Der Ausbau der Offshore-Windkraft in Nord- und Ostsee ist gefährdert. Grund sind Verzögerungen bei den Netzanschlüssen, wie aus einem Schreiben des Bundesamts für Seeschifffahrt und Hydrographie (BSH) an die Bundesnetzagentur vom 26. Januar 2024 hervorgeht.
Darin heißt es, bei insgesamt vier Netzanbindungssystemen würden sich "Verzögerungen bei der Realisierung ergeben". Es geht um Anschlüsse, die planmäßig zwischen 2029 und 2031 errichtet werden sollten. Dem Papier zufolge geht es um Verzögerungen von mehreren Monaten bis in einem Fall bis zu zwei Jahren. Laut Berichten des "Handelsblatt" sind Lieferengpässe die Ursache.
Ausbauziele in Frage
Die Warnungen des BSH müssten analysiert werden, fordert Stefan Thimm, Geschäftsführer des Bundesverbandes der Windparkbetreiber Offshore (BWO). "Sollte sich diese Situation bestätigen oder sogar verschärfen, stellt dies die gesetzlich vereinbarten Ausbauziele in Frage und sendet ein Signal der Unsicherheit in die Wertschöpfungskette."
Die zentralen Engpässe bei den Produktionskapazitäten, den Häfen, Schiffen und nicht zuletzt den Fachkräften seien bekannt. Der BWO fordert nun eine umfassende Windenergie-auf-See-Strategie, die neben den energiewirtschaftlichen Fragen auch die Lieferkette und die Häfen sowie andere wichtige Infrastrukturen in den Blick nimmt.
Zunehmender Redispatch
Darüber hinaus ist die Produktion von Offshore-Windstrom auch aus anderen Gründen gefährdet. So ging der Ertrag im vergangenen Jahr laut Zahlen des Übertragungsnetzbetreibers Tennet um rund neun Prozent auf rund 19,24 Terawattstunden (TWh) zurück. 2022 waren es noch 21,14 TWh gewesen. Gleichzeitig lag die installierte Leistung der Offshore-Windparks in der deutschen Nordsee Ende 2023 bei 7106 MW ‒ und damit höher als im Vorjahr (7036 MW).
Grund für den schrumpfenden Stromertrag sind laut Tennt die zahlreichen Engpässe im Stromnetz an Land. So müssten immer öfter die großen Windparks in der Nordsee abgeregelt werden, weil es kaum noch konventionelle Großkraftwerke im Norden gibt, die stattdessen gedrosselt werden könnten, wie Tennet-CEO Tim Meyerjürgens erläutert. "In der Folge bremst der damit einhergehende sogenannte Redispatch die Erzeugung von Offshore-Windstrom."
Negative Preisentwicklung
Dies beeinträchtige nicht nur die Einspeisemengen von Strom, sondern belaste auch dessen Preisentwicklung. "Erschwerend kommt hinzu, dass wir dort, wo wir das Bestandsnetz tatkräftig ausbauen und fit machen für die Energiewende, die stromführenden Leitungen temporär abgeschaltet werden müssen, um diese Maßnahmen sicher durchführen zu können."
Die gesamte Windstromerzeugung an Land und auf See in Deutschland bezifferte Tennet 2023 auf 148,97 TWh – 26,18 TWh mehr als im Jahr zuvor. Der Anteil des Nordseestroms sank dabei um etwa vier Prozentpunkte auf rund 13 Prozent. Die Windanlagen in der Ostsee wiederum – sie liegen im Netzgebiet der Firma 50Hertz – erzeugten nach Tennet-Angaben im vergangenen Jahr 4,17 TWh. Das waren 0,55 TWh mehr als 2022. (jk mit dpa-Material)



