzt – und ein Teil davon entweicht ungenutzt als Abwärme. Gleichzeitig steigt der Bedarf nach einer sicheren, bezahlbaren und klimafreundlichen Wärmeversorgung. An diesem Punkt haben wir uns gefragt: Können wir nicht beides zusammenbringen? Mit der Gesellschaft Stölzle Lausitz haben die Stadtwerke Weißwasser GmbH einen Partner gefunden, der genauso denkt. Aus dieser Überzeugung heraus ist die Initiative entstanden, industrielle Abwärme in ein Fernwärmenetz einzuspeisen und aufzuzeigen, wie aus einem Energieverbraucher ein Wärmelieferant wird. So wird aus etwas, das bisher einfach verpuffte, ein nachhaltiger Mehrwert für die Stadt. Für uns ist das ein Musterbeispiel dafür, wie Energiewende vor Ort gelingt: pragmatisch, ressourcenschonend und mit direktem Nutzen für die Menschen. Mit der Unterzeichnung einer gemeinsamen Absichtserklärung am 29. August am Standort der Stölzle Lausitz in Weißwasser besiegelten beide Unternehmen die Prüfung einer Zusammenarbeit bei der Nutzung industrieller Abwärme aus der Glasproduktion.
Stölzle ist als Marktführer und einer der wichtigsten Arbeitgeber das Herz unserer lokalen Wirtschaft.

"Die Idee ist nicht am Schreibtisch entstanden, sondern aus der Realität in Weißwasser." Katrin Bartsch

Welche technischen Herausforderungen müssen bei der Nutzung von Abwärme aus Glasöfen mit bis zu 1500 °C gemeistert werden?

Harald Pritza:Die Bewältigung der technischen Herausforderungen bei der Abwärmenutzung aus den Glasöfen mit Temperaturen bis zu 1500 °C erfordert innovative Lösungen. Mit der Vorwärmung der zur Verbrennung genutzten Luft werden die Abgase im ersten Schritt abgekühlt. Die dann zur Abwärmenutzung vorhandenen Temperaturen von 500 °C stellen immer noch immense Anforderungen an die verwendeten Materialien. Es bedarf hitzebeständiger Legierungen und Keramiken, die auch unter diesen Bedingungen die erwartete Lebensdauer erreichen.

Die effiziente Übertragung der hochtemperierten Abwärme auf ein Arbeitsmedium zur Weiterverarbeitung ist ein weiterer zentraler Punkt. Hierfür müssen Wärmetauscher entwickelt werden, die sowohl den hohen Temperaturen standhalten als auch einen hohen Wirkungsgrad aufweisen. Abwärme aus Glasöfen enthält Partikel und aggressive Gase. Vor der Nutzung muss die Abwärme gereinigt und aufbereitet werden, um Schäden an den Anlagen zu vermeiden und die Effizienz der Wärmeübertragung zu maximieren. Filtertechnologien und chemische Behandlungsverfahren sind hierbei von Bedeutung.

Zur Einspeisung in das Fernwärmenetz müssen kompatible Schnittstellen geschaffen werden, die steuerungstechnisch die Prozesse aufeinander abstimmen. Es dürfen keine Beeinflussungen der Produktion oder der Versorgungssicherheit entstehen.

Wie steht es um die Wirtschaftlichkeit des Vorhabens? 

Bartsch: Die genaue Wirtschaftlichkeit ist Gegenstand der Untersuchungen in den nächsten Wochen. Unser Ziel ist es, die zukünftigen Wärmepreise dadurch stabil zu halten. Da die genauen Investitionshöhen erst noch ermittelt werden müssen, können wir aktuell auch noch keine Aussagen zur Wirtschaftlichkeit machen.

Harald Pritza: "Die effiziente Übertragung der hochtemperierten Abwärme auf ein Arbeitsmedium zur Weiterverarbeitung ist ein weiterer zentraler Punkt".Bild: © Stadtwerke Weißwasser

Wie viel der städtischen Wärmeversorgung kann langfristig durch dieses Projekt gedeckt werden?

Pritza: Bis zu 30 Prozent der Fernwärmeversorgung könnten so aus einer Quelle gedeckt werden. So wird aus industrieller Abwärme ein Gewinn für die ganze Stadt. Die nutzbare Leistung liegt bei mehr als 3000 kW, genug für mehr als 1000 Haushalte.

Die Kooperation steht für Fortschritt, Verantwortung und regionale Verbundenheit. Beide Unternehmen zeigen, wie nachhaltige Energieversorgung und wirtschaftliche Stärke in Weißwasser Hand in Hand gehen können – für die Menschen vor Ort und den Schutz der Umwelt.
Im Optimalfall können mit der Abwärme über 7000 Tonnen CO₂ eingespart werden, die nicht in die Atmosphäre gelangen. Abhängig ist das von der tatsächlichen Betriebsweise und der Verfügbarkeit der Abwärme über das Jahr.

Welche Vorteile ergeben sich für die Umwelt und das Klima durch die Nutzung industrieller Abwärme im Vergleich zu klassischen Heizmethoden?

Kirbach:Nun, da ist offensichtlich die schon genannte Einsparung von Treibhausgasen, hier CO₂ mit über 7000 Tonnen pro Jahr. Dazu kommt, dass auch weniger Brennstoffe wie Kohle oder Erdgas verbrannt werden müssen. Diese Verbrennung verursacht neben CO₂ auch andere Emissionen, zum Beispiel Stickoxide, die dann ebenfalls nicht mehr anfallen.

Weil die Abwärme sowieso entsteht und aufwendig weggekühlt werden müsste oder einfach über den Schornstein entweicht, ist die Nutzung für andere Zwecke auch sehr energieeffizient. Denn aktuell haben wir auf der einen Seite diese Abwärme aus der Produktion, die einfach verpufft, müssen auf der anderen Seite aber teure Energieträger zum Heizen verbrennen. Können wir die Abwärme in die Fernwärme einbinden, haben wir quasi einen doppelten Nutzen aus der Verbrennung von Erdgas: sowohl für die Glasherstellung als auch zum Heizen – statt Erdgas oder andere Brennstoffe doppelt zu verbrennen. Billiger ist das in vielen Fällen natürlich auch.
 

"Ziel ist eine langfristige Partnerschaft zur Auskopplung, Übertragung und Einspeisung von Abwärme aus dem Produktionsprozess von Stölzle in das Wärmenetz der SWW."Harald Pritza

Wie sehen die nächsten Schritte aus?

Pritza: Ziel ist eine langfristige Partnerschaft zur Auskopplung, Übertragung und Einspeisung von Abwärme aus dem Produktionsprozess von Stölzle in das Wärmenetz der SWW. Gemäß dem unterzeichneten Letter of Intent haben wir uns einen Zeitrahmen von einem Jahr für die nächste Phase gesetzt. In diesen 12 Monaten führen wir eine detaillierte Potenzial- und Wirtschaftlichkeitsanalyse durch, entwickeln ein technisches Gesamtkonzept und prüfen Synergien sowie Fördermöglichkeiten. Auf Basis dieser Ergebnisse treffen wir dann eine "Go/No-Go"-Entscheidung für die Umsetzung und planen die konkreten Bau- und Installationsschritte.

Sehen Sie Skalierungsmöglichkeiten von "Heim(at)wärme" für die anderen Branchen oder Städte?

Pritza: Eine direkte Skalierung dieses spezifischen Projekts ist nicht ohne Weiteres möglich, da die Glasindustrie sehr spezielle Anforderungen hat. Der Grundgedanke, industrielle Abwärme zu nutzen, ist jedoch ein entscheidender Hebel für die Energiewende und prinzipiell hochinteressant für viele Branchen und Städte. Es ist ökologisch sinnvoll und oft wirtschaftlich attraktiv. Die Realisierbarkeit hängt aber stark von den individuellen Umständen vor Ort ab und muss immer separat geprüft werden. Dass der Ansatz Potenzial hat, zeigen ähnliche Überlegungen an anderen Standorten des Wärmewende-Konsortiums, wie etwa in Spremberg mit der Nutzung der Abwärme aus dem Industriepark Schwarze Pumpe oder in Hoyerswerda mit der thermischen Abfallbehandlungsanlage Lauta.

Das Interview führte Artjom Maksimenko

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