Herr Merk, der Markt für Großbatteriespeicher hat in den letzten zwei Jahren deutlich angezogen, warum gerade jetzt?
Für uns kommt die Entwicklung nicht überraschend. Deutschland hat massiv erneuerbare Energien zugebaut. Mit jedem Monat wird die Diskrepanz zwischen dezentralen Erzeugern und planbaren, konventionellen Erzeugern größer. Der Bedarf an Speichern steigt daher exponentiell. Als wir angefangen haben, war es noch schwierig, Großbatteriespeicher wirtschaftlich zu bauen. Inzwischen sind die Kosten für Speicher jedoch deutlich gesunken. Zudem laufen wir in zahlreiche negative Strompreise und Preisspitzen hinein. Dadurch sind die Geschäftsmodelle deutlich klarer und für eine größere Gruppe von Menschen sichtbarer geworden.
Geht es hier vor allem um die ganz großen Speicherprojekte?
200 MW-Speicher in der Hochspannungsebene sind nicht das Allheilmittel. Jeder Speicher trägt dazu bei, Netzüberlastungen abzumildern. Das deutsche Stromnetz ist in sieben Ebenen gestaffelt. Um einen Vergleich mit dem Straßennetz anzustellen: Gerade kommt es an allen Kreuzungen zu massiven Staus. Wir platzieren unsere Projekte auf der Hochspannungsebene sowie größere Projekte auch auf der Mittelspannungsebene. Die Engpässe müssen aber auch auf den unteren Ebenen behoben werden. Das geht mit Co-Location-Speichern an PV-Parks. Dazu tragen aber auch Heimspeicher und kleinere Speicher bei. Jeder Speicher ist ein guter Speicher. Die Energiewende ist dezentral und sie passiert daher in den Kommunen.
Was können Kommunen konkret tun?
Kommunale Netzbetreiber können zum Beispiel auf jemanden wie Kyon oder einen anderen erfahrenen Entwickler zukommen und ein Speicherprojekt prüfen lassen. Stadtwerke können auch als Finanzierungspartner einsteigen. Die Frage ist immer: Will ich so ein Projekt allein umsetzen? Wenn ich einen kleinen Speicher selbst baue und betreibe, kommen oftmals riesige Kosten auf mich zu. Das sind Einzelkosten, etwa für eine Leitwarte und das dazugehörige Team. Auch im Einkauf von Speichern erhalte ich bessere Konditionen, wenn ich größere Mengen nachfrage. Auf der anderen Seite haben Stadtwerke einen Namen vor Ort und es lassen sich Synergien heben. Co-Investition und Co-Entwicklung sind gute Möglichkeiten.
Eine Investition in BESS ist anders als in EEG-geförderte Wind- und Solaranlagen. Worauf sollten Unternehmen achten?
Bei allen Projekten, die wir bauen, bekommen wir keinerlei Förderung. Das zeigt, dass der Markt funktioniert. Banken haben allerdings ein ziemliches Problem damit, Speicher zu finanzieren. Es gibt keine Sicherheiten, dass Erlöse so eintreten, wie wir das prognostizieren.
Wir finanzieren die Anlagen, die wir bei Kyon selbst bauen, erst einmal mit hundert Prozent Eigenkapital. Wenn die Anlagen dann laufen, gehen wir in die Nachfinanzierung. Für ein lokales Unternehmen kann es herausfordernd sein, so viel Eigenkapital zur Verfügung zu stellen. Auch hier kann ein Co-Investment deshalb Sinn machen.
Batteriespeicher sind zudem eine anspruchsvolle Technologie. Gegenüber PV-Anlagen befinden sich Speicher in einem deutlich früheren technischen Stadium. Deshalb ist der Bedarf an technischem Know-how höher. Darüber hinaus bringen BESS auch in der Planung und im Betrieb spezielle Herausforderungen mit sich. So braucht es etwa ausgefeilte Brandschutz- und Schallschutz-Konzepte.
Wichtige Entscheidungen vor einem Speicherinvestment sind der Standort und die Größe der Anlage: Was sind aus Ihrer Sicht gute Ansätze?
Die meisten Speicher, die jetzt gebaut werden, sind Zwei-Stunden-Speicher. Jeder Energiemarkt ist unterschiedlich. Wenn wir uns in Deutschland die Produktionskurven von PV-Anlagen ansehen, wird es perspektivisch wohl um bis zu vier Stunden gehen. So lange dauert der Mittags-Peak in Deutschland in etwa. Mit anderen Technologien als Lithium-Ionen-Speichern könnten auch längere Speicherdauern Sinn machen, aber diese Entwicklung liegt noch einige Jahre in der Zukunft.
Was den Standort angeht: Die Leistung richtet sich nach dem Netzanschluss. Wir haben uns das gesamte deutsche Stromsystem angeschaut, um zu sehen, wo Speicher sinnvoll eingesetzt werden können. Wo sind wichtige Knotenpunkte, wo braucht es Überlastung? Das sind die entscheidenden Fragen.
"Wir bauen Speicher, um das Netz zu entlasten und nicht weiter zu verstopfen." ‒ Philipp Merk, Mitgründer und Geschäftsführer von Kyon Energy
Zwischen Netzbetreibern und Speicherbetreibern kommt es auch zu Interessensgegensätzen. Was sind Lösungsvorschläge?
Wir bauen Speicher, um das Netz zu entlasten und nicht weiter zu verstopfen. Es gibt noch einige regulatorische Hürden, die verhindern, dass wir das volle Potenzial der Speicher nutzen können, beziehungsweise, wo die Anreize hierfür fehlen. Wir arbeiten dazu individuelle Konzepte mit den jeweiligen Netzbetreibern aus. Auch auf der politischen Ebene setzen wir uns für Veränderungen ein. So haben wir etwa eine neue Netzanschlussordnung vorgeschlagen, wo auch die netzdienliche Fahrweise von Speichern berücksichtigt wird.
Wo drückt der Schuh regulatorisch am meisten?
Das sind zum einen die Baukostenzuschüsse (BKZ). Diese machen derzeit zwischen zehn und zwanzig, teilweise dreißig Prozent der Investitionskosten eines Projektes aus. Ein Projekt, wo die BKZ dreißig Prozent ausmachen, würden wir faktisch nicht bauen. Derzeit werden Anlagen wegen des Baukostenzuschusses im massiven Stil nicht gebaut. Hier warten wir gerade auf eine Entscheidung des Bundesgerichtshofes (BGH) zur Berechnung der BKZ.
Einer der größten Effekte eines Speichers ist, dass er Redispatch-Maßnahmen verhindern kann. Aktuell gibt es keinen Mechanismus dafür, dass ein Netzbetreiber einen Speichertreiber dafür bezahlen kann, Redispatch zu verhindern. Dabei vermeiden wir, wenn ein Speicher überschüssigen Strom einspeichert, Abschaltungen von Erneuerbaren-Anlagen in großem Maße. Es gibt bislang schlicht keine Möglichkeit, dieses Verhalten finanziell zu belohnen. Auch hier setzen wir uns für Veränderungen ein.
"Das könnte für die Speicherbranche ein Todesstoß sein." ‒ Kyon Energy-Geschäftsführer Philipp Merk.
Ein Unterschied zwischen Speichern und Erneuerbaren-Anlagen ist noch, dass es bei Wind- und PV-Anlagen eine freiwillige finanzielle Beteiligung der Kommunen gibt. Ist das für BESS auch denkbar?
Eine Umsatz- und Gewinnbeteiligung der Kommunen sollte aus unserer Sicht nie kommen. Das könnte für die Speicherbranche ein Todesstoß sein. Bei Wind- und Solaranlagen in der EEG-Förderung lassen sich Einkünfte klar planen. Bei Speichern ist das anders. Wir gehen ein viel größeres Risiko ein und müssen uns vollständig am Markt finanzieren. Wenn ein Teil des Umsatzes an die Gemeinde gehen würde, könnte das Projekte verhindern.
Gemeinden profitieren allerdings bereits. So müssen 90 Prozent der Gewerbesteuer auf Speicher vor Ort abgeführt werden. Bei Kyon haben wir das auch schon vorher so gehandhabt. Allerdings war die rechtliche Regelung hier unklar. Das hat der Gesetzgeber jetzt nachgeschärft. Die Gewerbesteuer, die für ein großes BESS anfällt, ist signifikant. Im Vergleich zu einem Windpark mit der gleichen Leistung braucht es für einen Stromspeicher zudem deutlich weniger Fläche. Außerdem wird gleichzeitig die lokale Energieinfrastruktur gestärkt, es gibt also auch einen Nutzen vor Ort.
Das Interview führte Julian Korb.
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