Bei den Wärmewende-Plänen der Nürnberger N-Ergie spielt Fernwärme eine zentrale Rolle. Ihr Anteil soll sich bis 2040 verdoppeln. Im zweiten Teil des Interviews mit der ZfK spricht N-Ergie-Vorstandschef Maik Render über die Milliardeninvestitionen und das Image der Fernwärme in der Öffentlichkeit.
Herr Render, wie ist der Stand bei der Wärmewende in Nürnberg?
Bei der Wärmewende unterscheiden wir zwei Hauptbereiche: Erstens die Dekarbonisierung der Erzeugung, also die Wärmeversorgung wird grün. Zweitens der Ausbau des Wärmenetzes. Beides treiben wir in Nürnberg stark voran. Derzeit decken wir knapp 25 Prozent der Wärmelast in Nürnberg mit Fernwärme – das wollen wir bis 2040 auf bis zu 50 Prozent steigern. Durch Nachverdichtung, Netzausbau und neue Anschlüsse.
Beim KWKG wissen wir, was wir brauchen – es wurde jetzt zwar provisorisch bis 2028 verlängert, aber wir brauchen langfristige Planungssicherheit und damit eine Novelle, die bis Mitte der 2030er Jahre reicht. Und beim BEW-Förderprogramm müssen wir, neben der gesetzlichen Verankerung der Mittelzuweisung auf 3,5 Milliarden Euro pro Jahr, auch über den aktuellen Förderdeckel pro Unternehmen reden: Maximal 100 Millionen Euro – egal ob Großstadt oder Kleinstadt – das ist einfach realitätsfern. Beim Wärmenetzausbau ist es essenziell, dass wir nicht dieselben regulatorischen Hürden bekommen wie im Strombereich.
Warum nicht?
Im Gegensatz zu Strom oder Gas beschwert sich heute kaum ein Kunde über die Fernwärme. Wir sind im bayerischen Vergleich beim Preis im untersten Drittel. Und wenn jetzt eine neue Regulierung käme, die diese funktionierende Struktur kaputtmacht – das wäre fatal. Ich selbst habe eine Immobilie, da ist die Fernwärme-Übergabestation 54 Jahre alt – läuft problemlos. Welche Gasheizung oder Wärmepumpe hält so lange?
In Nürnberg haben wir langfristig zufriedene Kunden. Aber trotzdem ist das Thema medial meist negativ besetzt. Warum? Weil Verbraucherschützer sehr laut kommunizieren. Und ja, es gibt auch schwarze Schafe in der Branche. Die sind jedoch meistens nicht kommunal, prägen aber das Bild in der Öffentlichkeit.
Warum verbinden viele Kunden trotzdem Fernwärme mit hohen Preisen und Monopolzuständen?
Viele Kunden empfinden Fernwärme als eine Entscheidung, die sie langfristig bindet. Beim Strom glauben wir an Wahlfreiheit – obwohl 80 Prozent der Kosten gleich bleiben, egal von welchem Anbieter man Strom abgerechnet bekommt. Dieses Gefühl von Unabhängigkeit fehlt bei der Fernwärme.
Wir überlegen daher, künftig kürzere Vertragslaufzeiten anzubieten – zum Beispiel drei Jahre. Danach kann man wechseln, wenn man will. Auf Basis unserer Umfragen zur Kundenzufriedenheit glauben wir, dass die Kunden trotzdem bei uns bleiben. Im Bestand – vor allem im Mehrfamilienhaus – ist die Wärmepumpe oft keine wirtschaftliche Alternative. Deshalb trauen wir uns zu, das marktwirtschaftliche Risiko zu tragen. Wie bei einer Tankstelle – da haben Sie ja auch keine Abnahmegarantie für 20 Jahre. Wir glauben an unser Produkt, an die Fairness, an die Rückmeldung der Kunden. Und: Niemand kündigt bisher, obwohl sie es könnten.
Trotzdem herrschen im Fernwärmenetz monopolähnliche Zustände. Dieser Zustand könnte zu Preiserhöhungen verleiten.
Ich sehe das nicht so. Wir sind Teil der Stadtgesellschaft. Wir nutzen dieselbe Wärme, leben Tür an Tür mit unseren Kunden. Da kann man niemanden über den Tisch ziehen. Das funktioniert vielleicht bei ortsveränderlichen Unternehmen – bei uns nicht. Dänemark ist beispielsweise zu 65 Prozent am Wärmenetz – das ist volkswirtschaftlich sinnvoll. Nicht jeder macht sein eigenes Ding. Die Preise liegen dort auf ähnlichem, teilweise höherem Niveau als bei uns und alle sind zufrieden. Und in hochverdichteten Gebieten geht es gar nicht anders. Nehmen Sie denkmalgeschützte Fassaden oder Altbauten mit acht bis zwölf Parteien – wie soll dort wirtschaftlich und technisch eine Wärmepumpe funktionieren?
"Bevor neue Gaskraftwerke ohne Wärmenutzung gebaut werden, sollten wir auf die KWK-Technologie setzen. "
Reden wir über den Inhalt der Fernwärmeleitungen. Was tun Sie konkret für die Dekarbonisierung der Wärme?
Wir wollen die Abwärme aus dem Klärwerk über eine Großwärmepumpe nutzen. Wir prüfen Flusswärmepumpen an Pegnitz und Rednitz. Zudem planen wir ein Altholzkraftwerk – mit Holz, das nicht mehr anderweitig verwertbar ist.Auch unvermeidbare Abwärme aus der städtischen Müllverbrennung nutzen wir bereits und alles hocheffizient in KWK. Und dann kommt langfristig Geothermie – aber das wird dauern.
Deshalb ist es wichtig,KWK zu stärken. Bevor neue Gaskraftwerke ohne Wärmenutzung gebaut werden, sollten wir auf diese Technologie setzen. Gerade, wenn im Winter kein Wind weht, brauchen wir die KWK, denn dann fallen höchster Wärmebedarf und Strombedarf zusammen. Wir brauchen also keine 20-GW-Kraftwerkskapazitätmit mit einem Wirkungsgrad von maximal 60 Prozent, sondern besser wären viele dezentrale KWK-Kraftwerke mit einem Wirkungsgrad von über 90 Prozent. Das ist flexibler, dezentraler und wirtschaftlicher für alle.
Was bedeutet die KWKG-Verlängerung für Ihre neuen Projekte?
Unser geplantes Altholzkraftwerk kostet über 100 Millionen Euro – ohne KWKG-Förderung wäre das so nicht umsetzbar. Genauso planen wir zwei neue BHKW in einem neuen Stadtteil – die wären ohne Förderung nicht wirtschaftlich. Aktuell bekommen wir bis zu maximal 30.000 Stunden Förderung à 3,1 Cent je produzierter Kilowattstunde Strom und das bei maximal 3000 Stunden pro Jahr. Ich schlage vor: 15.000 Stunden und maximal 1500 pro Jahr – dafür mit 6,2 Cent gefördert. Dann fahren wir die Anlagen preisgetrieben nur, wenn Erneuerbare nicht liefern. Die Systemkosten bleiben gleich, die Förderung würde nicht steigen – aber das System wäre effizienter und der Vorwurf, dass KWK-Anlagen so genannte "Must-run"-Anlagen wären, wäre damit auch vom Tisch.
"Ein Elektrolyseur, der keine Abwärme nutzt, ist ineffizient – wie ein Kraftwerk mit Kühlwasser anstatt eines Kraftwerks in KWK mit Fernwärme."
Wir sehen weiterhin viele Negativpreise an der Börse. Bedeutet das, dass der Speicher-Boom aus Ihrer Sicht noch weitergehen wird?
Ja, absolut. Speicher lohnen sich besonders bei großen Preisunterschieden, sie leben vom Spread. Sie agieren sehr dynamisch und versuchen, nicht nur zwischen einem und 200 Euro zu handeln, sondern auch bei kleineren Spreads mit Drei- oder Vier-Euro-Margen zu profitieren. Das macht sie gerade sehr interessant.
Technisch halte ich Elektrolyseure in Kombination mit Wärmenutzung für sinnvoll. Denn wir haben kein Stromwende-Problem mehr, sondern ein Wärmewende-Problem. Ein Elektrolyseur, der keine Abwärme nutzt, ist ineffizient – wie ein Kraftwerk mit Kühlwasser anstatt eines Kraftwerks in KWK mit Fernwärme.
Wir haben uns intensiv mit einem möglichen H2-Projekt beschäftigt, bei dem die Abwärme in die Fernwärme eingespeist wird. Leider ist die Wasserstoffproduktion aus heutiger Sicht wirtschaftlich nicht darstellbar – Gas und CO₂ sind zu billig. Außerdem ist die Regulierung unsinnig: Nur zu 100 Prozent grüner Strom darf genutzt werden. Das macht es fast unmöglich.Wenn man bei Wasserstoff so strikt bleibt, wie man es bei Elektroautos nicht war – wo auch der deutsche Strommix reicht – wird es keine Skalierung geben. Man müsste Graustrom zumindest in der Anfangsphase zulassen oder die Förderung deutlich erhöhen.
Also ein Thema, das Sie beschäftigt, aber aktuell wirtschaftlich keine klare Perspektive bietet?
Genau. Deswegen passiert in Deutschland auch zu wenig. Wir glauben an Moleküle als Speicherform – denn wie sonst soll man Strom langfristig speichern? Aber dafür braucht es auch die entsprechende Infrastruktur und eine andere Förderstrategie. Ich halte es für falsch, Millionenförderungen für viele Mini-Projekte zu geben, die nur Show und keine Energiewende sind. Man bräuchte stattdessen große, zentral gelegene Elektrolyseure, idealerweise gekoppelt an Netze und Wärmesenken – eigentlich dem klassischen KWK-Modell folgend.
Lassen Sie uns zum Schluss über Vertrieb reden. Zählt das Geschäftsfeld noch zu Ihren wirtschaftlich lukrativsten Zweigen?
Ja, der Vertrieb ist aktuell ein großes Thema. Aber auch Kraftwerke waren im letzten Jahr sehr interessant – insbesondere durch die hohen Spreads der Vorjahre Da gibt es also mehrere Gewinner: Beschaffung, Vertrieb und eben Kraftwerke. Wir haben nicht nur dieses Jahr bereits eine neue Abrechnungsplattform in Betrieb genommen, sondern verstärken uns auch in der IT extrem und setzen den Fokus voll auf die Digitalisierung des Vertriebs.
Ihr Vertriebsfokus liegt auf Großkunden. Warum?
Das ist Teil unserer DNA. Wir sind mittlerweile der viertgrößte Vertrieb in Deutschland – laut Ihrer Veröffentlichung, glaube ich. Über viele Jahre war Stromvertrieb "nur" die Abrechnung der Kilowattstunde. Aber heute wollen Industrieunternehmen Beratung. Sie steuern ihre eigenen Anlagen zunehmend nach Strompreisen. Dazu kommt die Integration eigener PV- oder Windkraftanlagen. Unsere Kunden wollen heute tägliche Abstimmung, Fahrplanoptimierung, Eigenverbrauchsmanagement – und das liefern wir.
Wir sind stolz, dass 97 Prozent unserer Großkunden aus 2024 uns auch für 2025 beauftragt haben. Das zeigt, dass die Beratung und das Gesamtpaket entscheidend sind – nicht nur der reine Energiepreis. Aus unserer Sicht ist die Beratung der entscheidende Mehrwert – auch im Wettbewerb.
"Dank unserer Erfahrung mit Großkunden sind wir gut vorbereitet für den Rollout der Smart Meter bei Privatkunden."
Könnte das auch ein Modell für andere Stadtwerke sein – sich über Kompetenz und Beratung von den Energiediscountern abzuheben?
Im lokalen Bereich vielleicht. Aber deutschlandweit ist das sehr anspruchsvoll. Man braucht exzellente Prognosetools, tägliche Handelsfähigkeit, IT-Infrastruktur – das muss man über Jahre aufbauen. Wir investieren beispielsweise seit Jahren massiv in die Digitalisierung.Wir haben, wie eben erwähnt, früh begonnen, SAP S/4HANA auf der Lieferantenseite einzuführen. Jetzt bauen wir darauf sämtliche Prozesse wie Energiedatenmanagement und Beschaffung digital auf.
Dank unserer Erfahrung mit Großkunden sind wir gut vorbereitet für den Rollout der Smart Meter bei Privatkunden. Da reden wir über einen Anstieg von einer Million auf über 14 Milliarden Datenpunkte jährlich zur Abrechnung – nur bei uns.
Schätzen Privatkunden diese Kompetenz überhaupt? Oder agieren sie ausschließlich preisorientiert?
Die meisten Privatkunden haben Stromrechnungen von 60 bis 80 Euro im Monat. Da lohnt es sich nicht, mit Energiemanagementsystemen drei bis zehn Euro einzusparen. Die Masse nutzt das nicht aktiv. Aber die Gesetze schreiben vor, dass auch diese Kunden, wenn Sie denn eine PV-Anlage, eine Wallbox, eine Wärmepumpe oder einen Speicher besitzen, einen Smart Meter bekommen. Und dann werden es halt viele Daten.
Wie machen sich die Beschaffungspreise aus der Krisenzeit bemerkbar?
In der Beschaffung haben wir sehr früh agiert. Wir haben Strom nur zu Hochpreiszeiten beschafft, wenn uns Großkunden gezielt beauftragt haben. Für Privatkunden haben wir keine hohen Preise fixiert – das wäre Wahnsinn gewesen. Dort haben wir sofort die Beschaffungsstrategie, die viele Jahre funktioniert hat, ausgesetzt und umgesteuert. Wer in der Krise teuer eingekauft hat, ist auch heute noch nicht wettbewerbsfähig.
Das Interview führten Hans-Peter Hören und Artjom Maksimenko
Lesen Sie im ersten Teil des Interviews, was Maik Renders über die Bedeutung der flexiblen Stromnetze sagt.



