Iwell wurde 2016 in den Niederlanden gegründet und hat sich bereits früh auf ein eigenentwickeltes, intelligentes und sicheres Energiemanagementsystem sowie skalierbare und flexible Batteriespeicherlösungen spezialisiert. Mit rund 100 Mitarbeitenden ist Iwell bereits ein etablierter Player im Markt, der Eintritt in Deutschland erfolgt nun mit einem eigenen Team. Das Unternehmen versteht sich als Anbieter integrierter Lösungen, die Erzeugung, Verbrauch und Lasten in Gewerbe und Industrie intelligent visualisieren, steuern und regeln. Im Fokus stehen vor allem netz- und marktdienliche Anwendungsszenarien – somit Use-Cases vor wie auch hinter dem Zähler. Manuel Schmidt, Country Director DACH im Gespräch über Netzengpässe, Blackouts und die Rolle von Energiemanagementsystemen.
Herr Schmidt, Iwell kommt aus den Niederlanden. Wie ist dort aktuell die Situation im Stromnetz?
In den Niederlanden sind große Teile des Stromnetzes überlastet. Die Netzbetreiber haben vielerorts einen Einspeisestopp verhängt – neue PV-Anlagen dürfen keinen Strom mehr ins Netz einspeisen. In manchen Fällen wurden sogar bestehende Einspeiseverträge gekündigt. Das zeigt, wie sehr Erzeugung und Verbrauch auseinanderlaufen. Ein entscheidender Faktor ist die Dezentralisierung unseres Energiesystems und die daraus resultierende Steigerung der Volatilität. Die Netzbetreiber haben Mühe, die Stabilität zu gewährleisten – unter anderem durch stark gestiegene Einspeisung aus Erneuerbaren und den schnellen Ausbau von Elektromobilität und Ladeinfrastruktur auf der Verbraucherseite.
Wie wird das Problem dort gelöst?
Es gibt regulatorische Maßnahmen wie die Einschränkung der Einspeisung. Vor allem aber setzen Unternehmen zunehmend auf Batteriespeicher – oft kombiniert mit einem Energiemanagementsystem (EMS) samt strukturiertem und zielgerichtetem Lastmanagement. In vielen Neubauten sind Speicher von Beginn an vorgesehen. Denn Flexibilisierung ist der Schlüssel, um Netze zu entlasten. Und Flexibilisierung funktioniert nur, wenn Erzeugung, Verbrauch und Speicher intelligent gesteuert und smart in Einklang gebracht werden.
Iwell geht davon aus, dass ähnliche Netzprobleme auch in Deutschland auftreten werden – nur zeitverzögert.
Genau. Das ist keine Einschätzung der Iwell, sondern ein Szenario, welches sich bereits heute abzeichnet und somit auch gut prognostizieren lässt. Die Struktur ist zwar eine andere – das deutsche Netz ist größer und leistungsfähiger – aber auch hier werden wir an Kapazitätsgrenzen stoßen. Das Zusammenspiel von dezentraler Erzeugung, Wärmepumpen, Ladeinfrastruktur und steigender Elektrifizierung erzeugt neue Lastprofile. Wenn wir nicht mit Flexibilitäten gegensteuern, kommt es auch bei uns vermehrt zu Engpässen.
Lässt sich das niederländische Szenario auf Deutschland übertragen?
In Teilen ja – vor allem der technische Ansatz. Wir sehen bereits, dass Speicher in Kombination mit EMS auch hier unersetzlich geworden sind. Allerdings ist die regulatorische Lage in Deutschland komplexer. Genehmigungsverfahren dauern länger, und es fehlt an Standardisierung. Das bremst die Umsetzung. Was wir aus den Niederlanden mitbringen, ist eine fast 10-jährige Erfahrung im Zusammenspiel von Speicher, intelligenter Software und dezentraler, use-case-optimierter Steuerung. Das wird auch in Deutschland helfen.
Aktuell steht chinesische Technik aus Sicherheitsgründen in der Diskussion. Wie geht Iwell damit um?
Wir nehmen die Diskussion sehr ernst. Bei unseren kleineren Systemen kommen teilweise chinesische Wechselrichter zum Einsatz – allerdings stets mit allen notwendigen Zertifizierungen, um eine reibungslose Anbindung in unsere Netze zu ermöglichen. Wichtiger Punkt: Unsere Speicherlösungen beinhalten immer unsere eigene EMS-Software, die als zusätzliche Sicherheitsschicht wirkt. Die gesamte Datenkommunikation läuft über unsere Plattform, die in Europa gehostet wird. So verhindern wir, dass Daten unkontrolliert nach außen gelangen.
In Spanien und Portugal kam es kürzlich zu einem großflächigen Stromausfall. Wären Speicher und EMS hier hilfreich gewesen?
Solche Blackouts lassen sich nicht immer verhindern – aber man kann sich besser dagegen wappnen. Speicher mit Ersatzstromfähigkeit und ein intelligentes EMS erhöhen die Resilienz. Sie können kritische Infrastrukturen versorgen oder gezielt beim Wiederanfahren nach einem Ausfall helfen. EMS-Systeme priorisieren Erzeugung sowie Lasten und helfen, eine geordnete Netzrückkehr zu ermöglichen. Es geht nicht um die hundertprozentige Absicherung, aber um mehr Unabhängigkeit und Sicherheit.
Sie waren auf der Intersolar. Wie war die Resonanz?
Sehr gut. Viele Besucher wollten zunächst wissen: Wer ist Iwell? Danach drehte sich viel um das Thema EMS – deutlich mehr als noch vor ein, zwei Jahren. Die Fragen zeigten, dass das Bewusstsein für Steuerung, Vernetzung und IT-Sicherheit wächst. Speicher allein sind kein Allheilmittel und dienen lediglich als Mittel zum Zweck. Entscheidend ist, wie intelligent man sie in die Infrastruktur einbindet.
Iwell ist stark im sogenannten Behind-the-Meter-Segment aktiv. Welche Erfahrungen bringen Sie aus diesem Bereich mit – und wie schätzen Sie die Lage in Deutschland ein?
BTM-Anwendungen, also Speicher und Steuerungssysteme hinter dem Zähler, sind nicht nur in den Niederlanden schon lange ein relevanter Bestandteil der Energiewirtschaft. Dort funktionieren viele Geschäftsmodelle im Zusammenspiel mit PV, Ladeinfrastruktur oder Wärmeerzeugern hinter dem Netzanschlusspunkt. In Deutschland sehen wir aktuell, dass dieser Bereich durch hohe regulatorische Hürden und unklare Wirtschaftlichkeit gebremst wird. Die Dynamik wird aber zunehmen – vor allem durch dynamische Tarife, steigende Strompreise und den zunehmenden Eigenverbrauch. Unsere Erfahrung aus komplexen BTM-Projekten in Logistik, Produktion oder Wohnquartieren kann hier als entscheidender Know-how-Transfer genutzt werden.
Wie ist Ihre Marktstrategie und wer gehört zur Zielgruppe?
Als Marktführer für sichere und smarte EMS-Lösungen sowie skalierbare Batteriespeicherlösungen für marktdienliche Anwendungsfälle in den Niederlanden und Belgien fokussieren wir uns jetzt auch auf die DACH-Region und UK. Der Aufbau unseres Teams läuft – erste Projekte mit Industrie und Logistik sind in Deutschland bereits umgesetzt, Stadtwerke folgen. Zielgruppen sind zudem Unternehmen mit hohem Energiebedarf beziehungsweise deutlich steigender Elektrifizierung in Zukunft, aber auch Asset Owner, die netzdienlich investieren möchten.
Welchen Zeithorizont verfolgt Iwell mit seinen Lösungen?
Unsere strategische Planung zeigt das Jahr 2028. Wir wollen bis dahin den Großteil unserer Lösungen im Bereich Batteriespeichertechnik und unsere Energiemanagementsoftware am Markt etabliert haben. Denn genau dort entstehen künftig die größten Herausforderungen – oder anders gesagt: dort liegt der größte "Pain". Unsere Vision ist es, Energie nicht nur als technische Komponente zu verstehen, sondern als das Herzstück für wirtschaftlichen Fortschritt und den sicheren Betrieb eines Unternehmens.
Frau Reiche ist neue Wirtschafts- und Energieministerin. Was wünschen Sie sich von der Politik?
Weniger Bürokratie und schnellere Prozesse. Wir erleben noch heute, dass die Freigabe und Umsetzung eines Netzanschlusses für einen Speicher Jahre dauern kann – nicht wegen Bauzeiten, sondern wegen komplexem Papierkram und mangelnden Ressourcen. Zudem brauchen wir klare regulatorische und technische Regeln und diskriminierungsfreie Verfahren. Die Politik sollte stärker das Gesamtsystem im Blick haben: Speicher, EMS, Netzintegration. Dafür braucht es Offenheit für Technologie und Vertrauen in pragmatische Lösungen europäischer Experten.
Das Interview führte Stephanie Gust



