Mit nur zwei Photovoltaik(PV)-Steckdosenmodulen am Balkon oder aufgeständert auf dem Flachdach würde jeder Haushalt ohne Subvention bereits nach sechs bis acht Jahren fast 15 Prozent Kapitalrendite erzielen. Ihr Quasi-Grundlaststrom könnte bei flächendeckender Verbreitung alle deutschen Kernkraftwerke ersetzen und noch einen Beitrag zum Kohleausstieg leisten. Diese Rechnung machte Wolfgang Müller am Donnerstag bei einer PV-Fachtagung des bayerischen Netzwerks Carmen in Starnberg auf. Er ist Chef des Solar-Info-Zentrums (SIZ) in Neustadt an der Weinstraße.
Die Rechnung geht so: Plug-and-Play-Module decken tagsüber die durchschnittliche Grundlast von Privatwohnungen von 170 Watt, also den Strombedarf für Kühlschrank, Tiefkühltruhe und Standby-Geräte, sie speisen aber "fast nie", so der Diplom-Ingenieur, ins Verteilnetz ein. Multipliziert mit 80 Mio. Deutschen, ergäbe das eine elektrische Leistung von 13,6 GW. Zum Vergleich: Die sieben noch aktiven Atomkraftwerks-Standorte in Deutschland haben zusammen in diesem Jahr eine installierte Leistung von 9,52 GW, so eine Zusammenstellung des Fraunhofer Instituts für Solare Energiesysteme (ISE). Blieben noch 4,26 GW, um Kohleblöcke zu ersetzen. Grundlastorientierte Braunkohlekraftwerke leisten in Deutschland laut ISE noch 21,2 GW. Die Steinkohle kommt auf 25,05 GW.
Der ZfK-Gegencheck
Doch die Rechnung ist sportlich: Zunächst hat Deutschland zwar 82,5 Mio. Einwohner. Aber da sind vom Neugeborenen bis zum Greisen alle mitgezählt. Ein Baby wird nie sein eigenes Balkonmodul haben, sondern höchstens die ganze Familie, der es angehört. Also muss der potenzielle Grundlastbeitrag der Plug-and-Play-Lösungen mit der Zahl der Haushalte multipliziert werden: 40,9 Mio., so das Umweltbundesamt für 2016. Das Ergebnis lautet nun nur noch 6,95 GW, etwa die Hälfte. Dies würde bei Weitem nicht zum Ersatz des deutschen Atomstroms reichen.
Abzuziehen wären davon noch:
- die Haushalte, die weder geeignete Balkon- noch Wand- noch Flachdachfläche haben oder ihren Platz genau dafür bereits verbraucht haben,
- jene Haushalte, die keine Genehmigung vom Vermieter oder von der Wohnungseigentümergemeinschaft (WEG) bekommen oder aus bau- oder denkmalschutzrechtlichen Gründen keine Plug-and-Play-PV installieren dürfen, und
- alle Haushalte, die sich keine Balkon-PV leisten können oder wollen, selbst wenn sie sich diese Investition in sechs bis acht Jahren durch niedrigere Stromrechnungen zurückerspart hätten.
Zu addieren wären Haushalte, die ständig mehr Stromleistung brauchen als die durchschnittlichen 170 Watt, etwa wegen einer Wärmepumpe, und gleichzeitig entsprechend mehr Module installieren würden.
Strom vom Balkon für zehn Cent
Unterm Strich ist die Vision einer subventionsfreien PV-Grundlast von mehreren GW dennoch sowohl volkswirtschaftlich wie auch stromwirtschaftlich wie auch für das einzelne Haushaltsbudget interessant. Der Strom aus zwei Balkonmodulen koste einen Haushalt zehn Cent pro kWh (brutto wie netto), so Wolfgang Müller, wenn man Anschaffungskosten von 1000 Euro auf 20 Jahre Lebensdauer umlege. (Das SIZ etwa gibt zehn Jahre Garantie auf seine Systeme und 25 Jahre Garantie auf mindestens 80 Prozent ihrer elektrischen Leistung.) In zwei Jahrzehnten erzeugen die beiden Module 10.000 kWh. Dieser Billigstrom für den Eigenverbrauch verdrängt Elektrizität aus der allgemeinen Versorgung, deren Preis Müller in der Rechnung mit gut 29 Cent pro kWh ansetzte. Die Stromrechnung sinkt so um 146 Euro pro Jahr. Nach sechs bis acht Jahren habe sich demnach ein in Richtung Süden installiertes PV-Paar amortisiert. Danach spiele es (nicht abgezinst) jährlich fast 15 Prozent Kapitalrendite ein.
"Balkon-PV ist aus der Guerilla draußen"
Die SIZ GmbH ist einer der kommerziellen Anbieter von Plug-and-play-PV. Ihr Geschäftsführer Wolfgang Müller berät Anwender gegen Anschlussbedenken mancher Verteilnetzbetreiber (VNB). Müller arbeitet in mehreren Arbeitskreisen des Normierers VDE mit und hat unter anderem die VDE-Norm 0100-551 "Einspeisung in Endstromkreise durch z. B. steckerfertige Photovoltaik" durchgesetzt. Aus Müllers Sicht ist die Balkon-PV nach einem "fünfjährigen Kampf" mit einigen VNB durch die neuen elektrotechnischen Normen und ein vereinfachtes Anmeldeverfahren "raus aus der Guerilla". (geo)



