Die Lausitz steht wie kaum eine andere Region in Deutschland für die Gleichzeitigkeit von Ausstieg und Aufbau im Energiesystem. Während die Braunkohleverstromung schrittweise endet, wachsen erneuerbare Erzeugung, Speicher und neue flexible Kraftwerkskapazitäten parallel heran. Mit der Ausweisung als erstes Net-Zero-Valley Europas soll sich die Region nun endgültig als bundesweites Reallabor der Energiewende etablieren.
Der Ansatz folgt dem Net-Zero-Industry-Act der Europäischen Union, der die industrielle Basis für klimaneutrale Schlüsseltechnologien in Europa stärken soll. Am Dienstag haben Sachsen und Brandenburg die Lausitz als erste Region zur ersten Modellregion für die Industrie der Zukunft erklärt.
Konkret bedeutet das: Auf rund 800 Hektar ausgewiesener Industrieflächen sollen Unternehmen aus den Bereichen Batterie- und Speichertechnologien, Wasserstoffwirtschaft sowie Stromnetz- und Systemtechnik angesiedelt werden.
Für Stadtwerke und Energieversorger ist dabei weniger der industriepolitische Titel entscheidend als die systemische Realität vor Ort: hohe installierte Leistung aus erneuerbaren Energien, leistungsfähige Netzknoten und die praktische Erfahrung mit dem Umbau eines ganzen Energiereviers.
Ansiedlung von Industrie und Rechenzentren
Brandenburg verfügt bereits heute über eine installierte Leistung von mehr als 18 Gigawatt (GW) aus erneuerbaren Energien. Gleichzeitig entstehen neue Lasten und Anforderungen an Netzstabilität, Regelenergie und Versorgungssicherheit. Ehemalige Kraftwerksstandorte in Ostdeutschland spielen dabei eine Schlüsselrolle.
Denn sie verfügen über leistungsfähige 380-Kilovolt (kV)-Anschlüsse, bestehende Infrastruktur und qualifiziertes Personal. In einer Phase, in der Unternehmen in anderen Regionen teils jahrelang auf neue Netzanschlüsse warten, dürfte dieser Standortvorteil energiepolitisch relevant sein – auch für die Ansiedlung stromintensiver Industrie oder großer Rechenzentren.
Der Energiekonzern Leag will diese Ausgangslage daher gezielt nutzen. Das Unternehmen richtet sein Geschäftsmodell bereits seit längerem neu aus und investiert in Windkraft, Photovoltaik und vor allem in großskalige Batteriespeicher. Mit der sogenannten Gigawatt Factory verfolgt der große Stromerzeuger ein integriertes Systemkonzept, das erneuerbare Erzeugung, Energiespeicher im Gigawattmaßstab und wasserstofffähige Gaskraftwerke miteinander verbindet.
In Jänschwalde (Brandenburg) und Boxberg (Sachsen) sind etwa Batteriespeicher mit insgesamt mehr als 1,4 GW Leistung und mehreren Gigawattstunden Kapazität geplant. Sie sollen innerhalb von Sekunden Regelenergie bereitstellen, Frequenzschwankungen ausgleichen und die volatile Einspeisung aus Wind und Sonne glätten.
Leag-Chef sieht Modell für Deutschland
Für Leag-Vorstandschef Adolf Roesch ist diese Entwicklung kein regionales Sonderprojekt, sondern ein Modell für das gesamte deutsche Stromsystem. Ein zunehmend wetterabhängiges Energiesystem lasse sich ohne Speicher und flexible Kraftwerke weder technisch noch wirtschaftlich stabil betreiben.
Ostdeutschland zeige bereits heute, wie der gleichzeitige Rückbau konventioneller Erzeugung und der Aufbau neuer Systemkomponenten organisiert werden kann. Der Kohleausstieg werde hier nicht isoliert betrachtet, sondern in eine Ersatzlogik eingebettet, bei der Speicher, erneuerbare Erzeugung und flexible Kapazitäten gemeinsam wachsen.
Damit dieses Modell übertragbar wird, sieht Roesch allerdings deutlichen politischen Handlungsbedarf. Entscheidend sei ein weiterentwickeltes Marktdesign, das Flexibilitäten und systemdienliche Leistungen angemessen vergütet. Großspeicher und flexible Kraftwerke bräuchten verlässliche Erlösmodelle jenseits kurzfristiger Strompreissignale.
Zudem fordert er eine klare Kraftwerksstrategie ab 2026 mit verbindlichen Ausschreibungen für gesicherte Leistung sowie deutlich beschleunigten und planbaren Genehmigungsverfahren. Ohne diese regulatorischen Leitplanken drohten Investitionen ins Stocken zu geraten – trotz technischer Reife und regionaler Akzeptanz.
Genehmigungsturbo für die Region
Die geplante Net-Zero-Modellregion in der Lausitz könnte hier als Testfeld dienen. Mit gebündelten Genehmigungen, angekündigten Förderprogrammen und einer zentralen Anlaufstelle für Investoren sollen Projekte schneller umgesetzt werden.
Gleichzeitig gibt es Kritik von Umweltverbänden, die befürchten, dass Umweltstandards und Beteiligungsrechte unter Druck geraten. Für die Region selbst ist der Anspruch jedoch klar: Die Energiewende soll nicht nur schneller, sondern auch systemisch robuster werden.
In Deutschland wollen auch das Rheinische Revier und die niedersächsische Küstenregion als Net-Zero-Valley anerkannt werden. Net-Zero-Valleys sollen die Ansiedlung von Produktionskapazitäten erleichtern. Dafür stellen etwa Sachsen und Brandenburg nun auch zentrale Anlaufstellen bereit, die sich um alle notwendigen Genehmigungsverfahren kümmern. (Mit Material der Deutschen Presse-Agentur)



