Maik Render ist Sprecher des Vorstands des Nürnberger Kommunalversorgers N-Ergie und verantwortet dort den Bereich Markt und Technik.

Maik Render ist Sprecher des Vorstands des Nürnberger Kommunalversorgers N-Ergie und verantwortet dort den Bereich Markt und Technik.

Bild: © Torsten Hönig

Die Stromnetze bilden bekanntlich das Rückgrat der Energiewende. Auch in Nürnberg sind Infrastrukturprojekte der Schwerpunkt der Investitionen. Im ersten Teil des Interviews mit der ZfK erläutert Maik Render, Vorstandssprecher der N-Ergie, warum Verteilnetzbetrieb nicht per se lukrativ sein muss und warum internationale Investoren nicht immer primär im Sinne der Versorgungssicherheit agieren. 


Herr Render, wie viel vom Infrastrukturpaket der Bundesregierung kommt eigentlich bei Ihnen in Nürnberg an?

Wirklich konkret ist noch nichts. Es gibt Bereiche wie das BEW oder das KWKG, wo man noch nacharbeiten muss – da ist bislang wenig passiert. Was genau bei uns ankommen soll, ist im Moment völlig offen. Beim Stromnetzausbau sehen wir aktuell sogar eher den gegenteiligen Trend: Kürzungen statt Förderung. Wir betonen es ja auch immer wieder: Es ist völlig unverständlich, jetzt den dringend nötigen Netzausbau durch Kürzungen auszubremsen. Das ist geradezu irre.

Ist das Stromnetz auch Ihr Investitionsschwerpunkt?

Absolut. Denn wir sind nicht nur ein klassisches Stadtwerk, sondern durch die Fusion vor 25 Jahren vor allem in der Fläche aktiv – also Stadt und Region. Das bedeutet: auf beiden Seiten enorme Investitionen, bei uns aktuell vor allem im Stromnetz. Unser Investitionsbudget hat sich vervierfacht – 60 Prozent der Summe fließen ins Stromnetz. Es ist ganz klar: Stromnetz, Stromnetz, Stromnetz.

Es ist ein teures Unterfangen. Kommen Sie mit fünf Prozent an Eigenkapitalverzinsung aus?

Fünf Prozent Eigenkapitalverzinsung klingt gut – aber nur, wenn man überhaupt Eigenkapital hat. Aber ein kommunaler Regionalversorger hat in der Regel nicht unbegrenzt Eigenkapital. Wir haben in den vergangenen Jahrzehnten auch den ÖPNV über den steuerlichen Querverbund gestützt – das war notwendig, aber es begrenzt natürlich unsere Mittel. Wenn ich also 5 Prozent aufs eingesetzte Kapital bekomme, aber vier Prozent Zinsen auf Fremdkapital zahle, bleibt unterm Strich kaum etwas übrig. Dann schlagen die Verschuldungsgrenzen der Banken zu – und irgendwann kann man nicht mehr investieren.

Welche Folgen hätte das für den Netzausbau?

Wenn man das zu Ende denkt, gibt es nur eine Konsequenz: Privatisierung. Und das wäre aus meiner Sicht die schlechteste aller Lösungen. Denn dann kommen Investoren mit Geld, aber vielleicht nicht mit dem Fokus auf Versorgungssicherheit – und sicher nicht mit einer kommunalen Haltung. Schauen Sie nach England: Da hat die Privatisierung in vielen Bereichen der Infrastruktur mehr Probleme als Lösungen gebracht.

Was spricht denn gegen ein Modell mit institutionellen Investoren wie Pensionsfonds oder Versicherungen wie bei Übertragungsnetzbetreibern?

Solche Überlegungen gibt es, ja. Aber warum sollte eine Versicherung, die international bis zu neun Prozent bekommt, bei uns mit weniger zufrieden sein? Ich erinnere mich an ein Symposium bei der KfW, da hat der Vorstandsvorsitzende der Allianz ganz klar gesagt: "Mich interessieren keine drei Prozent". Wenn er international neun oder zehn Prozent bekommen kann, warum sollte er in das deutsche Stromnetz investieren?

"Drei Prozent Rendite werden uns nicht retten – der Kapitalbedarf ist zu groß."

Natürlich gibt es Einzelfälle, etwa mit Pensionsfonds, die geringe Rendite akzeptieren. Aber ganz ehrlich: Ob ich 3,5 oder vier Prozent für das benötigte Kapital zahle – das ändert nichts an unserem strukturellen Problem. Unser Kapitalbedarf in den kommenden zehn Jahren, von 2025 bis 2035, ist so hoch – das lässt sich damit nicht decken. Andere Länder bieten Investoren deutlich attraktivere Bedingungen.

Auch in Deutschland fahren Netzbetreiber nach Rekordinvestitionen auch Rekordgewinne ein. Warum nicht auch die N-Ergie?

Grundsätzlich ist es möglich – wenn der Verschuldungsgrad das mitmacht. Aber genau hier liegt das Problem: Selbst der größte Verteilnetzbetreiber in Deutschland hat betont, dass mit der aktuellen Eigenkapitalverzinsung Investitionen in Deutschland schwierig werden. Wenn keine Rendite erzielt werden kann, investieren Unternehmen eben woanders.

"Auch große Konzerne stoßen an die Grenzen – das ist ein systemisches Problem."

Mit welchem Zinssatz wäre ein wirtschaftlicher Netzbetrieb langfristig möglich?

Ich habe das selbst bei der Bundesnetzagentur vorgetragen: Wenn man heute 3,5 bis vier Prozent für Fremdkapital zahlt, sind fünf Prozent Eigenkapitalverzinsung nicht genug. Das stammt noch aus der Nullzinsphase. Realistisch und notwendig wären etwa 7,5 Prozent, um langfristig wirtschaftlich arbeiten zu können – ohne sich zu verschulden oder verkaufen zu müssen. Wenn das nicht geschieht, ist der nächste logische Schritt: Kommunen verkaufen ihre Netze. Und das wäre aus meiner Sicht für die Versorgungssicherheit und die kommunale Daseinsvorsorge eine Katastrophe.

Warum?

Das ist aus meiner Sicht einfach: Internationale Investoren handeln nicht im Sinne der Versorgungssicherheit, zumindest nicht primär.Wir haben Szenarien durchgerechnet und prüfen alle anstehenden Investitionsprojekte intensiv. Das Ziel ist aber natürlich, dass wir trotzdem alles schaffen. Deshalb will ich das ein wenig differenzieren. Es gibt ja zwei unterschiedliche Arten von Investitionen: zum einen in weniger regulierte Bereiche wie Wärmenetze oder Telekommunikation. Und dann die hochregulierten Bereiche wie das Strom- und Gasnetz – das ist der entscheidende Punkt.

In hochregulierten Bereichen funktioniert das aktuelle System nicht. Und für uns ist das besonders relevant, weil wir als kommunaler Versorger sowohl ein großes Flächenstromnetz als auch ein Stadtnetz betreiben. Wir schließen extrem viele EEG-Anlagen an. Unter dem Strich sind Strom- und Gasnetz extrem reguliert – und stehen unter hohem Investitionsdruck, schon allein, um die Klimaziele bis 2045 zu erreichen.

Diese EEG-Anlagen beteiligen sich aber nicht an diesen Ausbaukosten. Die zahlen die Verbraucherinnen und Verbraucher, nicht die Windpark- oder PV-Betreiber. Deshalb fand ich den Vorschlag von Klaus Müller von der Bundesnetzagentur sehr richtig, der quasi sagte: "So geht das nicht – das muss sich im Strompreis widerspiegeln."

Sie wollen also auch Einspeiser zur Kasse bitten?

Es kann nicht sein, dass irgendwo Wind- oder Solarparks gebaut werden, wo der Strom nicht gebraucht wird – und wir bauen dann für teures Geld die Netze dorthin. Und am Ende zahlt das Lieschen Müller. Der Betreiber verdient – und nur der Verbraucher, der noch Strom aus dem Netz zieht, zahlt. Das ist ein Strukturproblem.

Wie wirkt sich der Investitionsdruck auf die finanzielle Lage Ihres Unternehmens aus?

Wir können uns nicht aussuchen, ob wir investieren. Wir müssen und wir wollen die Erneuerbaren anschließen. Das bedeutet aber auch: weniger Geld für andere Aufgaben. Wir tun das grundsätzlich gern – wir glauben an Stromnetze – aber: Die Differenz zwischen dem, was wir an Kapitalrendite bekommen und dem, was wir brauchen, ist enorm. Zum Glück haben wir Anteilseigner, die uns unterstützt haben – in den letzten Jahren konnten wir durch vertriebliche Erfolge und andere Einmaleffekte thesaurieren. Trotzdem: Die Herausforderung bleibt, gerade bei der Finanzierung.

Wie viel investieren Sie im Jahr?

Dieses Jahr liegen wir bei rund 350 Millionen Euro, davon rund 200 Millionen allein im Stromnetz. Das ist eine enorme Summe, unabhängig vom operativen Ergebnis – da geht es um Abschreibungen und langfristige Infrastruktur.

Sie kritisieren Anschlüsse von PV- und Windanlagen "in der Prärie", die als Symbol für Planungschaos stehen. Also müsste Ihnen das "AgNes"-Papier der Bundesnetzagentur doch imponieren?

Grundsätzlich ja. Der Anfang des Vorschlags ist sinnvoll. Aber: Die Idee, Netzbetreiber stärker zu knebeln, ist der falsche Weg. Dass bis in die 1980er-Jahre die Netze überdimensioniert ausgebaut wurden, war bisher unser Glück. Heute haben die EE-Anlagen diesen Puffer von damals komplett ausgefüllt.

Wie bewerten Sie die derzeitige Netzanschlusssituation für Erneuerbare?

Wir sind froh über die flexible Netzanschlussregelung seit Februar. Das Problem liegt bei uns jedoch bei den Kleinanlagen unter 30 kW beziehungsweise 7kW: Die übersteigen schon jetzt doppelt unsere Mindestlast – und sind nicht steuerbar. Damit ich nicht falsch verstanden werde: Jeder, der eine PV-Anlage auf seinem Dach installiert, leistet langfristig einen wertvollen Beitrag. Aber rein technisch gesehen koppeln sich diese Haushalte mit PV und Batterie vom Netz ab und optimieren sich derzeit im Wesentlichen gegen die Netzentgelte. Das führt zu einer Kostenumverteilung: Bewohner von Mehrfamilienhäusern zahlen, was sich Eigenheimbesitzer mit Dachanlagen sparen. Rund 50 Prozent hierzulande wohnen im Einfamilienhaus, 50 Prozent nicht. Das wird mittelfristig sozial zum Problemund muss gelöst werden. Wir wissen aber, dass das Thema bei der BNetzA bekannt ist und dass an Lösungen gearbeitet wird.

Könnten kostenpflichtige Netzanschlussanträge helfen, den "Wildwuchs" zu begrenzen?

Unser Problem beim Ausbau der Netze ist nicht der Antrag an sich – sondern die Ressourcen, unter anderem die Hardware. Wir haben gerade wieder zwölf Trafos bestellt, von denen aktuell nur sieben wirklich örtlich verplant sind. Aber wir bestellen eben heute gleich zwölf für 2030, weil sie vorher nicht lieferbar wären – und wir darauf setzen, dass wir die fünf weiteren auch benötigen werden. Seit drei Jahren bestellen wir bereits Trafos über unseren Bedarf des jeweiligen Jahres hinaus und sehen jedes Jahr: Wir hätten noch mehr bestellen können. Das eigentliche Bottleneck beim Netzaubau sind Lieferzeiten, Planungsressourcen und Personal – nicht die Antragsflut.

Warum hat sich der Markt nicht auf diese Engpässe eingestellt?

Trafohersteller gibt es kaum noch in Europa. China produziert für sich selbst, der Transport ist teuer. Selbst wenn wir neue Werke wollen – die Fachkräfte, die solche Trafos bauen, fehlen. PV war ein Massenmarkt, ist brutal schnell gewachsen – bei uns im Netzgebiet wurden allein 2023 rund 450 MW zugebaut. Das entspricht nahezu unserer Mindestlast an einem Pfingstmontag. Aber Trafos halten 40 oder 50 Jahre – sprich umgerechnet: Was wir in den vergangenen 40 Jahren im Netz gebaut haben, machen wir aktuell noch mal, aber in nur drei Jahren.

Wie verändert das den Netzbetrieb?

Die Höchstlast in unserem Netzgebiet liegt bei etwas über 1000 MW. In drei Jahren haben wir Erzeugungskapazität im Umfang von 140 Prozent dieser Höchstlast zugebaut. Das Netz ist da nicht mehr das Nadelöhr – es ist schlicht überrollt worden.

Sie fordern neue Speicherregelungen. Warum?

Heimspeicher sind oft so programmiert, dass sie bis mittags sofort alles einspeisen. Das ist logisch für den Einzelnen, aber schädlich fürs Netz. Diese Speicher optimieren nicht netzdienlich. Bei Großspeichern ist es ähnlich. Wir brauchen also dringend eine Regelung, die den Nutzen für das Netz stärker berücksichtigt als nur die Eigenoptimierung.

Das Interview führten Hans-Peter Hören und Artjom Maksimenko

Lesen Sie im zweiten Teil des Interviews, wie Maik Render die Wärmewende vollziehen will und der Kritik an der langfristigen Bindung bei Fernwärmetarifen begegnet.

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