Herr Neubauer, Sie sind Geschäftsführer von TSCNet Services, einem von fünf Regionalen Sicherheitskoordinatoren (RSC), die für die europäischen Übertragungsnetzbetreiber Berechnungen und Ratschläge zur Sicherheit der Stromnetze geben: Wie schätzen Sie persönlich die Corona-Krise und ihre Auswirkungen aufs europäische Stromnetz ein?
Generell ist zu erwarten, dass sich die Nachfrage nach Strom 2020 durch die Corona Krise merkbar nach unten entwickeln wird. Einige Mitgliedstaaten erwarten Nachfragesenkungen von 10 bis 15 Prozent des jährlichen Strombedarfs. Die Hauptfaktoren dafür sind in den aktuellen Produktionsstops der Industrie, aber sicherlich auch in der generellen “Remote Working”-Situation der Gesamtwirtschaft zu suchen. Der Rückgang im Verbrauch muss daher im Rahmen der Netzsteuerung berücksichtigt werden und wird durch die Verteilnetz- und Transportnetzbetreiber in die täglichen Prognoseprozesse integriert. Auf Basis dieser veränderten Prognosen wird dann das Netzmanagement entsprechend “eingestellt".
Sehen Sie eine Gefährdung der Versorgungssicherheit, wenn die Krise noch länger dauern sollte?
Alle Versorger und Betreiber von Kraftwerken und kritischen Infrastrukturen haben Notfallpläne, die in Krisensituationen greifen und unverzüglich umgesetzt werden, um den operativen Betrieb der Infrastrukturen sicher zu stellen. Eine generelle Gefährdung der Versorgungssicherheit ist nicht zu erwarten, da die operativen Prozesse derzeit nicht geändert werden müssen oder durch externe Einflüsse, etwa Naturkatastrophen oder kritische Netzsituationen, gestört worden sind. Das Hauptaugenmerk liegt derzeit beim Schutz des operativen Personals, um den 24/7-Betrieb der kritischen Infrastrukturebenen sicher zu stellen. Wie aktuell schon berichtet wird, stellen sich Kraftwerks- und Netzbetreiber durch Sondermaßnahmen auf die aktuelle Situation ein.
Wie wirkt sich die Pandemie auf Sie als europäischer RSC aus? Hat sich das Arbeiten in München verändert?
Die europäischen Regional Security Koordinatoren, die im 24/7-Betrieb die regionale Analyse des Übertragungsnetzes gemeinsam mit den Europäischen TSO durchführen, haben keine direkte Steuerungsverantwortung in den Netzen. Wir agieren als Frühwarnsystem, das auf Basis der verfügbaren Netzdaten auf mögliche Engpässe und Gefahrensituationen hinweist und gemeinsam mit den Kontrollzentren unserer Netzbetreiber Risikominderungsmaßnahmen einleitet. Auch TSCNet hat vor etwa zwei Wochen alle Maßnahmen ergriffen, um unsere Mitarbeiter so weit wie möglich vor der Pandemie zu schützen. Dazu gehören die Verlagerung fast aller Mitarbeiter ins Homeoffice sowie Spezialmaßnahmen für unser Operationsteam, um die 24/7-Unterstützung der Netzbetreiber weiterhin zu gewährleisten. Da fast alle Prozesse von TSCNet bereits hoch digitalisiert sind und zudem auch in normalen Zeiten oftmals komplett virtuell kommuniziert wird, stellt die aktuelle Situation uns nicht vor extreme Herausforderungen, sondern verändert nur marginal die Arbeitsweise in Projekten und den täglichen Prozessabläufen. Bislang sind wir sehr zuversichtlich unsere Services auch weiterhin in hoher Qualität durchführen zu können, um unsere TSO-Partner wie gewohnt im Rahmen der Netzsicherheit zu unterstützen.
Die Fragen stellte Stephanie Gust



